Stanford-Lehrender: "Wilde Ideen sind wichtig"

    Interview7. April 2017, 11:03
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    Seit zehn Jahren unterrichtet Dave Evans an der Eliteuni den Kurs "Designing Your Life" – der zum beliebtesten Wahlfach avancierte

    Dave Evans war Managementberater im Hightech-Sektor und hat lange im Silicon Valley, u. a. bei Apple, gearbeitet. Das Buch "Designing Your Life", das er gemeinsam mit Bill Burnett schrieb, ist New-York-Times-Bestseller und kürzlich auf Deutsch unter dem Titel "Mach, was du willst: Design Thinking fürs Leben" erschienen. Dort, wo kein klar definiertes Ziel in Sicht ist, sei Design-Thinking das beste Problemlösungswerkzeug, sagt Evans. An der US- amerikanischen Elite-Universität Stanford lehrt er Studierende, die Methode zu nutzen, um herauszufinden, was sie werden wollen.

    STANDARD: Indem sie wie Designer denken, sollen Studierende eine erfüllende Karriere, ein zufriedenes Leben entwerfen. Ist Glück denn überhaupt im Außen zu finden?

    Evans: Ein Job selbst kann Sie nicht glücklich machen – er muss Ihnen entsprechen. Das ist wie mit Schuhen: Sie können wunderschön sein, aber wenn sie Ihnen nicht passen, schmerzen, sehen Sie darin auch nicht gut aus. Analog muss man ein Leben so gestalten, dass es zu einem passt. Das Außen muss mit dem Inneren im Einklang sein, darum geht es.

    STANDARD: Welche Rolle spielt die gehypte "Mindfulness", also Achtsamkeit, dabei?

    Evans: Sie ist sehr hilfreich. Denn um gute Entscheidungen zu treffen, braucht es nicht nur den Verstand, sondern vor allem auch Intuition. Und wie bekommt man Zugang dazu? Zum Beispiel über Achtsamkeitspraktiken. Sie helfen, sich selbst und seine Werte kennen, sein Denken verstehen zu lernen und herauszufinden, welche der vielen Stimmen im Kopf die "richtige" ist. Eine Möglichkeit für diese Selbsterfahrung ist Meditation, andere sind ein Spaziergang durch den Wald, Yoga, Musik, Schreiben oder Malen.

    STANDARD: Sie selbst haben zunächst Biochemie studiert, um Meeresbiologe zu werden, sind später jedoch in die Beratung gegangen. Braucht es Umwege?

    Evans: Ob es sie braucht, weiß ich nicht, aber sie lassen sich nicht vermeiden. Als ich Biochemie studierte, dachte ich nicht, dass ich mich auf einem Umweg befinde – ich habe das gemacht, wovon ich dachte, dass es das Richtige ist. Hätte ich mehr ausprobiert, hätte ich vielleicht schneller herausgefunden, dass es das nicht ist. Genau das macht Design-Thinking aus: Sie kennen das Ziel nicht, Sie haben nicht genügend Informationen. Sie müssen experimentieren und Fehler machen.

    STANDARD: Nach dem Trial-and-Error-Prinzip?

    Evans: Ja. Ausprobieren scheint zunächst ineffizient, ist aber wesentlich. Als 19-Jähriger hatte ich keine Ahnung, was ich wirklich machen will. Will ich Meeresbiologe werden oder doch lieber Übersetzer? Ausprobieren war die einzige Möglichkeit, um das herauszufinden. Das Intelligenteste wäre überhaupt, alle Optionen zu testen. Und egal, wofür man sich schließlich entscheidet, im Nachhinein wird eine Alternative der Umweg gewesen sein. Menschen, die schon als Kind wussten, was sie beruflich machen wollen, sind die Ausnahme. Die meisten müssen, um zu einem Ziel zu gelangen, auch an Orte gehen, an denen sie nicht bleiben werden.

    STANDARD: Viele behalten einen eingeschlagenen Weg bei, obwohl er sich als falsch erwiesen hat – etwa weil sie viel investiert haben. Wie entkommt man dieser Situation?

    Evans: Es gibt auch das Phänomen, dass jemand in einem Job bleibt, den er hasst, weil er darin sehr erfolgreich ist. Hier sollte man sich die Frage nach der echten Veränderbarkeit stellen: Steckt man wirklich fest? Eine alleinerziehende Mutter in einer finanziell schwierigen Situation wird wahrscheinlich nicht ihr ganzes Leben so einfach auf den Kopf stellen können. Viele andere Hürden entstehen aber im Kopf. Da sind Menschen nicht dazu bereit, Prestige oder einen guten Verdienst aufzugeben. Oder sie wollen in ihren Entscheidungen nicht inkonsistent wirken.

    STANDARD: In Ihrem Buch zur Vorlesung, das Sie gemeinsam mit Ihrem Kollegen Bill Burnett geschrieben haben, empfehlen Sie: Unveränderbares loslassen – und zu Problemen übergehen, die sich lösen lassen.

    Evans: Etwas verändern zu wollen, das man nicht verändern kann, macht unglücklich. Ein Problem ist nur dann ein Problem, wenn man etwas dagegen unternehmen kann. Lässt es sich nicht lösen, ist es kein Problem, sondern eine Situation. Will jemand ein Dichter sein, kann damit aber kein Geld verdienen, ist das kein Problem. Es ist ein Faktum. Denn man kann nichts tun, um es zu lösen. Die Möglichkeiten: es akzeptieren und mit wenig Geld leben – oder auf das Dichterdasein verzichten. Design beginnt damit, sich mit der Realität abzufinden und das Beste daraus zu machen.

    STANDARD: Was braucht es noch?

    Evans: Vorstellungskraft und Neugierde. Wilde, unrealistische Ideen sind wichtig. Man muss sie sich erlauben. Warum? Weil das den inneren Kritiker für einen Moment zum Schweigen bringt. Dieser schützt uns vor dummen Entscheidungen, hemmt aber auch unsere Kreativität. Einige gute Ideen für ein interessantes Leben entstehen so vielleicht gar nicht.

    STANDARD: Haben Studierende heute mehr Entscheidungsschwierigkeiten als vor zehn Jahren, als Sie Ihr Seminar starteten?

    Evans: Globalisierung und Digitalisierung haben zu unzähligen Optionen geführt. Man hat heute zu theoretisch allem Zugang. Das ist toll, aber gleichzeitig sehr herausfordernd. Die Qual der Wahl gibt es also definitiv. Dazu kommt die Anforderung, immer genau wissen zu müssen, wo man in den nächsten zehn Jahren stehen will. Das aber ist unmöglich.

    STANDARD: Setzen Career-Center an den Hochschulen Ihre Methode ein?

    Evans: Ja schon, in Stanford arbeiten wir bereits eng mit den Career-Centern zusammen. Die Berater dort haben uns gesagt, dass sie unser Konzept hilfreich finden, weil es jungen Menschen den Druck nimmt. Es regt sie zum Experimentieren an und führt ihnen vor Augen, dass es immer mehrere Versionen eines glücklichen Lebens gibt. (Lisa Breit, 7.4.2017)

    • Was, wenn man nicht weiß, welcher Weg der richtige für einen ist? Dave Evans: "Menschen, die schon als Kind wussten, was sie beruflich machen wollen, sind die Ausnahme. Die meisten müssen, um zu einem Ziel zu gelangen, auch an Orte gehen, an denen sie nicht bleiben werden."
      foto: istock

      Was, wenn man nicht weiß, welcher Weg der richtige für einen ist? Dave Evans: "Menschen, die schon als Kind wussten, was sie beruflich machen wollen, sind die Ausnahme. Die meisten müssen, um zu einem Ziel zu gelangen, auch an Orte gehen, an denen sie nicht bleiben werden."

    • Dave Evans war Managementberater im Hightech-Sektor und hat lange im Silicon Valley gearbeitet.
      foto: ho

      Dave Evans war Managementberater im Hightech-Sektor und hat lange im Silicon Valley gearbeitet.

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