Rundschau: Tolkien in Love

    Ansichtssache1. Juli 2017, 10:00
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    Die größte Liebesgeschichte Mittelerdes und neue Phantastik-Romane von Ian McDonald, Cory Doctorow und Sylvain Neuvel

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    foto: arctis verlag

    Madeline Ashby: "Company Town. Niemand ist mehr sicher"

    Gebundene Ausgabe, 381 Seiten, € 21,60, Arctis Verlag 2017 (Original: "Company Town", 2016)

    Nun zu einem interessanten Roman aus Kanada – kein Debüt übrigens, wie im Klappentext steht: Die Journalistin Madeline Ashby hat bislang einige Kurzgeschichten und auch Romane veröffentlicht. Mit ihrem jüngsten Buch hat sie allerdings ein neues Aufmerksamkeitslevel erreicht und führt uns in eine Zukunft, in der körperliche Augmentierung und Gentechnologie zum Alltag gehören, ja sogar Teil der Gesundheitsfürsorge sind. Durch staatlich finanzierte genetische Anpassungen ist der Durchschnittsbürger ein stinknormaler gottverdammter Übermensch geworden, wie Hauptfigur Go Jung-hwa grummelt.

    Im Auftrag der Prostituiertengewerkschaft

    Hwa selbst hatte leider weniger Glück. Wegen einer Mischung aus Armut und Wurschtigkeit ihrer Mutter wurde ihre Krankheit nicht rechtzeitig behandelt: Das Sturge-Weber-Syndrom hat Hwas Gesicht entstellt, wirkt sich auf ihre Sehkraft aus und kann sogar epileptische Anfälle auslösen. Die meisten Menschen können ihren "Makel", wie sie es nennt, allerdings gar nicht sehen: Da jeder Linsenimplantate trägt, sorgt ein offenbar ubiquitärer Anstandsfilter dafür, dass eine behübschte Version ihres Gesichts eingespielt wird (hundertprozentig klar geht aus der Erzählung freilich nicht hervor, wer für die Filtereinstellungen verantwortlich ist).

    Die 22-jährige Hwa indes trägt, ungewöhnlich für ihre Zeit, keinerlei Implantate, was sie immerhin für Hacker unangreifbar macht. In New Arcadia, einem zur Stadt angewachsenen Bohrinsel-Komplex vor der kanadischen Küste, arbeitet sie als Bodyguard für Sexarbeiterinnen. Dass sie selbst der Prostituiertengewerkschaft angehört, ist übrigens ein Glück, denn Hwa wird im Verlauf des Romans ordentlich einstecken müssen. Solche Krankenhauskosten möchte man nicht aus eigener Tasche zahlen. "Company Town" ist nebenbei bemerkt der erste SF-Roman seit längerem, in dem ich überhaupt das Wort Gewerkschaft gelesen habe: Man merkt, dass er nicht aus den USA, sondern aus Kanada kommt.

    Ende des Alltags

    Hwas Leben ändert sich, als New Arcadia die Besitzer wechselt und die reiche Familie Lynch einschwebt. Der Oberboss möchte Hwa als Beschützerin und Kampftrainerin für seinen 15-jährigen Sohn Joel engagieren, der ein kleines Genie ist und den Konzern trotz des Vorhandenseins älterer Geschwister eines Tages übernehmen soll (da klingt bereits ein erster Konflikt an). Er hat nämlich Drohbriefe erhalten – und die kommen nicht einfach von irgendwoher, sondern angeblich aus der Zukunft ...

    Direkter Vorgesetzter Hwas ist nun Daniel Síofra. Der ist erstens recht ansehnlich und zweitens hat sie ihm bei der Erstbegegnung aufgrund eines Missverständnisses die Nase gebrochen. Daraus dürfen wir messerscharf schließen, dass sich hier ein potenzielles Love Interest abzeichnet. Allerdings birgt Daniel auch einige Geheimnisse, zum Beispiel hat er keinerlei Erinnerungen an die Zeit, bevor er für Lynch arbeitete.

    Weitere Thriller-Elemente vervollständigen den Plot: Es kommt zu äußerst brutalen Morden an einigen Prostituierten, Joel wird tatsächlich attackiert und Hwa glaubt im Gischtregen einer Sprinkleranlage die Umrisse eines Unsichtbaren zu sehen (was freilich auch eine Sinnestäuschung aufgrund eines ihrer Anfälle sein könnte). Außerdem nagt immer noch der Tod ihres Bruders an ihr, der ums Leben gekommen war, als eine Bohrinsel aus unbekannten Gründen explodierte – verdächtig kurz, bevor Hwas neuer Arbeitgeber New Arcadia übernahm. Da gilt es also insgesamt eine ganze Menge rätselhafter Umstände aufzuklären.

    Quer durch die SF-Palette

    Obwohl Ashby als Berufsbezeichnung Schriftstellerin und Futurologin trägt, hat ihre Zukunft nicht unbedingt ein einheitliches Design. Implantate für Vernetzung und gesteigerte Sinneswahrnehmungen oder auch zur Selbstkontrolle von Emotionen erinnern an Cyberpunk. Wir werden mit Hwa aber auch ein virtuelles Whitechapel aus dem 19. Jahrhundert betreten, als wär's das Holodeck auf der "Enterprise". Zwischendurch schnipselt der freundliche Roboterarzt Dr. Mantis an ihr herum und freut sich, wenn mal einer seiner Witze ankommt ("Wirklich? In Bezug auf den Umgang mit Patienten bin ich noch in der Prototypphase."). Und noch futuristischer erscheint eine Kristallkugel "von jenseits der Singularität", die "Rohdaten unserer hochgeladenen Zukunft" enthält. Insgesamt erscheint diese Mischung wie ein Streifzug durch die Möglichkeiten von SF-Land.

    Ebenfalls ein kleines bisschen disparat wirkt der Stil. Manchmal leicht hopperdatschig (Wären Kürbisse in der Lage gewesen, jemanden anzustarren, dann hätten sie dabei bestimmt genauso ausgesehen ...), dann wieder sehr schön gelungen. Hier etwa ein Gespräch, das das gelinde gesagt komplizierte Verhältnis zwischen Hwa und ihrer Mutter Sunny treffend charakterisiert: "Ich habe dich im Krankenhaus besucht." [...] "Wann?" "Gestern. Du hast geschlafen." "Ich lag im Koma." Ihre Mutter zuckte mit den Achseln. "Du sahst gut aus, daher bin ich wieder gegangen." Hwa wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Bis zu diesem Augenblick hatte sie nicht gewusst, dass man auch etwas falsch machen konnte, wenn man im Koma lag.

    Letztendlich sind solche Schwankungen aber nur kleine Aufs und Abs in einem insgesamt gesehen ansprechenden Roman. Spannend ist, dass die Art, in der "Company Town" angelegt ist, völlig offen lässt, wie Ashbys weiterer Weg aussehen wird. Sie könnte weiter in die SF vordringen, aber auch einen Thriller ohne jedes Phantastik-Element schreiben. Sie könnte dem Lockruf der YA-Dystopie folgen und einen lukrativen Vertrag für eine Trilogie unterzeichnen – oder sie widmet sich wieder der Futurologie und wechselt in den Sachbuchbereich. Wird interessant sein, von Zeit zu Zeit ein Auge auf ihre neuen Projekte zu werfen.

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