Der Mauersegler mag neue Fassaden nicht

    13. Juni 2017, 12:42
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    Die Zahl der Mauersegler und ihrer Nistplätze soll in den kommenden Jahren genauer dokumentiert werden. Das soll ihren Schutz erleichtern. Denn die Schlupfwinkel für die ehemaligen Felsbewohner werden in Wien rar

    Wien – Im Sommer ist das schrille und langgezogene Zirpen der Mauersegler ein Teil des Soundtracks von Wien. So selbstverständlich diese Vögel für die Stadtbewohner sind, so rätselhaft sind sie für die Stadtökologen. Es gibt weder genaue Zahlen über die Größe ihrer Population noch sind ihre Nistplätze systematisch erfasst. Und das macht es schwierig, diese Art zu schützen.

    Schutz ist aber dringend geboten, denn durch – zum Teil thermische – Sanierungen, Dachbodenausbauten und fugenlos glatte Neubauten werden mögliche Brutplätze der ehemaligen Felsbewohner von Jahr zu Jahr weniger.

    Aus diesem Grund startet die Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 unter der Leitung von Ferdinand Schmeller ein – auch international – einzigartiges Nistplatzkartierungsprojekt, das "fast gänzlich auf der Beteiligung einer breiten Öffentlichkeit aufbaut und das es in dieser Form bisher weder in Wien noch in anderen europäischen Hauptstädten gibt", sagt Schmeller. Sein Spezialgebiet ist der Arten- und Lebensraumschutz an Gebäuden.

    Monogam durch Ortstreue

    Er führt weiter aus, dass die Reproduktionsrate von Mauerseglern im Vergleich zu anderen Vögeln sehr niedrig ist, auch weil die Tiere sich erst ab drei Jahren fortzupflanzen beginnen. Entscheidend sei aber die extreme Brutplatztreue dieser Vögel. So erkläre sich deren monogames Verhalten nicht durch die Bindung an einen Partner, sondern durch das konsequente Wiederaufsuchen desselben Nestes, wo die Partner dann unweigerlich aufeinandertreffen. Wenn dann also ein Brutplatz verlorengeht, falle auch der Nachwuchs eines Jahres aus. Da Mauersegler in Kolonien brüten, hat die Einrüstung und Sanierung eines Gebäudes fatale Folgen.

    Schmeller stellte für sein Projekt ein Team von circa 40 Freiwilligen zusammen, das eine gründliche Einschulung erhielt und nun bis Mitte Juli im dichtverbauten Stadtgebiet ausschwärmt. Bereits bekannte Standorte werden beobachtet und nach genauen Vorgaben beschrieben. Dazu muss ein Gebäude mindestens eine halbe Stunde im Auge behalten werden.

    Als Nistplatz gilt, wenn entweder ein Einflug oder Ausflug mit Sicherheit festgestellt werden kann. Zustand und Typ des Gebäudes sowie die genaue Lage der Nistplätze sind ebenfalls zu dokumentieren, so wie die Art des Anflugs und diverse Verhaltensbeobachtungen. Dieses Datenmaterial wird vom Biologen Thomas Starkmann analysiert, unter anderem im Hinblick auf Witterung oder Nähe zu Gewässern.

    Schmeller merkt an, damit konfrontiert zu sein, dass Hausbesitzer die Existenz von Nistplätzen nicht selten abstreiten. Auch für solche Fälle soll die Dokumentation der Brutplätze Rechtssicherheit im Sinne der unter Naturschutz stehenden Mauersegler schaffen.

    Das zweite Standbein des Projekts sind Nistplatzmeldungen aus der Bevölkerung. Schon 2014 wurde eine Citizen-Science-Aktion unter der wissenschaftlichen Leitung des Stadtökologen Manfred Pendl gestartet. Damals wurden circa 250 Standorte gemeldet. Auch heuer erfolgt eine Einladung an alle Wiener, ihre Nistplatzbeobachtungen online kundzutun.

    Viele Menschen, die in oberen Stockwerken leben, beobachten vielleicht tagtäglich "ihre" Mauersegler. Von der Straße aus lässt sich ebenfalls einiges erkennen, wenn man den Blick auf die Gesimszone der Fassaden richtet und bereit ist, einige Minuten zu verweilen. Dies lohnt sich vor Gebäuden, die die Tiere in knappem Abstand immer wieder anfliegen, um im letzten Moment ein elegantes Ausweichmanöver zu vollziehen. Nach einem solchen Scheinanflug erfolgt das Aufsuchen des Nestes in Sekundenschnelle.

    Wichtige historische Gebäude

    Zoologe Michael Stocker, der sich seit mehr als 20 Jahren der Beobachtung dieser Vögel widmet, weist darauf hin, dass vor allem die Zierkonsolen direkt unter den Gesimsen von historistischen Bauten einen idealen Nistplatz bieten. Auch Spalten unter Traufblechen oder in schadhaftem Mauerwerk werden gerne besiedelt. Ein guter Standort, um selbst die Mauersegler zu beobachten, ist das Hotel Kummer in der Mariahilfer Straße. Es beherbergt in seiner gesamten Gesimszone eine Kolonie, und von den umliegenden Bänken kann man die Vögel in den Abendstunden beim Ein- und Ausfliegen beobachten. (Reinhilde Becker, 13.6.2017)

    • Auch in Wien nutzen die Mauersegler  die Fassaden als Nistplätze. Durch Sanierungen und glatte Neubauten finden sie jedoch immer weniger Möglichkeiten vor.
      foto: lubomir hlasek/www.hlasek.com

      Auch in Wien nutzen die Mauersegler die Fassaden als Nistplätze. Durch Sanierungen und glatte Neubauten finden sie jedoch immer weniger Möglichkeiten vor.

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