Rundschau: Tolkien in Love

    Ansichtssache1. Juli 2017, 10:00
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    Die größte Liebesgeschichte Mittelerdes und neue Phantastik-Romane von Ian McDonald, Cory Doctorow und Sylvain Neuvel

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    foto: heyne

    Peter Clines: "Der Raum"

    Broschiert, 590 Seiten, € 10,30, Heyne 2017 (Original: "14", 2012)

    Inzwischen kann es mir endlich nicht mehr passieren, dass ich Peter Clines und Ernest Cline – beides US-amerikanische Autoren phantastischer Unterhaltungsliteratur – verwechsle: Peter Clines ist der, den ich sympathisch finde und dessen Bücher mir Spaß machen.

    "Der Raum" stammt aus dem Jahr 2012, also der Zeit, als Peter Clines noch mit seiner ziemlich tollen "Ex"-Reihe beschäftigt war (Kurzbeschreibung: Superhelden kämpfen gegen Zombies). Dank dem erfolgreichen "Der Spalt" hat nun also auch dieses Werk nachträglich seinen Weg ins Deutsche gefunden – wäre schön, wenn die "Ex"-Reihe dem auch noch folgen könnte. "Der Raum" indes ist eine Mystery. Und ein wesentlicher Teil des Geheimnisses ist der Umstand, dass wir sehr lange rätseln dürfen, welche Richtung diese Mystery einschlagen wird: Horror? Science Fiction? Urban Fantasy? Ein Verschwörungsthriller? Die Ungewissheit hat ihren Reiz.

    Find du mal eine erschwingliche Wohnung in Hollywood

    Zur Handlung: Nate Tucker hat einen geistlosen Job in der Datenbearbeitung einer zweitklassigen Zeitschrift, die auf Filmstar-Tratsch spezialisiert ist. Als sich seine WG auflöst, muss er eine neue Bleibe finden und bekommt einen Tipp, der sich als Schnäppchen erweist. Seine neue Wohnung liegt in einem "Kavach" benannten Ziegelbau aus dem 19. Jahrhundert, für den Hipster töten würden, blickt auf die Hollywood-Buchstaben und ist trotzdem grotesk billig.

    Natürlich kommen Nate schon bei der Wohnungsbesichtigung ein paar Dinge nicht ganz koscher vor. Da ist zum Beispiel eine ganze Reihe Türen mit Vorhangschlössern gesichert – etwa die zur Wohnung Nr. 14 (der Roman heißt im Original "14"). Oder es huscht eine grüne Kakerlake durchs Zimmer, die sich bei näherer Betrachtung als siebenbeinig erweisen wird – wie alle ihre Artgenossen im Haus. Aber wie sagt die Maklerin doch so schön? "Es ist ein altes Gebäude. Da muss man mit Seltsamkeiten rechnen." Ja, und die Skywalkers haben nur ihren Termin bei der Familienberatung versäumt.

    Rätsel über Rätsel

    Rasch wird Nates Liste der seltsamen Phänomene länger: Niemand im Haus träumt. Die Wohnung einer Nachbarin hält ganz ohne Klimaanlage stets dieselbe Temperatur. Egal welche Glühbirne er in seiner Küche einschraubt – sie strahlt immer nur Schwarzlicht aus. Und das Kavach selbst trägt zwar Denkmalschutzplaketten, findet sich aber in keinem öffentlichen Verzeichnis. Woher die Elektrizität kommt, weiß auch keiner, denn ans Stromnetz ist das Haus nicht angeschlossen. Spätestens als die Maklerin der Hausverwaltung durch einen Zufall als engagierte Schauspielerin entlarvt wird, wird Nate klar, dass hier etwas oberfaul sein muss.

    Man könnte hier noch eine ganze Zeitlang weiter aufzählen, aber irgendwann muss man aufhören, um nicht zu spoilern. Also besser schon jetzt (wir sind noch früh im Roman) und jeden Leser selbst vergnügt weiterrätseln lassen. "Der Raum" wird noch mit jeder Menge Entdeckungen aufwarten – dazu gehört auch die Überraschung, die sich hinter Tür 14 verbirgt.

    Die Scooby-Gang ermittelt

    Das Besondere an der Art, in der Clines seine Geschichte erzählt, ist der Umstand, dass die erwartbare Atmosphäre des Bedrohlichen fehlt (ein weiterer Punkt zum Rätseln: Wird das so bleiben?). Nate etabliert diesen gewissen Einer-von-uns-Erzählton, der den Leser mitnimmt. Und die Nachbarn auch: Sukzessive gewinnt Nate die übrigen MieterInnen für seine Mission, die Geheimnisse des Kavach aufzudecken: die technisch versierte Nerdine Veek, die freizügige Kellnerin-Slash-Künstlerin Xela, das gebildete Ehepaar Clive und Debbie und nicht zuletzt den schwer durchschaubaren Tim. Was der an Geheimagententechniken drauf hat, ist wirklich erstaunlich – aber stets beteuert er, alles Wissen aus den Büchern bezogen zu haben, die er in seinem Kleinverlag angeblich herausbrachte. Lesen bildet eben!

    Damit stehen wir vor der ungewöhnlichen Konstellation, dass die Mietparteien eines ganzen Hauses zur Scooby-Gang mutieren; sie beziehen sich auch selbst explizit auf die legendäre Zeichentrickserie "Scooby-Doo" aus den 70ern und streiten sich darum, wer Velma, Daphne oder Shaggy sein darf. Das ergibt einen Erzählton, der weit entfernt ist vom Satz "Dieses Apartment ist die Hölle", der unheilschwanger auf der Rückseite des Buchs prangt. Ob dieser Satz trotzdem noch zu seinem Recht kommen wird ... abwarten und weiterblättern. "Der Raum" ist ein vergnüglicher Pageturner, der sich weit leichter und kürzer als die knapp 600 Seiten anfühlt, die er hat.

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