Trumps gefährliche Twitter-Bubble

Userkommentar20. Februar 2017, 11:57
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Über ein Phänomen, dessen Potenziale spätestens seit der Inauguration des US-Präsidenten diskutiert werden müssen

Barack Obama ist der bislang einflussreichste, Donald J. Trump schon jetzt der wohl am stärksten polarisierende Akteur innerhalb eines sozialen Mediums, das seit wenigen Jahren auch für die internationale politische Kommunikation erhebliche Bedeutsamkeit erlangt hat. Hierzulande oft mit "Twitter-Diplomatie" beschrieben, spricht man im Englischen meist von "Twiplomacy" oder "hashtag diplomacy".

Es ist scheinbar das perfekte Instrument für den politischen Populismus im Allgemeinen und Trump im Speziellen. Es mutet wie eine fast unlösbare Herausforderung an: Wie vermarkte ich eine Information möglichst gehaltvoll, ohne das von Twitter festgelegte 140-Zeichen-Limit zu überschreiten? Wo die meisten Journalisten zähneknirschend versagen, bringt der neue mächtigste Mann der USA nicht nur sein gesamtes Weltbild unter, sondern hat sogar meist noch Platz für emotionale Ausfälle. Ob er sich nun über politische Entscheidungen seines Amtsvorgängers echauffiert, ganze Volksgruppen kollektiv als "bad people" beleidigt oder bedeutende liberale Medien als "Fake-News" diskreditiert – Trumps Rundumschläge werden stets zigtausende Male gelikt und geteilt.

Twitter-Primus Obama

So passgenau der Kurznachrichtendienst offenbar auf Trumps Politikstil geschneidert zu sein scheint, so überraschend ist es auch, dass ausgerechnet dessen menschlicher und intellektueller Antipode Obama als erster Twitter-Präsident in die Geschichtsbücher eingehen wird. Mit aktuell knapp 85 Millionen Followern ist der 55-Jährige der mit Abstand populärste politische Twitterer. Trump rangiert in dieser Wertung mit "nur" 25 Millionen Abonnenten noch weit abgeschlagen.

Obama hat nicht nur aufgrund seiner beeindruckenden virtuellen Gefolgschaft neue Standards in der Politikvermittlung im Netz gesetzt. Dies wird vor allem dann noch deutlicher, wenn man sich die Interaktionen auf seinem Twitter-Profil im Detail ansieht. Wie die 2016 durchgeführte "Twiplomacy-Studie" der Public-Relations-Agentur Burson-Marsteller herausgefunden hat, war der Präsidenten-Account Obamas (@Potus44) mit durchschnittlich 12.350 Retweets und 19.600 Likes das mit Abstand effektivste politische Twitter-Profil weltweit.

Und wen abonnieren Obama und Trump?

So interessant viele der dargestellten Fakten der Studie zweifellos sind, drängen sich doch auch weitere, bislang kaum beachtete Fragen auf: Wen abonnieren Obama und Trump eigentlich selbst auf Twitter und welche psychologischen Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Vor allem, da gerade in letzter Zeit immer mehr von sogenannten "Filterblasen" die Rede ist, welche vor allem durch einseitigen Medienkonsum entstehen und die eigene Weltsicht noch weiter verzerren können. Obama hat mittels seines privaten Accounts bislang mehr als 15.000 Tweets abgesetzt und folgt aktuell circa 631.000 anderen Profilen. Die allermeisten wurden allerdings mithilfe der "Auto-Follow"-Funktion automatisch generiert und lassen deshalb leider keine Rückschlüsse auf die Ausgewogenheit seiner virtuellen Informationskanäle zu.

Viel interessanter ist das Profil von Trump. Der Neopräsident hat in seinem Twitter-Leben bereits mehr als 34.000 Kurznachrichten gestreut, folgt auf seiner privaten Seite allerdings nur 43 anderen Accounts. Neben einigen engen politischen Vertrauten wie Beraterin Kellyanne Conway und Stabschef Reince Priebus sowie Weggefährten aus Film und Fernsehen ist jeder vierte Account dem zweifellos als konservativ einzustufenden News-Sender Fox zuzurechnen. Die große relative Mehrheit (40 Prozent) der Trump'schen Twitter-Abonnements wird jedoch ausgerechnet vom eigenen Imperium verwaltet: Neben sieben Angehörigen seiner Familie folgt Trump jeweils vier eigenen Golfanlagen und Hotels sowie seiner Trump Organization und seinem Official Team Trump. Man kann daher wohl nicht zu Unrecht schlussfolgern, dass der 70-Jährige in der virtuellen Welt beinahe exklusiv mit der Meinung von Fox News sowie jener seines engsten Umfelds konfrontiert wird. Eine bessere Echokammer könnte es für ihn und seine Entscheidungen kaum geben. (Michael C. Wolf, 20.2.2017)

  • Trump in Melbourne, Florida. Mit seiner Aussage, "was gestern Abend in Schweden passiert ist", verwirrte er Schweden und die Twitter-Community. Sonntag präzisierte er in einem Tweet, sein Statement habe sich auf eine Fox-News-Geschichte bezogen.
    foto: afp/gregg newton

    Trump in Melbourne, Florida. Mit seiner Aussage, "was gestern Abend in Schweden passiert ist", verwirrte er Schweden und die Twitter-Community. Sonntag präzisierte er in einem Tweet, sein Statement habe sich auf eine Fox-News-Geschichte bezogen.

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