Rundschau: Tolkien in Love

    Ansichtssache1. Juli 2017, 10:00
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    Die größte Liebesgeschichte Mittelerdes und neue Phantastik-Romane von Ian McDonald, Cory Doctorow und Sylvain Neuvel

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    foto: subterranean press

    John Scalzi: "The Dispatcher"

    Gebundene Ausgabe, 130 Seiten, Subterranean Press 2017, Sprache: Englisch.

    Zuletzt war Erfolgsautor John Scalzi mit seiner im März erschienenen Weltraumsaga "The Collapsing Empire" in aller Munde ... unter anderem auch deshalb, weil sie von jemand, dessen Namen hier zu nennen zu viel der Ehre wäre, umgehend schamlos plagiiert wurde. Im Oktober wird Scalzis Roman auch schon bei Fischer Tor auf Deutsch erscheinen ("Kollaps – Das Imperium der Ströme"). Die Wartezeit bis dahin können sich Fans des Autors mit dieser Novelle verkürzen, da Scalzi ja trotz seines Mega-Vertrags mit Tor offensichtlich immer noch Zeit hat, nebenher was bei Kleinverlagen wie Subterranean Press zu veröffentlichen.

    Gesundheitssystem der anderen Art

    "Dispatcher" ist der Titel der Novelle und die Berufsbezeichnung der Hauptfigur, Tony Valdez. Wir lernen ihn kennen, als er – sehr zum Missfallen der Chirurgin – bei einer riskanten Herz-OP neben dem Ärzteteam in Stellung geht und abwartet. Als die Operation schiefgeht, schreitet Tony ein: Er zückt ein applicator genanntes Gerät und schießt dem Patienten eine Ladung in den Mund. Und es war kein Medikament: I had purposefully and intentionally killed a man. I was the direct and immediate cause of his death.

    ... und gleich darauf ist der Leichnam verschwunden, die Luft stößt mit einem sanften Plopp ins Vakuum vor. So läuft das in der Welt der Novelle nämlich seit mittlerweile acht Jahren ab: Wann immer jemand ermordet wird, taucht das Opfer kurz darauf in seinem Zuhause wieder auf, nackt und unversehrt. Nicht bei Selbstmord, nicht bei Unfall – nur bei Mord tritt der unerklärliche Effekt auf. Die bei einer staatlichen Agentur angestellten Dispatcher retten also Leben, wenn alle anderen Mittel versagen.

    Idee und Ausführung

    In seinem Blog "Whatever" führt Scalzi eine eigene Rubrik mit dem Titel "The Big Idea", in der er neue Werke anderer AutorInnen vorstellt. Sein Interesse an ungewöhnlichen Konzepten – manchmal "Ideen-SF" genannt – wird in "The Dispatcher" besonders deutlich. Ausgangspunkt der Handlung ist nicht das vermutlich übernatürliche Phänomen selbst (etwa durch eine Beschreibung des erstmaligen Auftretens). Stattdessen ist Scalzi gleich ein paar Schritte nach vorn gesprungen und hat sich überlegt, welche Folgen das Phänomen nach sich ziehen könnte. Zum Beispiel dass Versicherungsgesellschaften darauf bestehen könnten, bei Risiko-OPs einen Dispatcher bereitzuhalten.

    Der eigentliche Plot ist simpel: Ein Kollege Tonys ist verschwunden, dessen Wohnung zeigt Anzeichen eines Kampfes. Zusammen mit der Polizistin Langdon, die ihn kurzerhand als Berater schanghait, zieht Tony nun auf Ermittlung los. Letztlich ist diese Handlung aber nur ein Vehikel, um die Grundidee der Erzählung samt möglichen Folgen anhand von Fallbeispielen durchzukauen. (Zu den Stationen der Handlung zählt unter anderem ein sehr schön armselig beschriebenes Schwertkampf-Duell zwischen unfähigen College-Studenten.)

    Mit der Ausrichtung an einer Grundidee korrespondiert auch, dass die Erzählung zum größten Teil aus Gesprächen besteht. Was für Scalzi, den man nicht unbedingt als großen Stilisten bezeichnen kann, ja nichts wirklich Neues ist, hier aber besonders stark zur Geltung kommt. Das Positive: Diese Dialoge sind witzig – aber das sollten sie bei derart massivem Einsatz auch besser sein. Insgesamt macht das alles "The Dispatcher" zu einer netten Zwischenmahlzeit für die Wartezeit auf den nächsten Roman und ist zumindest den Erwerb der E-Book-Ausgabe auf jeden Fall wert.

    Nach der Rundschau ist vor der Rundschau

    Die nächste Ausgabe wird Anfang August unter dem Motto "Überwesen" stehen. Das ist eine breitere Themenpalette, als man auf den ersten Blick denken würde: Sie reicht von Außerirdischen, die Raum und Zeit umgestalten, bis zu den Bekenntnissen von Frauen, die mit einem Superhelden zusammenleben. (Josefson, 1. 7. 2017)

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