Die Zauberer von Lincoln

19. Februar 2017, 22:10
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Es gibt sie noch, die Märchen im milliardenschweren Fußballgeschäft: Der englische Fünftligist Lincoln City hat im FA-Cup den Premier-League-Verein Burnley 1:0 geschlagen und den Einzug ins Viertelfinale geschafft. Eine Stadt im Ausnahmezustand

Lincoln – Tangshan in China, Port Lincoln in Australien, Neustadt an der deutschen Weinstraße und Radomsko in Polen sind mit dem englischen Lincoln sozusagen verwandt, befruchtende Städtepartnerschaften eingegangen. Der Durchbruch ist den vier Geschwistern noch nicht gelungen, im Gegensatz zum englischen Bruder. Seit Samstag ist die rund 87.000 Einwohner zählende Industriestadt, die vom Fluss Witham geteilt wird und das Zentrum der Grafschaft Lincolnshire bildet, endlich berühmt. Dabei ist sie schon mehr als 2000 Jahre alt.

Durch eine der größten Sensationen in der fast 150-jährigen FA-Cup-Historie hat Fünftligist Lincoln City Geschichte geschrieben. Der erste Einzug eines Vereins aus einer nichtprofessionellen Liga ins Viertelfinale des ältesten Wettbewerbs der Welt seit 1914 nach einem 1:0 gegen Premier-League-Aufsteiger FC Burnley kommt im Zeitalter des milliardenschweren Fußballgeschäfts einem Märchen gleich. "Wir haben dem Pokal etwas von seinem Zauber zurückgebracht", schwärmte Lincolns Teammanager Danny Cawley in aufrichtiger Verzückung.

Für die Fortsetzung der wundersamen Reise seiner "Red Imps" (Roten Kobolde), die auf dem Weg ins Achtelfinale schon die Zweitligisten Ipswich Town und Brighton & Hove Albion düpierten, sorgte der frühere C-Nationalspieler Sean Raggett mit seinem Tor eine Minute vor Abpfiff. Ungläubige Glückseligkeit konnte der Matchwinner nicht verheimlichen. "Das ist total abgedreht und im modernen Fußball noch nie da gewesen."

In früheren Epochen aber auch nur selten: Vor den Underdogs aus Lincoln hatten nach Kriegsende nur sieben Klubs aus einer nicht-professionellen Liga einen Erstligisten aus dem Wettbewerb geworfen. Im Zuge von Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs besonders auch auf der Insel war ein Coup in dieser ganz speziellen "David vs. Goliath" -Konstellation zuletzt 1989 Sutton United gegen die Profis von Coventry City gelungen.

Lincoln war zwar 1902 Fünfter der zweiten Liga, in den 70ern flitzte der spätere Starstürmer Tony Woodcock für das Team am Flügel. Aber das Spiel am Samstag übertraf alles. "Dieser Erfolg wird das Leben in unserem Klub verändern, das war ein Wachrüttler. Wer auch immer behauptet, dass der FA-Cup tot ist, hat Lincoln nicht erlebt", sagte Cawley über die Stimmung. Der Klub wurde 1884 gegründet, das Stadion 1895 gebaut, es ist heute noch in Betrieb, heißt Sincil Bank, die Fans nennen es "The Bank".

Lincolns Sturmlauf ins Viertelfinale – zuletzt war den Queens Park Rangers das gleiche Kunststück vor 103 Jahren geglückt – stellte sogar noch das kaum weniger überraschende Aus des kriselnden Meisters Leicester City durch ein 0:1 trotz Überzahl beim Drittligisten FC Millwall in den Schatten. Christian Fuchs blieb die Pein erspart, er saß auf der Bank, wurde für die Champions League am Mittwoch in Sevilla geschont. Eine weitere Blamage am "Samstag der Sensationen" konnten Manchester City und Startrainer Pep Guardiola knapp vermeiden, sie müssen jedoch nachsitzen. Die Nullnummer beim Zweitligisten FC Huddersfield war das Produkt einer äußerst bescheidenen Leistung. (sid, red, 19.2.2017)

  • Mittelfeldspieler Terry Hawkridge lässt sich von den Fans feiern, so schaut Glück oder Fassungslosigkeit in Lincoln aus.
    foto: apa/afp/anthony devlin

    Mittelfeldspieler Terry Hawkridge lässt sich von den Fans feiern, so schaut Glück oder Fassungslosigkeit in Lincoln aus.

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