Rundschau: Mikronauten, sammelt euch!

    Ansichtssache4. Februar 2017, 10:00
    58 Postings

    Zwei nostalgische Comics und neue SF-Romane von China Miéville, Robert Charles Wilson, Cixin Liu, Dan Wells und Will McIntosh

    Bild 6 von 12
    foto: st martin's press

    Brian Evenson: "The Warren"

    Broschiert, 96 Seiten, St Martin's Press 2016

    Kleine Ernüchterung für zwischendurch gewünscht? Da ist man bei US-Autor Brian Evenson immer an der richtigen Stelle. Rundschau-LeserInnen erinnern sich vielleicht an seinen postapokalyptischen Roman "Immobility" von 2013. Evensons jüngste Novelle "The Warren" hat einen sehr ähnlichen – möglicherweise sogar den gleichen – Hintergrund, ist aber sogar noch existenzialistischer gehalten.

    Schauplatz ist der titelgebende "Warren" (auf Deutsch: Kaninchenbau), eine Bunkeranlage 71 Jahre nach einer unspezifizierten Katastrophe, die die Außenwelt als verseuchte Einöde hinterlassen hat. Ob außerhalb des Kaninchenbaus noch irgendwo Leben existiert, ist unbekannt – und die Bunkerbewohner werfen ihrerseits Fragen auf, was die Definition von Leben anbelangt.

    Im Kopf von X

    Als Ich-Erzähler fungiert X, jüngster und möglicherweise letzter Bewohner der Anlage. Einen Namen hat er nie bekommen, der Buchstabe "X" kann aber als gesichert gelten. Denn jede Generation trug alphabetisch aufeinanderfolgende Bezeichnungen, als wären es Würfe von Welpen. Bis "V" waren es immer zwei, aber seitdem hat das "Material", aus dem die Bunkerbewohner "erschaffen" werden müssen, nur mehr für einen gereicht. Alle zogen sie in die Außenwelt hinaus, um dieses Material zusammenzutragen, und erlagen anschließend der dabei erlittenen Verseuchung. Auch X's Vorgänger ist diesen Weg gegangen und hat unsere Hauptfigur einsam und ratlos zurückgelassen.

    X trägt jedoch eine Bürde, die keiner seiner Vorgänger auf sich nehmen musste: Weil das "Monitor" genannte Computersystem der Anlage fehleranfällig geworden ist, hat man die darin gespeicherten Bewusstseinsinhalte der früheren Bunkerbewohner in X's Gehirn transferiert. Wo sie nun neben- und übereinander liegen und zu einer geistigen Architektur geführt haben, die den Leser (anfangs zumindest) genauso verwirrt wie X selbst: Parts of me know things that other parts do not, and sometimes I both know a thing and do not know it, or part of me knows something is true and another part of me knows it is not true, and there is nothing to allow me to negotiate between the two. Zu Beginn ist X also buchstäblich erst mal damit beschäftigt, sein Ich zu konstruieren.

    Schlimmer noch: Wenn er eines dieser Geistesfragmente "weckt", schädigt er es zugleich; eigene Erinnerungen aus dem Jetzt löschen alte, weil zu wenig Platz in seinem Kopf ist. X muss also sehr vorsichtig mit dem Wissen seiner Vorgänger haushalten. Dabei wäre er so sehr darauf angewiesen, weiß er doch nicht, was seine Aufgabe und letztlich der Sinn seiner ganzen Existenz ist.

    Gibt's hier auch Menschen?

    Unerwarteterweise stößt X aber doch noch auf ein anderes Lebewesen. In einem Seitengebäude der Anlage wurde ein Mann namens Horak kryokonserviert. Aber ist das nun ein normaler Mensch? X taut Horak auf, was bei diesem erst mal schwere körperliche Schäden verursacht. Doch legt sich bald eine Art heilender Kokon über sein nekrotisches Gewebe: Hatte man zuvor schon X's Wesen angezweifelt, so wirkt Horak mit der Aktion auch nicht mehr wirklich menschlich. Dass ihm im Gegensatz zu X die Strahlen- und/oder Gifthölle draußen nichts ausmacht ("I am the outside manifest"), verstärkt das Rätsel noch. Und nur soviel vorneweg: Auch am Schluss von Evensons enigmatischer Erzählung wird so manche Frage offen bleiben.

    Brian Evenson verwendet – je nach Genre – verschiedene Schreibweisen seines Namens: eine Kompartmentalisierung, die X's laufend umgebauter Ich-Konstruktion ähnelt. Bloß hat X keine vergleichbare Kontrolle darüber. Mehrfach muss er feststellen, dass er bzw. sein Körper Dinge getan hat, an die er sich nicht erinnern kann. Offenbar wurde er von einem der alten Geistesfragmente gesteuert – die dann auch noch, um das Maß voll zu machen, die Rolle des Erzählers übernehmen. Rein formal bleibt die Erzählung trotzdem immer beim "ich": ein Verwirrungseffekt ähnlich dem in Ann Leckies "Die Maschinen". And yet, who am I to say that the person I think I am, the personality that had risen to the top like cream, is the real me? These others fill up more of me than I do. Perhaps one of them is the real me and I am the interloper.

    Inspiration für "The Warren" war laut Evenson übrigens eine andere Novelle, nämlich Gene Wolfes "Der fünfte Kopf des Zerberus" von 1972. Tatsächlich finden sich hier einige grundlegende Motive wieder – versetzt in ein hermetisches Setting, das in jeder Beziehung auf das absolut notwendige Minimum reduziert worden ist. Und mit einer Hauptfigur, die buchstäblich nichts mehr hat – nicht einmal sich selbst.

    weiter ›
    Share if you care.