Rundschau: Tolkien in Love

    Ansichtssache1. Juli 2017, 10:00
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    Die größte Liebesgeschichte Mittelerdes und neue Phantastik-Romane von Ian McDonald, Cory Doctorow und Sylvain Neuvel

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    foto: tor books

    Cory Doctorow: "Walkaway"

    Gebundene Ausgabe, 379 Seiten, Tor Books 2017, Sprache: Englisch.

    Stell dir vor, es ist Kapitalismus, und keiner geht hin. Wie sich die Welt verändern könnte, wenn die "Powers that be" die Deutungshoheit über sie verlieren, schildert der Autor, Blogger und nimmermüde Datenschutz-Aktivist Cory Doctorow in seinem jüngsten Roman. "Walkaway", das insgesamt ein ordentlicher Brocken ist, richtet sich an ein erwachseneres Publikum als frühere Werke (etwa "Little Brother"), hat aber dennoch hohen Wiedererkennungswert. Wie gehabt ist die Handlung randvoll mit den Themen, die sich durch Doctorows ganze schriftstellerische und journalistische Karriere ziehen.

    Das Szenario

    Schauplatz des Romans ist Kanada in einer nahen Zukunft – ein paar Jahre nachdem der neue Luftschiff-Boom wie so viele andere Blasen vor ihm geplatzt ist. Das ist zwar keine exakte Datierung, fühlt sich aber konkreter an als irgendeine Jahreszahl. Die Tendenzen unserer Gegenwart haben sich nahtlos fortgesetzt und mittlerweile einen kritischen Punkt erreicht: Das gilt für die Folgen des Klimawandels (der hier aber nur eine untergeordnete Rolle spielt) und vor allem für die Schere zwischen Arm und Reich. Fast alles Kapital auf Erden liegt mittlerweile in den Händen von einem Promillebruchteil der Bevölkerung – Menschen, die nicht mehr bloß mega- oder giga-reich sind; man nennt sie jetzt kurz Zottas. Ihren Reichtum betrachten sie als die natürliche Ordnung der Dinge.

    Staatliche Institutionen und bankrott gegangene Städte wurden privatisiert, ganze Landstriche hat man als unrentabel aufgegeben. Zugleich bieten die Brachflächen aber auch einen wachsenden Rückzugsraum für diejenigen, die nicht mehr mitspielen wollen. Immer mehr Menschen folgen der Philosophie des Walkaway: Sie ziehen in die "Wildnis" hinaus und bauen sich dort neue egalitäre Gemeinschaften auf, die auch bestens funktionieren. Da sich die Zottas ohnehin am liebsten von der Restmenschheit abspalten würden, dulden sie die Abwanderung ... zumindest für einige Zeit. Als sich aber abzeichnet, dass da ein echtes Konkurrenzmodell zu ihrem Verständnis der Welt heranwächst (ironisch als default reality bezeichnet), schicken sie Söldnertrupps und Drohnenbomber los. Merke: Cory Doctorow ist zwar ein Optimist, der Utopien für möglich hält. Aber auch realistisch genug, um zu wissen, dass keine grundlegende Revolution unblutig bleiben wird.

    Kinder der Default-Realität

    Der Roman beginnt mit drei Hauptfiguren zwischen 20 und 30, die allesamt noch "in der Default" leben. Zwei davon sind Normalsterbliche: Hubert Espinoza hat so viele Vornamen, dass alle ihn "Hubert, Etc." oder überhaupt nur "Etcetera" nennen. Seine Eltern haben ihm diese unglaublich lange Namensliste übrigens aus gutem Grund gegeben: Es war ein legales Schlupfloch, um in Dokumenten andere als seinen real name verwenden zu können. Sein bester Freund heißt Seth und spricht stets das aus, was sich der brave Hubert verkneift – der nennt Seth deshalb sein "tragbares externes Es: manchmal unangenehm und unangemessen, aber praktisch".

    Eines Tages treffen die beiden Kumpels Natalie Redwater, die aus einem Zotta-Haushalt stammt, aber auf Rebellin macht. Sie organisiert Raves ("Putting the 'party' back into Communist party makes a difference"), die in stillgelegten Fabriken stattfinden. Dass diese noch voll funktionsfähig wären, illustriert den Irrsinn der Zotta-Gesellschaft besonders schön. Natalie & Co reaktivieren auf solchen Raves illegalerweise die Anlagen und verteilen die Produkte gratis an die Besucher – bis die Polizei einschreitet. Als bei einer Drohnen-gesteuerten Razzia ein Bekannter Natalies getötet wird, entschließt sie sich zusammen mit Hubert und Seth für den Walkaway.

    Draußen in der Utopie

    Als nächstes lernen sie und wir Limpopo kennen, die schon länger außerhalb der Default-Realität lebt und die drei Neulinge in die Welt des Walkaway einführt. Es ist eine Gesellschaft, die weder auf Geld noch auf Tauschgeschäften basiert. Limpopo beschreibt ihr Wesen als "selbstorganisierende Homöostase". Das dürfen wir uns in etwa wie eine Party vorstellen, zu der die Gäste die Getränke mitbringen, für die Musik sorgen und zum Abschluss auch den Müll raustragen. Und wenn jemand dazwischenfunkt oder sich gar zum Ortskaiser aufschwingen will, ziehen die anderen einfach weiter und lassen ihn als Ein-Mann-Hierarchie zurück.

    Das klingt recht utopisch – und theoretisch möglich ist es ohnehin nur, weil der technische Stand von Doctorows Zukunft Möglichkeiten bietet, die historischen Aussteigerbewegungen nicht zur Verfügung standen. So liefern Solar- und Brennstoffzellen ausreichend Energie und Drohnen sammeln Rohmaterialien, aus denen 3-D-Drucker nahezu jedes beliebige Produkt herstellen können. Die untereinander gut vernetzten Walkaways entwickeln und verwenden jede Menge intelligenter Materialien und sonstiger Hightech. Ähnlich wie in den Romanen Paolo Bacigalupis ist diese Zukunftswelt zwar wegen ungerechter Verteilung ärmer, aber deswegen nicht dümmer geworden – ein eigentlich sehr realistisches Gegenmodell zum klassischen SF-Szenario vom Rückfall ins vorindustrielle Zeitalter oder gar in die Barbarei.

    Die magische Technologie-Formel

    Realismus statt Eskapismus ist auch dann Doctorows Devise, wenn er Romane schreibt. Ob Überwachung, Datenschutz oder geistiges Eigentum: Sein zentrales Anliegen ist es, uns fit fürs digitale Zeitalter zu machen und uns unbequeme Wahrheiten vor Augen zu führen. Deren wichtigste es wohl ist, dass wir alle in Zukunft etwas mehr Aufwand betreiben werden müssen, um unsere Persönlichkeitsrechte zu schützen. Wer diesen Aufwand scheut oder die Augen zumacht, wird seine Rechte abtreten.

    Für alle, die das Gefühl haben, dass die technische Entwicklung sie längst überrollt hat und allmählich am Horizont verschwindet, hält Doctorow übrigens ein hübsches Bonmot bereit: "Anything invented before you were eighteen was there all along. Anything invented before you're thirty is exciting and will change the world forever. Anything invented after that is an abomination und should be banned." Na, erkennt sich darin noch jemand wieder?

    Kleinere Abstriche

    Thematisch entspricht "Walkaway" wie gesagt Doctorows diversen Kolumnen und Rubriken und ist darum etwas theorielastig. Was es wiederum dialoglastig macht. Die Handlung besteht (übrigens nicht als letztes Beispiel in dieser Rundschau) zu einem erklecklichen Teil aus Diskussionen oder Monologen; hier sind sie zumeist politischer Natur. Das ist zwar folgerichtig, vor allem im sehr langen Mittelteil mitunter aber auch ein bisschen zäh.

    Etwas aufgepfropft wirkt für mich ein später hinzukommendes Motiv: Nämlich dass die Walkaways eine Möglichkeit entwickeln, Bewusstseinskopien upzuloaden und mit dieser "virtuellen Unsterblichkeit" die Zottas endgültig aufscheuchen. Das ist zwar gewissermaßen auch ein Walkaway – weg von der Körperlichkeit –, aber notwendig wär's nicht gewesen. Vielleicht hätte Doctorow das besser im zweiten Teil einer Duologie gebracht und es dann genauso umfassend beleuchtet wie hier das Thema Verteilungsgerechtigkeit. Einige kurz aufgezeigte Aspekte (z.B. die Gefahr der Manipulierbarkeit der digitalen Persönlichkeiten) deuteten ja bereits an, dass es da noch reichlich Neuland zu erkunden gäbe.

    Unterm Strich ist "Walkaway" wohl eines der wichtigsten SF-Bücher des Jahres – und eines, das teils Vergnügen, teils Kopfweh, teils Hoffnung macht. Sollte man gelesen haben, sage ich mal ganz ungeniert. Dafür nehme ich es auch niemandem krumm, wenn er oder sie danach zur Erholung erst mal drei Bücher liest, die nur aus Spaß, Spannung und garantiert keiner Botschaft bestehen.

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