Wie Bücher die Mehrsprachigkeit des Kindes fördern

Blog9. Juni 2017, 09:00
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Im stressigen Familienalltag eröffnen Bücher neue Themen und erweitern den Wortschatz. Frühes Vorlesen in mehreren Sprachen beeinflusst ein Leben lang

Bücher können in vielerlei Hinsicht die kindliche Sprachentwicklung beflügeln. Das Vorlesen und gemeinsame Lesen von Büchern unterstützt Kinder besonders gut in ihrer Mehrsprachigkeit. Im letzten Teil der Serie, wie Eltern ihre Kinder für Zweisprachigkeit motivieren können, geht es um den Mehrwert des Mediums Buch.

Mit dem Vorlesen von Büchern kann man nicht früh genug anfangen. Eltern sollten schon ihrem Baby vorlesen. Der frühe Zugang zur geschriebenen Sprache wirkt sich positiv auf die gesamte sprachliche Entwicklung des Kindes aus, haben US-Forscher in einer Studie festgestellt: Der Wortschatz der Kinder, denen schon im Babyalter vorgelesen wurde, ist größer und komplexer. Später, im Grundschulalter, sind sie effizienter in der Lese- und Schreibkompetenz, und ihre Abstraktionsfähigkeit ist ausgeprägter.

Liebevolle Momente, positive Prägung

Gerade für ein Kind, das mit zwei oder sogar mehreren Sprachen gleichzeitig groß wird, kann das frühe Vorlesen besonders hilfreich sein, denn schließlich ist es auch für das Kind herausfordernd, mehrere Sprachsysteme zu erwerben. Außerdem wird das Kind, wenn es älter wird, Bücher und Lesen mit den schönen und liebevollen Momenten assoziieren, die es beim Kuscheln und Vorlesen mit den Eltern als Baby erfahren hat. Diese positive Prägung ist sehr wertvoll, denn sie beeinflusst uns ein Leben lang.

Schrift und geschriebene Sprache haben eine zentrale Bedeutung für das Kind, lange bevor es selbst lesen und schreiben kann. Denn das Kind nimmt mit auch das Schrift- und Wortbild wahr, was sich später gut auf den Einstieg in die Schule auswirkt.

Bilder und Schrift

Hat ein mehrsprachiges Kind Zugang zu Büchern in all seinen Sprachen, ist es schon im frühen Alter von zwei oder drei Jahren in der Lage festzustellen, in welcher Sprache seine Kinderbücher geschrieben sind. Es pickt sich ganz bewusst das Buch in der entsprechenden Sprache heraus. Es lohnt sich also, schon für ein sehr junges Kind nicht nur Bilderbücher zur Verfügung zu stellen, sondern auch Bücher, in denen neben Bildern kurze Sätze oder das Wort zum Bild geschrieben steht. Optimal ist es, wenn die Sprache des Buches mit der Kommunikationssprache des jeweils vorlesenden Elternteils übereinstimmt – so erwirbt das Kind die Sprache auf mehreren Ebenen.

Damit sich ein zwei- oder mehrsprachiges Kind sprachlich voll und ganz entfalten kann, lohnt es sich, ihm auch Lesen und Schreiben in all seinen Sprachen beizubringen – nicht nur in der Schulsprache. So kann es seine Kompetenzen erst richtig nutzen.

Bereicherung für den Wortschatz

Das gemeinsame Lesen von Büchern ist besonders bereichernd für die schwächere Erstsprache des bilingualen Kindes, denn schließlich sprechen wir Eltern nicht wie ein Buch. Gerade im stressigen Familienalltag eröffnen Bücher ein breites Themenfeld. Sie geben uns die Chance, das Kind an eine komplexe und reichhaltige Sprache heranzuführen, zu der es sonst keinen Zugang hätte. Und über den Inhalt der Bücher können wir den Wortschatz erweitern. Mal geht es um den Verkehr, mal um den menschlichen Körper oder um die Tiere im Wald. Manchmal bereichert es sogar uns Eltern selbst, denn – Hand aufs Herz – viele Worte, die wir selbst im Alltag nicht verwenden und hören, entfallen uns auch aus unserer Erstsprache.

Oft höre ich die Frage, ob man in mehreren Sprachen vorlesen darf. Meine Antwort: Natürlich können Eltern auf Deutsch vorlesen, auch wenn es nicht ihre Erstsprache oder die Familiensprache des Kindes ist. Sie sollten dabei aber nicht aus den Augen verlieren, dass das Kind durch Kindergarten und Schule den Zugang zur deutschen Schriftsprache hat. Den Zugang zur seiner nichtdeutschen Erstsprache können jedoch oft nur Eltern geben, vor allem in den ersten Jahren. Und diese sprachliche Begleitung wirkt sich gut auf die Entwicklung all seiner Sprachen aus, auch auf das Deutsche.

Nicht nur Vorlesen – auch das Buch erleben

Das Baby lässt sich noch alles vorlesen, aber schon bald will das Kind selbst umblättern, und Eltern merken, es hört nicht mehr ruhig zu. Das Kind kommt in das Alter, in dem es ein Buch erleben will. Es soll schnell weitergeblättert werden, es soll ein neues Buch her und nach ein paar Minuten wieder ein neues. Oder das Kind will das gleiche Buch immer und immer wieder ansehen. Eltern sollten sich in solchen Situationen von der Neugier ihres Kindes leiten lassen. In diesem Fall ist es besser, nicht krampfhaft auf das Vorlesen zu beharren, sondern gemeinsam mit dem Kind das Buch zu entdecken, es blättern zu lassen und viele Fragen zu stellen. Was sieht das Kind, welche Geschichte möchte es zu den Bildern erzählen?

Das Kind entdeckt immer wieder etwas Neues im Altbekannten. Mal interessiert es sich für die Protagonisten des Buches, mal für kleine Details. Das gemeinsame Beschreiben fördert die Erzählkompetenz des Kindes und macht das Buch attraktiver. Es setzt sich mit Bildern, Symbolen und Schrift auseinander – das ist eine wichtige Grundlage für den späteren Schriftspracherwerb.

Wenn Eltern und Kind durch das Vorlesen eine gemeinsame Routine schaffen, wird diese schöne Gewohnheit lange erhalten bleiben – und sie schafft neben der Sprachentwicklung auch viel Geborgenheit und Liebe. (Zwetelina Ortega, 9.6.2017)

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin und Expertin für Mehrsprachigkeit. 2014 gründete sie das Beratungszentrum Linguamulti. Dort bietet sie Beratung und Workshops für mehrsprachige Erziehung an. Nächster Workshop: "Mehrsprachige Erziehung von Geburt an" Freitag, 23.6.2017, 10 bis 14 Uhr (Ort: Therapiezentrum Gersthof, Klostergasse 31–33, 1180 Wien). Ortega ist mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte. 2012 erschien der Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie ist Dozentin an der Universität Wien und leitet Fortbildungen unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Wien und am Landesinstitut für Schule in Bremen.

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