"Drei sind wir": Chronik eines angekündigten Kindstodes

    20. Februar 2017, 17:36
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    Stark: Wolfram Hölls rätselhaftes Stück "Drei sind wir" im Vestibül des Wiener Burgtheaters

    Wien – Den Hinweis auf den klinischen Ursprung des Geschehens liefert ausgerechnet der Kachelboden des Burg-Vestibüls. Drei sind wir heißt das Siegerstück des Mülheimer Dramatikerpreises 2016. In ihm baut Autor Wolfram Höll aus einem handverlesenen Vorrat an Wörtern lauter fragile Satztürme. Kaum steht ein solcher Turm, wird er von den drei Sprechern auch schon wieder abgetragen. Gefeiert wird die Erstaufführung einer Wundertüte von Text.

    Die Drei-Zahl im Titel verweist auf die kleinstmögliche Einheit menschlichen Zusammenseins: Vater-Mutter-Kind. Kurz vor der Geburt erfahren die werdenden Eltern, dass ihr Kind Trisomie haben wird. Den Plan, nach "Kanada zu gehen", haben sie bereits vorher gefasst. Hölls Sprachspiel entzündet sich am dreifachen Vorhandensein des 21. Chromosoms: "Trisomie / heißt eins / zu viel / sagt der Arzt". Weil man auf ärztliche Expertise nicht blind vertrauen soll, werden Hinweise auf eine kurze Lebensdauer des Sprosses in den Wind geschlagen. Und weil man natürlich im Flugzeug nach Quebec reist, verfällt Höll in ein bohrendes Deklinieren. "Wir übersetzen ihn", sagen die Eltern – wie in dem Witz, was denn nun der Unterschied sei zwischen Übersetzer und Fährmann. Aber es heißt auch: "Wir üben ersetzen." Höll kommt durch einfaches Vertauschen von Buchstaben vom Hölzchen aufs Stöckchen.

    Profile sichtbar

    Hölls Text verweigert sich jeder vorschnellen Bemächtigung. Umso überzeugender die chorische Nachbearbeitung der Partitur (Regie: Valerie Voigt-Firon). Durch die Lichtfugen der Hinterwand (Bühne: Eylien König) werden die Profile der Schauspieler sichtbar. Eine junge Frau (Marie-Luise Stockinger). Ein mittelalter Bedenkenträger, Typ: Dezernent (Marcus Kiepe). Ein gutgelaunter junger Mann (Tino Hillebrand).

    Von "Frühling" bis "Winter" reichen die Satzbezeichnungen in dieser Chronik eines angekündigten Kindstodes. Die Fabel folgt (vielleicht) dem Schema eines Genoms. Sie handelt vom Ende aller Geschichten, die nur noch als Loop wiederkehren. Deshalb knistert unsichtbar das Vinyl, wirft Hillebrand mit dem Fuß ein Schwungrad an, wenn er als kanadischer Vermieter der Kleinfamilie eine schöne Jahreszeit wünscht. Wie Luftgeister wechseln die Darsteller ihre Funktionen, werden von "Figuren" zu "Bedeutungsträgern" mit vorgehaltenen Masken, oder sie harren in Winkeln szenischer Windstille aus. Wenn es nach Peter Handke wirklich noch ein "Spiel vom Fragen" hat geben können, der Leipziger Höll hat es geschrieben. Jubel für ein starkes Stück. (Ronald Pohl, 20.2.2017)

    22., 24. 2.

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    Burgtheater

    • Wo bleibt denn da das Kind? Marie-Luise Stockinger und Tino Hillebrand als szenische Bedeutungsträger im Burg-Vestibül.
      foto: georg soulek

      Wo bleibt denn da das Kind? Marie-Luise Stockinger und Tino Hillebrand als szenische Bedeutungsträger im Burg-Vestibül.

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