Tazi-Preve: "Schon die Römer sagten, die Ehe sei Verdruss"

Interview14. Mai 2017, 13:00
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Die Kleinfamilie mache weder die Erwachsenen glücklich, noch lasse sie Kinder so aufwachsen, wie sie sollten, sagt Politikwissenschafterin Mariam Irene Tazi-Preve

STANDARD: Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, dass die Kleinfamilie versagt habe. Warum glauben Sie das?

Miriam Irene Tazi-Preve: Meine zentrale These ist, dass die Kleinfamilie an sich falsch aufgesetzt ist. Das liegt vor allem an zwei Dingen: dass die lebenslange romantische Zweierbeziehung nicht funktioniert und dass es für das sichere Aufziehen von Kindern viel mehr als zwei Menschen braucht. Die ewige Liebe gibt es nicht, denken Sie nur an die Trennungs- und Scheidungszahlen. Dass sich die Menschen früher weniger oft scheiden ließen, bedeutet auch nicht, dass damals die Beziehungen besser waren, sondern dass Scheidung massiver sozial sanktioniert war. Trotzdem wird heute medial, politisch und kulturell suggeriert, dass die lebenslange romantische Liebe die Norm sei und dass jene, die daran scheitern, selber schuld sind. Dabei ist die romantische Idee in der Ehe historisch erst spät aufgekommen. Trotzdem sitzen wir ihr bis heute auf. Die Ehe aus Liebe ist also ein starker Mythos, dem vor allem jüngere Menschen heute wieder verstärkt folgen.

STANDARD: Der zweite Punkt, an dem die Kleinfamilie scheitere, seien die Kinder, sagen Sie. Inwiefern?

Tazi-Preve: Mutter und Vater sind viel zu wenige Personen, um Kinder aufzuziehen. Wir wissen auch, dass manche Frauen und Männer als Mütter und Väter nicht oder nur wenig geeignet sind. Es gibt häufig aber keine oder nur sehr wenige andere Ansprechpartner für Kinder. Dazu kommt, dass die Familie nach wie vor der größte Gewaltschauplatz ist – auch entgegen allen Mythen. Die Kleinfamilie war von Anfang an nicht dafür gedacht, dass es dem Paar darin gutgeht. Die Römer, die die Ehe vor 2000 Jahren erfunden haben, haben sich überhaupt keine Illusionen darüber gemacht, was sie für die Menschen bedeutet. Sie haben offen gesagt, dass die Ehe eine "Quelle des Verdrusses" für die Beteiligten sei – aber dass man sie für das Funktionieren von Politik und Gesellschaft eben brauche.

STANDARD: Warum hält sich dann der Glaube an Ehe und Kleinfamilie so stark?

Tazi-Preve: Die Kleinfamilie wird als gesellschaftliches Ideal politisch und medial permanent zementiert. Die Politik meint immer Kleinfamilie, wenn sie Familie sagt. Die Kleinfamilie ist komplett durchrechtlicht – denken Sie ans Erbrecht, ans Sorgerecht, ans Familienrecht. Auch die Wirtschaft hat ein großes Interesse an der Kleinfamilie. Sie will, dass die Produktion von Arbeitskräften und Konsumentinnen klaglos in der Familie funktioniert. All diese Systeme greifen ineinander: Familie, Politik, Wirtschaft und Ethik beziehungsweise Religion. Auf Basis dieser vier Grundpfeiler wird die Kleinfamilie zur normierten Institution erklärt, und darunter leiden Männer wie Frauen.

STANDARD: Dass die Lage für Frauen in der Kleinfamilie nicht ideal ist, weiß man schon lange. Trotzdem steigen die Ansprüche an Mütter weiter, warum?

Tazi-Preve: Ich lebe in den USA, und hier gibt es mittlerweile den Ausdruck der "mummy wars" – das beschreibt die Konkurrenz zwischen Frauen um die noch bessere Mutterschaft. Man muss das Kind heute von klein auf fördern, in alle möglichen Kurse schicken. Psychologie und Pädagogik treiben die Frauen an, noch mehr zu leisten, wenn sie angeblich gute Mütter sein wollen. Der Ruf, eine schlechte Mutter zu sein, war immer schon eine sehr wirksame Sanktionsandrohung. Keine Frau will eine schlechte Mutter sein – das hat auch der Feminismus nicht geändert. Das Pendant des schlechten Vaters gibt es in dieser Form nicht. Väter können etwa als Manager am Ende ihrer Karriere immer noch sagen: Ich habe meine Kinder wegen des Berufs nicht so viel gesehen. Man stelle sich vor, eine Frau sagt, sie konnte sich um ihre Kinder leider nicht kümmern. Trotzdem wird Frauen heute suggeriert, sie könnten alles haben. Denken Sie ans Klischeebild der Mutter, die mit dem Laptop unter dem einen und dem Baby unter dem anderen Arm durch das Leben rennt. Mütter müssen sexy, erfolgreich und immer für die Kinder da sein. Das geht sich nicht aus, totale Erschöpfung macht sich breit. Ich nenne das die "Vereinbarkeitslüge". Ob als Hausfrau, Teilzeit- oder Vollzeitberufsätige, immer stolpert sie in die "Mutterfalle", weil es mit Beruf oder Existenzsicherung nicht zusammengeht.

STANDARD: Dass manche Mütter einen ausgeprägten Perfektionismus pflegen: Ist das eine Reaktion darauf, dass ihnen andere gesellschaftliche Bereiche wie beruflicher Aufstieg verwehrt sind?

Tazi-Preve: Viele Frauen definieren sich tatsächlich über Mutterschaft, weil sie in die obersten Etagen sowieso nicht kommen. Das liegt aber auch daran, dass sie ihr Leben um die Kinder herumplanen. Das ist eine Wechselwirkung. Karriere bedeutet oft, allzeit verfügbar zu sein, und das wollen viele Frauen nicht. Deshalb komme ich immer wieder auf den Arbeitsmarkt: Dort müssen sich die Regeln ändern. Denn auch die Männer geraten unter die Räder des Patriarchats. Aktive Väter, die sich mit ihren Partnerinnen die Familienarbeit fair aufteilen, berichten, dass sie sich aktiv gegen die Forderung nach ständiger Verfügbarkeit im Job stellen müssen. Sie müssen bewusst auf Karriere verzichten und klar sagen, dass sie an Sitzungen nach vier Uhr nicht teilnehmen können, weil sie das Kind abholen. Diese bewussten Väter sind noch immer in der Minderheit.

STANDARD: Sobald von Familie die Rede ist, heißt es schnell, dass die doch bitte Privatsache sei. Dem widersprechen Sie vehement. Warum?

Tazi-Preve: Der Staat greift in Familiendinge ein, wo er kann. Spätestens wenn etwas schiefgeht, zeigt sich, dass die Familie ein völlig verrechtlichter Bereich ist – vom Sorge- bis zum Scheidungsrecht. Da ist nichts privat. Menschen wollen sich aus ihrem stressigen Alltag in die vermeintliche Idylle Kleinfamilie zurückziehen, und das gelingt Männern öfter, weil sie dort eher versorgt werden. Für Frauen ist Familie viel mehr ein Arbeitsplatz. (14.5.2017)

Zur Person

Mariam Irene Tazi-Preve wurde in Innsbruck geboren, sie lehrt Politologie an der University of New Orleans.

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Essay von Marlene Streeruwitz: Schon wieder. Muttertag

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