Mai 1932: Amelia Earhart überfliegt den Atlantik

20. Mai 2017, 09:00
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Vor 85 Jahren überquerte die US-Flugpionierin und Feministin als erste Frau den Atlantik im Alleinflug. Fünf Jahre später verschwand sie unter ungeklärten Umständen

Wien – Als Amelia Earhart am 20. Mai 1932 in ihre einmotorige Lockheed Vega stieg, waren auf den Tag genau fünf Jahre vergangen, seit der US-Pilot Charles Lindbergh als erster Mensch den Atlantik im Alleinflug überquert hatte. Earhart, 34 Jahre alt und schon seit mehr als zehn Jahren selbst Fliegerin, wollte das spektakuläre Abenteuer wiederholen: Sie plante, von Harbor Grace in Neufundland, Kanada, nach Paris zu fliegen – nonstop und allein.

Berühmt war sie zu diesem Zeitpunkt schon längst, doch zu ihrem Bedauern weniger für ihre eigenen fliegerischen Leistungen als für die Teilnahme als Passagierin an einem vielbeachteten Flug im Jahr 1928: Damals hatte sie den Atlantik schon einmal überquert, aber eben im Passagierabteil.

foto: ap/file
Amelia Earhart auf einer undatierten Aufnahme.

Dass sie von der internationalen Presse für ihren Mut, als Frau an einem solch abenteuerlichen Flug teilzunehmen, als Heldin gefeiert wurde, kommentierte sie genervt: "Ich war nur Gepäck auf dieser Reise, wie ein Sack Kartoffeln." Doch Earhart wusste die Aufmerksamkeit zu nutzen. Sie gab Interviews und hielt Vorträge, um Frauen für die Luftfahrt zu begeistern und sie, wie sie sagte, "aus dem Käfig ihres Geschlechts herauszuholen".

Club der Neunundneunzig

1929 nahm sie am Cleveland Women's Air Derby teil, dem weltweit ersten Luftrennen für Frauen, und belegte den dritten Platz. In der Öffentlichkeit wurde das Rennen sexistisch verhöhnt und nach dem Kosmetikutensil als Powder Puff Derby – Puderquastenrennen – diffamiert. Der Pilotin Opal Kunz wurde sogar die Teilnahme mit ihrem eigenen Flugzeug untersagt: Ihre 300-PS-Maschine sei "zu schnell für eine Frau".

Als die Fliegerin Marvel Crosson bei der Veranstaltung tödlich verunglückte, schrieb eine Zeitung schadenfroh: "Frauen haben abschließend bewiesen, dass sie nicht fliegen können." Als Reaktion auf die Anfeindungen gründeten Earhart und andere Pilotinnen im selben Jahr den Klub der Neunundneunzig, die welterste Pilotinnenvereinigung.

Riechsalz und Suppe

Im Mai 1932 startete Earhart also von Harbor Grace in Richtung Paris – ausgestattet mit Riechsalz, um sich wachzuhalten, und einer Thermoskanne voll Suppe. Mitten über dem Atlantik wurde es brenzlig: Sie geriet in ein Unwetter, die Maschine setzte Eis an, kam ins Trudeln und verlor an Höhe. Doch Earhart schaffte es über den Ozean, statt in Paris landete sie allerdings auf einer Kuhweide in Nordirland.

Mit dem knapp 15-stündigen Flug hatte sie gleich mehrere Rekorde aufgestellt: Ihr war die mit Abstand schnellste Atlantiküberquerung gelungen (Lindberghs Flug hatte 33 Stunden gedauert), sie war als erste Frau allein über den Atlantik geflogen und hatte auch den längsten Nonstopflug einer Frau absolviert. Das Medienecho war gewaltig, US-Präsident Herbert C. Hoover verlieh ihr die Goldmedaille der National Geographic Society, weitere Auszeichnungen folgten.

Auf die Frage einer französischen Zeitung, ob sie denn auch Kuchen backen könne, konterte Earhart bei einer Preisverleihung: "Ich nehme die Auszeichnung im Namen aller Kuchenbäckerinnen und aller Frauen, die sogar noch wichtigere Dinge tun, als zu fliegen, entgegen, sowie im Namen aller Frauen, die fliegen."

Ihre nächsten Rekorde ließen nicht lange auf sich warten: 1935 gelangen ihr die erste Pazifiküberquerung von Hawaii nach Kalifornien und der erste Flug von Mexiko-Stadt nach Newark (US-Bundesstaat New York). Earhart, die ihre Popularität bei jeder Gelegenheit nutzte, um die Geschlechterrollen zu kritisieren und die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft einzufordern, wurde für viele junge Frauen zum Idol.

Am Äquator um die Welt

Längst hatte die Pilotin aber noch ein anderes Ziel im Kopf: den ultimativen Fliegerrekord aufzustellen. Sie wollte als erster Mensch die Erde entlang des Äquators umrunden. Mit maßgeblicher Unterstützung der Purdue University in Indiana kaufte sie 1936 eine zweimotorige Maschine vom Typ Lockheed Electra 10E – eines der modernsten Flugzeuge seiner Zeit – und begann, sich auf das Abenteuer vorzubereiten.

foto: ap/albert bresnik
Earhart vor ihrer Lockheed Electra, mit der sie im Juli 1937 über dem Pazifik verschwand.

Nach einer Panne beim ersten Startversuch hoben Earhart und ihr Navigator Fred Noonan am 1. Juni 1937 in Miami Richtung Südamerika ab. Nach Zwischenlandungen unter anderem in Brasilien, Westafrika, Indien und Australien erreichten sie Ende Juni Neuguinea und hatten damit bereits drei Viertel der Strecke hinter sich. Nun stand das längste und gefährlichste Teilstück der Reise bevor.

Am 2. Juli 1937 starteten Earhart und Noonan von Neuguinea aus über den Pazifik. Nächstes Ziel und letzter Zwischenstopp zum Auftanken der Maschine sollte die 4000 Kilometer entfernte winzige Koralleninsel Howland sein. Dort wartete ein Schiff der US-Küstenwache, um per Funkpeilung bei der schwierigen Navigation zu helfen.

Verschollen im Pazifik

Die Schiffsmannschaft reagierte wie vereinbart auf Earharts Funksignale, die Pilotin meldete allerdings, keine Signale zu erhalten. Als der Kontakt ganz abriss, startete die US-Regierung die bis dahin größte Suchaktion der Luftfahrtgeschichte – doch die Lockheed Electra und ihre beiden Insassen blieben spurlos verschwunden. Die US-Marine kam schließlich zum Schluss, dass die Maschine in den Pazifik gestürzt und versunken sein musste.

foto: ap/file
Earhart mit ihrem Navigator Fred Noonan vor der verhängnisvollen Reise.

Forscher um Ric Gillespie (International Group for Historic Aircraft Recovery), die sich seit Jahrzehnten um die Lösung des Rätsels bemühen, haben etliche Indizien zusammengetragen, die für ein anderes – nicht weniger tragisches – Szenario sprechen: Sie vermuten, dass Earhart auf der unbewohnten Insel Nikumaroro notlandete und zumindest einige Tage überlebte. "Die Hinweise sind dicht, aber ein endgültiger Beweis fehlt", sagte Gillespie, der im Sommer zu einer weiteren Expedition auf die Insel aufbrechen will, dem STANDARD.

"Sei gewiss, dass ich mir der Gefahren bewusst bin", schrieb Earhart ihrem Mann George Putnam in einem Brief von ihrer letzten Reise. "Ich mache es einfach, weil ich es machen will." Putnam, der Earhart sechs Heiratsanträge machen musste, ehe sie 1931 einwilligte, unterstützte sie dabei. (David Rennert, 20.5.2017)

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