Bayrische Krebsklinik wirbt mit Toten für Therapie

18. April 2017, 17:06
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Privates Spital in Burghausen preist Behandlungserfolge bei Patienten, die in Wirklichkeit starben

Es war eine bemerkenswerte Auferstehung. Eigentlich hatten Familie und Freunde den 69-jährigen Rolf Dietrich K. im Juni 2014 in dessen Heimatort Bargteheide (Schleswig-Holstein) beerdigt. Der Mann war nach einer langen Krebserkrankung verstorben.

Doch im November 2016 tauchte der Verstorbene wieder auf und verkündete auf der Facebook-Seite des Medias-Klinikums im oberbayerischen Burghausen: "Seltener Gesichtskrebs: RCT rettete mein Leben." Zu erfahren war, dass K. "mit dem Leben schon abgeschlossen hatte", dann aber eben gerettet wurde.

Viele "Geheilte" verstorben

RCT steht für "Regionale Chemotherapie", dabei werden Zellgifte nicht in den ganzen Körper, sondern nur direkt in den Tumor gespritzt. Der Chirurg Karl Reinhard Aigner, medizinischer Direktor der Privatklinik, erklärt, man könne mit dieser Behandlungsmethode das Mittel höher dosieren, dadurch eine bessere Wirkung erzielen und Nebenwirkungen vermeiden. Dass Rentner Rolf Dietrich K. schon zwei Jahre lang tot war, als die frohe Botschaft seiner Genesung verkündet wurde, nennt Aigner einen "Unglücksfall". Mittlerweile ist die entsprechende Passage auch entfernt worden.

Doch die "Süddeutsche Zeitung", der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und die norwegische Zeitung "Aftenposten" haben sich auch die Schicksale anderer ehemaliger Patienten der Klinik angesehen und fanden heraus: Viele derer, die auf der Website der Klinik als "geheilt", "gerettet" oder "vom Krebs befreit" gefeiert wurden, waren schon bald nach der angeblich so erfolgreichen Behandlung gestorben. Über die "Heilung" wurde nicht nur auf Facebook berichtet, sondern auch in Boulevard- und Frauenzeitungen.

Positive Berichterstattung

Nach wie vor ist auf der Klinikseite die Geschichte der bayerischen Briefträgerin Michaela K. zu lesen, die als "austherapiert" galt, dann aber in der Klinik unweit der deutsch-österreichischen Grenze angeblich geheilt wurde. "Ich wollte einfach nicht, dass der verdammte Brustkrebs gewinnt", lautet der Titel der Story. Ein halbes Jahr später war die 37-Jährige tot.

Das Rechercheteam weist darauf hin, dass die Artikel zum großen Teil von einer ehemaligen "Bild"-Journalistin verfasst wurden. Auf Nachfrage räumte Klinikchef Aigner ein, die Journalistin erhalte "ein monatliches Pauschalhonorar für die Darstellung der Klinik nach außen".

Experten kritisieren, dass die Klinik bei Schwerkranken Hoffnungen wecke, die nicht zu erfüllen seien. "Die Patienten, die er (Aigner, Anm.) auswählt, die Situationen, in denen er das anwendet, entsprechen nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen", sagt Onkologin Jutta Hübner, die eine Stiftungsprofessur der Deutschen Krebshilfe am Universitätsklinikum Jena innehat.

Onkologe Friedrich Theiss vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Bayern kritisiert, Aigner habe bisher "keinerlei Vergleichsstudien vorgelegt". Die Therapie kann bis zu 100.000 Euro kosten, sie wird weder von gesetzlichen noch von privaten Krankenversicherungen bezahlt. (Birgit Baumann aus Berlin, 18.4.2017)

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