Von Unsinn und Sinn des Unsinnigen – nachgedacht über den Opernball

Userkommentar24. Februar 2017, 13:51
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Der Ball ist ein Symbol, das die Spaltung der Gesellschaft sichtbar macht, produziert diese aber nicht

Es war wieder einmal der unsinnige Donnerstag, an dem in Österreich der traditionelle Opernball stattfindet. Die Reichen, Prominenten und Mächtigen dieses Landes gaben sich ein Stelldichein. Der Ball der Bälle lockt Jahr für Jahr vor allem jene an, die sehr viel Geld haben. Von Dekadenz kann aber wohl nur bedingt mit Blick auf den Opernball gesprochen werden. Es ist eher eine Spiegelwelt für die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten – aus Österreich und anderen Ländern. Sie können sich selbst feiern und lassen sich feiern, und das Ereignis flimmert millionenfach über die Bildschirme. Eine heile, glitzernde Welt wird vorgeführt, nach Kristall und Lack glänzend, blumendekoriert und geschminkt. Die Welt ist schön. Die Welt ist in Ordnung. Die Welt hat ihre Ordnung. Alles Walzer.

Anarcho-Rock und Walzerklänge

Die Opernball-Demonstration unter dem Motto "Eat the rich" bietet auch keine Alternative, sondern verrennt sich in einen zynisch-destruktiven Anarcho-Slogan, der verschreckt und nicht aufklärt. Anarcho-Rock gegen Walzerklänge ist politisch kontraproduktiv, mögen die Inhalte der Veranstalter auch richtig sein. "Während die einen ihr Vermögen in unvorstellbare Höhen steigern, sind es die anderen, die immer schwieriger überhaupt über die Runden kommen können. "Der Reichtum der einen führt zur Armut der anderen", ist im Demoaufruf nachzulesen. Die Aussage ist richtig, die Methode, diese Botschaft anzubringen, ist falsch. Der Opernball ist Symbol, das die Spaltung in unserer Gesellschaft sichtbar macht, wenngleich der Opernball selbst nicht diese Spaltung produziert. Der Opernball könnte die Frage aufwerfen, warum so wenige so viel besitzen und so viele so wenig.

Wenn die Opernball-Organisatorin Maria Großbauer im "Kurier" sagt, "Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der von selbst reich wurde. Meistens steckt viel Arbeit und Fleiß dahinter", dann zeugt dies eher von politisch-ökonomischer Naivität. Der Wiener Theologe Günter Prüller-Jagenteufel nennt es hingegen "obszön", wenn beispielsweise ein Generaldirektor 300-mal mehr verdient als der Durchschnittsverdienst in seinem Betrieb. Die Medien schreiben etwas weniger von jenen, die sich keine 20.000-Euro-Loge für eine Ballnacht leisten können.

Weite Kluft zwischen Arm und Reich

In Österreich wird der Rand der Gesellschaft nicht schmäler, sondern verbreitert sich. Fast ein Fünftel der Bevölkerung Österreichs ist arm oder armutsgefährdet. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Zugleich müssen sozial engagierte Politiker und Einrichtungen um das ohnehin knapp bemessene Sozialbudget kämpfen. Die durchschnittliche ASVG-Pension in Österreich beträgt für Frauen 846 Euro. Mit den 20.000 Euro, die manche für eine Loge beim Opernball ausgegeben, muss also eine durchschnittliche ASVG-Pensionistin zwei Jahre auskommen. Oder: Dafür arbeitet eine Friseurin in ihrem ersten Dienstjahr hierzulande fast zwei Jahre lang. Verhältnismäßigkeit ist nicht mehr gegeben.

Selbst war ich Ende der 1980er-Jahre, als ich in Wien arbeitete, bei Opernball-Demonstrationen, friedlich, zwischen Polizei und Randalierern stehend. Dreißig Jahre später hat sich hierzulande und weltweit die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter aufgetan. In der gleichen Zeitung vom 22. Februar, in der vom gigantischen Aufwand berichtet wird, der rund um den Opernball betrieben wird, könnte man einen Bericht lesen, der vom Hunger in der Welt erzählt. Unicef nennt erschreckende Zahlen: 1,4 Millionen Kinder drohen in Afrika und im Jemen zu verhungern. Abermillionen Menschen leiden an Mangelernährung.

Alles möglich

Doch selbst inmitten von Unsinnigkeiten kann Sinnvolles durchscheinen. Die Opernball-Organisatorin zeigt auch Herz für die Flüchtlinge und setzt Aktivitäten für die Gruft und "Superar", oder zeigt eine "grüne" Seite und bietet "Slow food" an. Im Staatsgewalze ist alles möglich: Eine First Lady, die einst vor der Oper demonstriert hat. In der Präsidentenloge ein Mann, der aus einer Bewegung kommt, die traditionell eher auf der anderen Seite der Staatsoper ihren Platz hatte. Und unter den mehr als 5.000 Ballgästen viele, die sich mit ihrem Leben, ihrem Wirtschaften, ihrer Kunst oder Politik für eine Welt engagieren, die eine bessere werden kann. Die Debütanten wiederum wollen vielleicht nur eines: dass diese Welt eine bessere wird, in der alle ein gutes Leben haben. In diesem Sinne nur: Alles Walzer. (Klaus Heidegger, 24.2.2017)

Klaus Heidegger ist Religionslehrer am privaten ORG Volders St. Karl und Vertreter der Berufsgemeinschaft der AHS-LehrerInnen in der Diözese Innsbruck.

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  • Die Debütanten wollen vielleicht nur eines: Dass diese Welt eine bessere wird, in der alle ein gutes Leben haben.
    foto: apa/georg hochmuth

    Die Debütanten wollen vielleicht nur eines: Dass diese Welt eine bessere wird, in der alle ein gutes Leben haben.

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