Im Rostgürtel glaubt man noch an Donald Trump

Reportage24. Februar 2017, 07:00
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In Washington wird über den US-Präsidenten diskutiert, in der Provinz sind die Wähler gelassen. Es zeigt sich die Spaltung der Gesellschaft

"Nicht im Traum", antwortet Carlton Ingram, wenn man ihn fragt, ob er Donald Trump gewählt hat. Nein, denn er habe dem Mann nicht zugetraut, etwas anderes zu managen als seine Immobiliensammlung, und das Weiße Haus sei ja wohl der wichtigste Managerposten, den das Land zu vergeben habe. Trump sei zu aufbrausend. Und wenn es nicht nach seinem Willen gehe, packe ihn schnell der Zorn. Dabei müsste er geduldig an Kompromissen feilen, sagt Ingram, das wisse er aus eigener Erfahrung, schließlich sei er selbst Manager – Manager einer Gewerkschaft. "Aber will ich, dass Donald Trump Erfolg hat? Klar, keine Frage. Natürlich will ich, dass der US-Präsident Erfolg hat."

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Die ehemalige Stahlstadt Youngstown im Jahr 1979.

Youngstown im Nordosten Ohios ist so etwas wie eine Ikone der amerikanischen Industriegeschichte. Was alles mitschwingt im Namen der Stadt, ahnt man schon, wenn man sich eine Ballade Bruce Springsteens anhört: Darin erzählt der Sänger vom Eisenerz, das man 1803 im Tal des Yellow Creek entdeckte; er singt von Hochöfen und davon, dass Amerika Kriege gewann mithilfe der Panzer, die mit dem Stahl aus Youngstown gebaut wurden.

alper tarlakazan
Bruce Springsteen: Youngstown

Am Stadtrand sitzt Carlton Ingram im Lokal Nr. 66 der Gewerkschaft der Betriebsingenieure. Hinter Glasvitrinen im Flur des grauen Flachbaus stehen Miniaturbagger, Miniaturkräne, Bulldozer im Spielzeugformat. Ingram, ein Schrank von einem Mann, der ein Berufsleben lang schweres Baugerät bediente, sitzt im Besprechungszimmer vor einem Sternenbanner mit goldfarbener Kordel und sagt, dass man Geduld haben müsse mit Trump.

"Großartigste Nation"

Ein paar Monate, glaubt Ingram, werde das Weiße Haus wohl noch an ein Schiff auf einem sturmgepeitschten Meer denken lassen, zumal dem Kapitän die Erfahrung fehle. Doch irgendwann lege sich der Sturm. Ingrams Glauben an das eigene Land scheint Trump jedenfalls nicht erschüttert zu haben: "Wir sind nicht nur eine der großartigsten Nationen der Welt. Wir sind die großartigste. Punkt."

Trumps chaotischer Start nährt in Washington Prognosen, wonach der frühere Baulöwe womöglich nur kurz im Oval Office regiert und vielleicht durch ein Amtsenthebungsverfahren entmachtet wird. Eine Fahrt übers Land, quer durch die Bundesstaaten Ohio und Michigan, offenbart aber, dass es zwei Wahrnehmungswelten gibt – hier die Hauptstadt mit ihren Fieberprognosen, dort die Provinz mit der Devise "Abwarten".

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Die Industrie des "Rust Belt" im Nordosten der USA (im Bild Cleveland) erlebte schon bessere Zeiten.

So auch in Bay City, ein verschlafenes Nest am Ufer des Huron-Sees. Tom Testa hat T-Shirts ins Schaufenster gelegt, auf denen "Mug Shot" steht. Eigentlich sind damit Fotos für die Verbrecherkartei gemeint – hier soll es bedeuten, dass ein ordentlicher Schluck Kaffee aus einem Becher ("mug") müde Geister weckt. Zwölf Jahre lang war Testa Polizist, heute führt er eine Bäckereikette namens Cops & Doughnuts, das Resultat einer spontanen Rettungsaktion. Als der Besitzer einer alteingesessenen Konditorei in Clare, einer Kleinstadt mitten in Michigan, mangels Umsatzes aufzugeben beschloss, kauften ihm die neun Polizeibeamten, die damals in Clare in Lohn und Brot standen, den Laden kurzerhand ab.

Probleme mit der Wahrheit

Im Bemühen, wenigstens eines der Geschäfte an der tristen Hauptstraße vor dem Aus zu bewahren, fingen sie an, in Eigenregie Mehlspeisen und Brot unter die Leute zu bringen. Daraus ist ein halbes Dutzend Cops-&-Doughnuts-Filialen geworden, eine davon in Bay City. So wie Testa über Barack Obama spricht, kann man sich vorstellen, dass er Trumps Vorgänger im Weißen Haus seine Stimme gegeben hat, auch wenn er sagt, das gehe nur ihn etwas an. Durch und durch Pragmatiker, ist er auf keine Partei festgelegt.

Was er von Donald Trump hält? "Es scheint, dass er schon ins nächste Fettnäpfchen tritt, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hat", brummt der Expolizist und rollt mit den Augen. Trump habe ein paar dumme Fehler gemacht, das müsse aufhören, und wenn es aufhöre, könne es noch etwas werden. "Ich glaube, er ist der Richtige für den Job. Wenn er die Bürokratie in den Griff kriegt, ist uns schon geholfen."

Zurück in Youngstown, lässt David Betras ausrichten, dass er gerade ziemlich beschäftigt sei, aber gern in aller Kürze am Telefon sagen wolle, was ihm durch den Kopf gehe. So kurz wird es dann doch nicht – und vor allem wird es sehr deutlich: Der Demokrat Betras findet, dass man gar nicht laut genug vor Trump warnen könne. "Der Führer der freien Welt scheint nicht in der Lage, die Wahrheit zu sagen, und wer ihn deswegen zur Rede stellt, den greift er an." Das strapaziere sein Nervenkostüm, sagt Betras, schließlich habe der Mann die Befehlsgewalt über die mächtigste Armee der Geschichte – und er sei mental nicht stabil.

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Haus einer Trump-Unterstützerin in Youngstown.

Der Rechtsanwalt mit Reibeisenstimme ist der Vorsitzende der Demokratischen Partei in Mahoning County, dem Kreis, in dem Youngstown liegt. Momentan versucht er, die spontanen Proteste gegen Trump in organisierte Bahnen zu lenken. Beginnen sollte es bereits in der zweiten Februarwoche, da wollte der Präsident nach Youngstown kommen, um ein Dekret zur Förderung des Kohleabbaus zu unterzeichnen. Betras lud via Facebook zu einem Treffen ein, um eine Demonstration gegen den Besucher zu planen. Im Nu hatten sich tausend Leute für die Besprechung angemeldet.

Aus der Kundgebung wurde nichts, weil es Trump im Trubel um den Rücktritt seines Sicherheitsberaters Michael Flynn vorzog, in der Hauptstadt zu bleiben. "Aber tausend Leute! Davon hätte ich nicht einmal zu träumen gewagt", schwärmt Betras. Nur bedeute die zu neuem Leben erwachte Opposition eben nicht, dass Trumps Tage im Oval Office gezählt seien, fügt er nüchtern hinzu. Falls die Wirtschaft in dem Tempo wachse, wie er es versprochen habe, werde er wiedergewählt.

Im Büro der Republikaner in Youngstown sitzt Anna Pera zwischen dem Bild eines Elefanten, des Wappentiers der Partei, und einer Pappfigur Ronald Reagans, ihres verklärten Idols. Die Republikanerin, die einst Demokratin war, sieht in Trump so etwas wie die letzte Hoffnung für ihre strukturkrisengebeutelte Heimatstadt. "Er ist gewiss kein geschmeidiger Redner, aber Worte interessieren mich nicht. Wir wollen den Wandel, wir wollen Hoffnung."

"Feinde des Volkes"

Ruth Nabb, graue Strickmütze, blondiertes Haar, Gattin eines lokalen Bauunternehmers, unterbricht Peras Redefluss, um ein Beispiel dafür zu nennen, wie unehrlich die sogenannten Mainstream-Medien seien: Nur damit beschäftigt, Trump mit Dreck zu bewerfen, hätten sie nicht darüber berichtet, dass Obama an seinem letzten Amtstag der PLO mal eben so 250 Millionen Dollar überwiesen habe.

Entgegnet man Ruth Nabb, dass man die Sache mit dem Geld für die Palästinenser zum ersten Mal höre, mustert sie einen stirnrunzelnd und fragt: "Sind Sie sicher, dass Sie nicht bei CNN arbeiten?" Der Nachrichtenkanal gehört zu den Medienunternehmen, die Trump als "Feinde des amerikanischen Volkes" ausgemacht hat. (Frank Herrmann aus Youngstown und Bay City, 24.2.2017)

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