Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2016

    Ansichtssache14. Jänner 2017, 10:00
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    Was in der Phantastik-Bibliothek nicht fehlen sollte: Von Ian McDonald über Ben Winters und Cixin Liu bis zu Margaret Atwood und Elias Hirschl

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    foto: wesleyan university press

    Carl Abbott: "Imagining Urban Futures"

    Gebundene Ausgabe, 262 Seiten, Wesleyan University Press 2016

    Mein Lieblingssachbuch des Jahres kam von einem emeritierten Professor für Stadtplanung und Stadtforschung ... und ausgemachten Science-Fiction-Fanboy. Der US-Amerikaner Carl Abbott hat unter anderem schon über den Frontier-Mythos in der SF geschrieben. In "Imagining Urban Futures" bringt er in ebenso sachkundiger wie unterhaltsamer Weise seine beiden Hauptbeschäftigungen unter einen Hut: das, was er jahrzehntelang an der Portland State University lehrte – und das, was er dann abends im Bett las. Warnung: Dieses Buch wimmelt nur so von Tipps zu Büchern, die man anschließend sofort lesen möchte. Kettet die Kreditkarte an!

    Acht Arten von Städten

    "Imagining Urban Futures" ist ganz der Frage gewidmet, welche Rolle(n) der Lebensraum Stadt in der Science Fiction spielt. Der Aufbau des Buchs richtet sich nach den acht Grundtypen von Städten, die Abbott aus der Vielzahl an Romanen, Filmen usw. herausgefiltert hat. Möglicherweise ließen sich auch andere Kategorien finden, aber Abbotts System wirkt auf jeden Fall in sich stimmig.

    Wie das dann abläuft, zeigt Kategorie 1 bereits sehr schön: Unter dem Titel "Techno City; or: Dude, where's my Aircar?" nimmt Abbott den Klischeetypus der Zukunftsstadt schlechthin unter die Lupe und aufs Korn: Also den, der im Grunde genauso aussieht wie eine heutige Stadt – bloß mit mehr Gizmos (Stichwort Flugautos); Beispiele reichen von "Metropolis" bis "Futurama". Die ersten Sätze dieses Kapitels etablieren den vergnügten Ton, in dem Abbott sein Buch halten wird: Commuting is going to be lots more fun in the future. Where now we trudge wearily on crowded sidewalks, we'll ride cheerfully along on slideways. Now we squeeze into crowded, squeaky trains with old chewing gum under the seats, but soon we'll enjoy shiny silent subways that shoot passengers to their destinations with a pneumatic whoosh.

    Fakten zum Staunen

    Immer ein Zwinkern im Auge, immer ein verblüffendes Statement im Ärmel. Zum Beispiel kommt Abbott zum Befund, dass sich urbane Umgebungen im Jahrhundert zwischen 1840 und 1940 drastisch geändert hätten – seitdem aber kaum noch. Selbst die vielbeschworene "Smart City" ist für den Stadtexperten kaum mehr als ein bisschen Oberflächenkosmetik (nimm das, wissenschaftliches Modethema!).

    Abbott bleibt nicht einfach bei einer Genre-internen Auflistung fiktiver Städte, er stellt stets Querbindungen zur Stadtplanungs- und Architekturgeschichte her. So sehr er Appetit auf die von ihm zitierten Romane macht, so sehr möchte man dann auch die futuristischen Konzepte von architektonischen Visionären wie Buckminster Fuller, Ron Herron ("Walking City") oder Paolo Soleri sehen. Oder wie wär's mit Arturo Soria y Mata und seiner Idee von einer "linearen Stadt"? Diese Idee ist sogar von der Science Fiction bislang kaum aufgegriffen worden – spontan fällt mir höchstens Paul di Filippo mit seinem "Linear Jungle" ein. "Imagining Urban Futures" enthält zwar nur einige Schwarz-Weiß-Abbildungen, verweist aber auf Quellen für massenweise Architekturbilder zum Staunen.

    "Babylon 5" ist eine andere Nummer als "Deep Space Nine"

    Bei der Kategorie "Migratory Cities" dürften viele spontan an die Weltraumstädte aus James Blishs Klassiker "Cities in Flight" denken. Die sieht Abbott aber mit strengem Blick als eher schlechtes Beispiel an; von Stadtleben sei hier nämlich nichts zu bemerken. Für bessere Beispiele hält er etwa Armada aus China Miévilles "Die Narbe" und selbst das arbeitsteilige Flottenkonglomerat von "Battlestar Galactica".

    Wie um eine alte SF-Kontroverse aus den 90ern wiederzubeleben, argumentiert er zudem schlüssig vor, warum "Babylon 5" sehr wohl als Stadt durchgeht, während "Deep Space Nine" aus dem "Star Trek"-Franchise nur ein popliges Fort ist. Das geschieht übrigens unter der Kapitelüberschrift "Breathing Machines": Raum- oder auch Unterwasserstationen bilden deshalb eine eigene Kategorie, weil ihnen mit der Luft "der einzige unregulierte Input" fehlt, den es in unseren Städten noch gibt. Ebenfalls enthalten sind ein paar witzige Betrachtungen zum Problem der Müllentsorgung in Monsterstädten wie Coruscant oder der in Harry Harrisons "Bill, the Galactic Hero".

    Missachtete und bis zum Abwinken bearbeitete Städte

    Noch hermetischer als Raumstationen ist der Typus "Utopia With Walls / Carceral City", eine der gebräuchlichsten Ausformungen des Stadtmotivs in der Science Fiction. Es sind Städte, die als Zufluchtsorte begannen, sich dann aber über Stasis, Verfall und Korrumpierung des Systems von der Utopie zur Dystopie wandelten. Als ein kaum noch bekanntes frühes Beispiel für diesen Typus nennt Abbot E. M. Forsters "The Machine Stops" von 1909. Ein besonders erfolgreiches von unzähligen jüngeren wäre Hugh Howeys "SILO"-Reihe. Dass dieser Stadttypus in der Jugendliteratur besonders häufig vorkommt, ist kein Zufall – sind doch in einem solchen Szenario des Wandels Generationenkonflikte gleichsam von Anfang an eingebaut.

    Für Mitteleuropäer eher exotisch wirkt die unter dem Titel "Crabgrass Chaos" betrachtete Kategorie Suburbia. Hochintereressant aber zu lesen, wie wenig offenbar selbst US-Amerikaner mit diesem belächelten bis offen verachteten Lebensraum anzufangen wissen, egal ob Soziologen oder SF-Autoren. Bezeichnenderweise ist in den Literaturverweisen dieses Kapitels kein einziger Titel enthalten, der es an Rang und Namen mit denen der anderen aufnehmen könnte.

    Dafür geben sich in den Kapiteln "Keep Out, You Idiots!" (verlassene und postapokalyptische Städte) und "Soylent Green Is People!" (Städte in der Krise, ob nun Überbevölkerung oder Klassenkampf) die prominenten Beispiele nur so die Klinke in die Hand. Das ist Science-Fiction-Kernland! Ganz nebenbei streut Abbott hier übrigens die Frage ein, warum es in so gut wie allen Apokalypsen – von "The Walking Dead" bis zu Stephen Kings "The Stand" – quasi selbstverständlich ist, dass man im Katastrophenfall so schnell wie möglich die Stadt verlassen muss, weil man nur auf dem Land und in sauberen kleinen dorfartigen Gemeinschaften überleben können wird. Schon mal darüber nachgedacht?

    Wimmelndes Leben

    Alles in allem herrscht in der westlichen und insbesondere der US-amerikanischen Science Fiction ein unterschwelliger Antiurbanismus vor. So lautet einer der Hauptbefunde Abbotts, belegt mit zahlreichen Beispielen und Zitaten. Schon US-Gründervater Thomas Jefferson hielt Städte für "Krebsgeschwüre", und diese Haltung wirke immer noch nach. Gegenmodelle listet Abbott im letzten Kapitel "Market and Mosaic" auf: Multikulturelle Dschungel und Basare, die von Leben wimmeln, findet er vor allem in nicht-westlicher SF (siehe dazu auch "Nach Metropolis kommt die Metastadt"), aber auch im Cyberpunk – etwa in der Nighttown William Gibsons.

    Warum dieses Motiv so häufig vorkommt? Einfach: Nighttown is far more dramatic than Quiet-summer-afternoon-town. Diese "unlizensierten Sektoren" mögen zwar chaotisch und tendenziell gefährlich wirken. Doch das sei reine Wertungssache, meint Abbott und demonstriert seine Fähigkeit zum Querdenken mit einem letzten Beispiel: Ihr findet, das Los Angeles von "Blade Runner" sei ein Paradebeispiel für eine düstere Stadt? Dann seht euch doch mal ganz genau an, was für eine Vitalität die Straßenszenen im Film versprühen.

    Intelligent, witzig und vollgestopft mit hochinteressanten Fakten: "Imagining Urban Futures" ist eine gelungene Beweisführung für Abbotts anfängliche These "Science fiction is about the future. The human future will be urban. Therefore, science fiction should be about urban futures" und eine echte Bereicherung für jedes SF-Regal.

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