Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2016

    Ansichtssache14. Jänner 2017, 10:00
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    Was in der Phantastik-Bibliothek nicht fehlen sollte: Von Ian McDonald über Ben Winters und Cixin Liu bis zu Margaret Atwood und Elias Hirschl

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    fotos: snowbooks, angry robot

    Matthew De Abaitua: "The Red Men", "If Then" & "The Destructives"

    Broschiert, 384 Seiten, Snowbooks 2007/2013, bzw. 416 Seiten, Angry Robot 2015, und 416 Seiten, Angry Robot 2016

    Als krönenden Abschluss jetzt noch das, was mich im vergangenen Jahr am nachhaltigsten beeindruckt hat: Matthew De Abaituas 2007 mit "The Red Men" begonnene und 2016 mit "The Destructives" abgeschlossene Trilogie ohne Namen. Oder vielleicht sollte man eh besser "Triptychon" oder etwas ähnlich Umschreibendes sagen, da es sich um drei Romane handelt, die problemlos einzeln gelesen werden können. Perverserweise hat es sich irgendwie ergeben, dass ich das Ganze in exakt umgekehrter Reihenfolge gelesen habe. Da die drei Bücher aber zur selben Future History gehören und zeitlich aufeinander aufbauen, würde ich empfehlen, bei "The Red Men" zu beginnen. Das wurde hier als Einziges noch nicht ausführlich vorgestellt – was hiermit nachgeholt wird.

    In diesem 2007 erstveröffentlichten und 2013 noch einmal überarbeiteten Roman begeben wir uns bis kurz vor jenes Ereignis zurück, das in "If Then" und "The Destructives" als Seizure erwähnt wird: den weitgehenden Kollaps der menschlichen Zivilisation und den Aufstieg der Künstlichen Intelligenzen. Mit anderen Worten: in eine Zukunft, die unserer Zeit erschreckend nahe ist.

    Unsere schöne neue Welt

    Ich-Erzähler Nelson Millar und sein Kumpel Raymond Chase arbeiten für den Konzern Monad, der consumer modelling in mirrorworlds als Geschäftsmodell hat. Bei wem hier der Worthülsenalarm anspringt, der liegt durchaus richtig: De Abaitua versteht es meisterlich, den Techno-und-Marketing-Seifenblasensprech derer wiederzugeben, die ständig dem new new thing hinterherhecheln. In einem demographically engineered London, das von allen störenden Elementen gesäubert ist, lebt dieses kleine, sich elitär fühlende Bevölkerungsegment, das ganz selbstverständlich Sätze wie "I must schedule my emotions" vom Stapel lässt.

    Auf der anderen Seite der wachsenden gesellschaftlichen Kluft stehen diejenigen, die nicht mehr mitspielen wollen. "The Great Refusal" macht als neues Schlagwort die Runde. In den weniger noblen Vierteln gedeiht eine neue Offline-Kultur, während immer mehr Menschen aus dem gesellschaftlichen Raster fallen. Der Roman beginnt damit, wie ein solcher Mensch – an exhausted and confused foot soldier of globalization – Amok läuft. Der darauf folgende Einsatz eines Psychoberater-Roboters ist 2013 übrigens verfilmt worden ("Dr. Easy").

    Red Men und Redtown

    Trotz des inhaltsleeren Gefasels seiner Manager ist Monad inzwischen tatsächlich an etwas Reellem dran. Der Konzern und die hinter ihm stehende Künstliche Intelligenz Cantor erstellen digitale Kopien von Menschen aus deren Gehirnwellenmustern, digitalen Fußabdrücken und was man sonst noch so an Daten zusammenkraken kann. Diese Kopien, Red Men genannt, entfernen sich aber recht flott von ihren Originalen. Sich ihrer selbst bewusst, betrachten sie sich als optimierte Versionen. Sie sind erfolgsorientiert, daraus folgend kompetitiv und daraus folgend sehr schnell aggressiv. Als Raymond den Sonderwünschen eines solchen Red Man nicht nachkommt, wird er von diesem erbarmungslos gestalkt – die KI schreckt dabei nicht davor zurück, Raymond mit der Stimme seines toten Vaters zu verfolgen.

    Trotzdem geht das Projekt in die zweite Phase, für die Nelson hauptverantwortlich ist: Man wählt eine typisch englische Kleinstadt aus, um sie zur Gänze zu digitalisieren. In dieser Redtown sollen dann die Auswirkungen politischer Strategien oder nationaler Katastrophen getestet werden. Das aufwändige Projekt zehrt an der Substanz aller Beteiligten, zudem wirkt das Geschehen – ein Vorbote der beiden Folgebände – zunehmend surreal: Physische und virtuelle Welten durchdringen einander, außerdem scheint eine konkurrierende KI das Projekt durch Mind-Hacking zu sabotieren.

    Kontrollverlust

    Matthew De Abaitua ist ein begnadeter Autor und verwendet geschickt einen Stil, der uns immer ein bisschen im Unklaren lässt. Wir glauben zu wissen, was gerade geschieht – können aber nie ganz das Gefühl abschütteln, das da unter der Oberfläche noch etwas anderes lauert, das sich uns entzieht. So subtil, dass man sie kaum als solche erkennt, sind hier zudem einige Motive eingebaut, die eigentlich aus der klassischen Schauerliteratur stammen: Doppelgänger, albtraumhafte Visionen, schattenhafte Gestalten und das Gefühl, verfolgt zu werden. Die Horrorelemente unterstreichen das vorherrschende Gefühl des Romans: "The Red Men" ist angsty.

    Und die Angst dahinter ist die vor dem Kontrollverlust. Niemand kann die Entwicklung, die hier ihren Lauf nimmt, steuern. Weder die, die sich über lange Zeit noch für die Gestalter der Zukunft halten, noch die, die längst offline geflüchtet sind. "The Red Men" und seine Nachfolgerbände spiegeln damit die schleichende Grundangst unseres Zeitalters wider – nämlich die, dass wir nicht mehr mithalten können. Es ist, wie schon einmal gesagt, Science Fiction auf der Höhe der Zeit.

    P. S.

    Zu Weihnachten hat der "New Scientist" eine neue Kurzgeschichte Matthew De Abaituas veröffentlicht, die aus demselben Universum wie diese drei Romane stammt und noch nach "The Destructives" angesiedelt ist. "The University of the Sun", benannt nach dem sonnenumkreisenden Megakomplex, in den die Künstlichen Intelligenzen übersiedelt sind, ist erneut ein geschicktes Vexierspiel mit virtuellen Wirklichkeiten und zeigt zweierlei: Erstens dass De Abaitua nur wenige Seiten braucht, um einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und zweitens dass wir nicht die Einzigen sind, bei denen Science Fiction in den Kontext der Wissenschaft eingebettet ist. Ha!

    Was in der nächsten Rundschau enthalten sein wird, ist ja auf den vorigen Seiten schon zum Teil angeteasert worden; weitere ominöse Andeutungen werde ich mir hier also schenken. Sie kommt übrigens schon Anfang Februar, weil ich danach auf Urlaub sein werde! (Josefson, 14. 1. 2017)

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