Rundschau: Es war doch nicht das letzte Einhorn!

    Ansichtssache13. Mai 2017, 10:00
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    Neue Phantastik-Romane von Peter S. Beagle, Alastair Reynolds und Ernest Cline, dazu die fantastischen Debüts von Elan Mastai und Matthias Oden

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    foto: p.machinery

    Michael J. Awe, Andreas Fieberg & Joachim Pack (Hrsg.): "Gegen unendlich. Phantastische Geschichten"

    Broschiert, 216 Seiten, € 9,90, p.machinery 2017

    Vergangenen Monat hatte ich anlässlich des Kurzgeschichtenbands "Schrecken der Vergangenheit" noch erwähnt, dass ich im steten Strom von Anthologien, die der Verlag p.machinery herausgibt, immer wieder nach versteckten Juwelen suche. Und – täterätä! – hier sind sie schon. Dass die Qualität der Geschichten in diesem Band im Schnitt deutlich über der des anderen liegt, ist freilich kein Zufall. "Gegen unendlich" ist eine Art Best-of einer gleichnamigen Reihe von E-Book-Anthologien, die es seit 2013 auf zwölf Ausgaben gebracht hat. Und doppelte Selektion führt eben zu entsprechenden Ergebnissen.

    Der Band enthält 20 Geschichten von ebenso vielen AutorInnen und deckt die volle Phantastik-Palette von Science Fiction über Horror bis zu nicht Einordenbarem ab. Fast alle Erzählungen stammen aus dem neuen Jahrtausend. Einzige Ausnahmen sind eine aus dem Jahr 1986 und eine vom Schauerliteratur-Altvorderen Ambrose Bierce aus dem Jahr 1907 ("Jenseits der Wand"). Die ist natürlich ganz im Stil ihrer Zeit gehalten, der mich allerdings noch nie so wirklich angesprochen hat. Kommen wir lieber zum Moderneren.

    Schwarze Perlen

    Einen sehr gelungenen Auftakt gibt "Maleks Versteck" von Uwe Durst ab, das auf explizite Phantastik-Elemente verzichtet und stattdessen auf psychologischen Grusel setzt. Malek, ein "Zwerg", entwirft einen ausgeklügelten Mordplan, um seine untreue Ehefrau zu beseitigen. Um ihr Weiterleben vorzutäuschen, schlüpft er in ihre Kleider und identifiziert sich bald so sehr mit der neuen Rolle, dass sein Plan auf faszinierende Weise zum Bumerang wird.

    Beeindrucken – nicht zuletzt wegen der hier gezeigten Unbarmherzigkeit – kann einmal mehr auch Peter Nathschläger mit "Menschen im Fels": Eben solche werden eines Tages von den BewohnerInnen eines peruanischen Dorfs entdeckt. Als SF-Leser denkt man unwillkürlich an eine schiefgegangene Teleportation. Was genau über 100 Menschen zum Teil im Felsinneren stecken bleiben ließ, wird aber nie geklärt. Es spielt auch keine Rolle – anders als die leider nur allzu glaubhafte Wendung, die Nathschläger ("Wo die verlorenen Worte sind") seine Geschichte nehmen lässt.

    Das Spitzentrio der ersten Hälfte komplettiert der leider vor einem Jahr verstorbene Malte S. Sembten. Seine Horror-Geschichte "languerous@barron.feu" hat eine geniale Prämisse: Eine Liebhaberin alter Bücher entdeckt in einem Band aus dem 19. Jahrhundert, der eine Séance beschreibt, dass der heraufbeschworene Geist als Botschaft eine E-Mail-Adresse hinterließ. Die Folgen sind spannend wie eine der frühen Kurzgeschichten von Stephen King.

    Einmal quer durch den phantastischen Gemüsegarten

    Soll aber nicht heißen, dass es zwischen diesen drei und den beiden herausragenden Beiträgen am Ende des Bands nichts Lesenswertes gäbe. Norbert Golluch lässt den Protagonisten von "Die virtuelle Familie" Ehefrau und Kinder in Hologrammform ordern – doch kommt die perfekte Familie zum Schluss, dass sie ohne ihn noch perfekter wäre. Nicht witzig, sondern düster ist dagegen "Ödland" von Joachim Pack, in dem Europa zur Wüste geworden ist. Hauptfigur ist ein kleiner Junge, der mit Mutter und Stiefvater auf einem abgelegenen Gehöft lebt, das eines Tages einen geheimnisvollen Besucher erhält. Und kalt-warm besorgt's uns Marc-Ivo Schubert in "Eingesicht trifft Zweigesicht", in dem der alte Ambrac erzählt, wie eines Tages ein Raumfahrer vom Himmel fiel. Die Pointe der (anscheinend im "Perry Rhodan"-Universum angesiedelten) Geschichte ist absehbar, aber dennoch gut.

    Eine Brücke zwischen den Subgenres schlägt Ute Dietrich in "Wahnsinnsstern", in dem ein Raumfahrertrio mit seinem Schiff auf einen Stern zustürzt. Das Ergebnis der poetisch angelegten Erzählung ist eine Mischung aus Science Fiction und Geistergeschichte. Der Protagonist von Christian Weis' "Das Blockhaus" verfährt sich nach einer vermeintlichen Abkürzung, landet in einer Waldhütte, die ähnlich abgenutzt wirkt wie ihr wortkarger Bewohner – und ehe er sich's versieht, ist er in einem alten Märchenmotiv gelandet (nein, nicht von den Brüdern Grimm). Jörg Isenberg schließlich setzt als einziger auf Fantasy im engeren Sinn: "Adams Blut" dreht sich um einen Dämonenjäger und dessen Nemesis: klassisches Urban-Fantasy-Repertoire also, aber – trotz einer Prise Gruftie-Pathos – interessant erzählt.

    Nicht einordnen lassen sich zwei andere erwähnenswerte Beiträge. Das gleichnishafte "Der Physiker und die magischen Steine" von Hubert Katzmarz hat einen fantastischen Einstieg ("Zu einer Zeit, als die Erde noch eine Kugel war und um die Sonne kreiste, und hieran könnt ihr erkennen, wie lange diese Zeit schon her ist, da lebte ein Physiker ..."), bleibt aber leider die erhoffte Schlusspointe schuldig. Dafür reichen Barbara Hundgeburt in "Spiegelbilder" ganze zwei Seiten, um zielsicher zu verdutzen. Diese Geschichte zu lesen ist ähnlich wie M. C. Eschers "Drawing Hands" zu betrachten.

    Glanzstücke

    Meine persönlichen Highlights sind die beiden Erzählungen am Ende des Bands. Und obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, kann ich mich nicht entscheiden, welche mir besser gefällt. Da ist zum einen "Tank 142" von Silke Jahn-Awe: ein Blick in eine grausame Zukunft, in der Menschen durch körperliche Modifikationen zu Biomechanoiden wie autark agierenden Kriechsonden reduziert wurden, um Sternenschiffe zu warten. Ein düsteres Szenario mit einem kleinen Hoffnungsschimmer – schade, dass auf die erstmals 2013 veröffentlichte Erzählung kein Roman folgte. Von Jahn-Awe gibt es allerdings den Sammelband "142-1: Science-Fiction-Erzählungen und Maschinenlyrik", auf den sollte man vielleicht ein Auge werfen.

    Vollkommen anders – anders zur Potenz – schließlich das kurze, aber großartige "Da ist ein Mann, der die Gewohnheit hat, mir mit einem Schirm auf den Kopf zu schlagen" von Fernando Sorrentino. Der Titel ist auch schon der Inhalt: Der Erzähler der Geschichte erhält eines Tages einen Stalker der besonderen Art, der ihm ohne jede Erklärung fortwährend sanfte Schläge verpasst und zu einem fixen Bestandteil seines Lebens wird. Ich erinnere mich noch daran, dass mich die Schläge anfangs am Einschlafen gehindert haben; inzwischen glaube ich, dass ich ohne sie gar nicht mehr schlafen könnte. Genial einfach, einfach genial: ein absurdes Kleinod.

    Gesamtbilanz des Best-of-"Gegen unendlich": Eine Menge originelle Ideen, großteils – ein paar weniger gelungene Beiträge ausgenommen – ansprechend bis fantastisch umgesetzt. So sollten Anthologien sein.

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