Wenn Weihnachten zweimal kommt

23. Dezember 2016, 07:00
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Orthodoxe Kirchen scheitern an einem einheitlichen Kalender. Diesbezügliche Vorschläge werden oft als Traditionsbruch gedeutet

"In unserem Land feiert man zweimal Weihnachten", hört man oft von Menschen aus Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien. Traditionell gehören dort christliche Gläubige mehrheitlich der römisch-katholischen einerseits und der serbisch-orthodoxen Kirche andererseits an. Während die Katholiken den gregorianischen Kalender verwenden, folgen die serbisch-orthodoxen Gläubigen dem julianischen Kalender.

Diskrepanz zum Sonnenjahr

Der Übergang vom julianischen zum gregorianischen Kalender ist mittlerweile mehr als 400 Jahre alt. Der ältere julianische Kalender stammt nämlich aus der Römerzeit, eingeführt wurde er im Jahr 45 vor Christus von Julius Cäsar und bekam nach ihm auch seinen Namen. Das julianische Jahr betrug 365 Tage und sechs Stunden und war somit gegenüber dem Sonnenjahr um 11 Minuten und 14 Sekunden länger. Im Laufe der Jahrhunderte führte diese Diskrepanz zu einer immer größer werdenden Schere zum tatsächlichen Sonnenlauf.

Dies nahm der Papst Gregor XIII. zum Anlass, den Kalender zu reformieren. Im Jahre 1582 war es dann so weit: Auf den 4. Oktober folgte gleich der 15., alle Sonntage wurden wegen ihrer hohen Bedeutung für den christlichen Glauben beibehalten. Der reformierte gregorianische Kalender setzte sich aber nur allmählich durch: Protestantische Länder lehnten ihn lange Zeit ab, erst ums 1700 begannen sie allmählich, den neuen Kalender zu verwenden.

In Ländern mit orthodox-christlicher Bevölkerung vollzog sich der Wandel erst im 20. Jahrhundert, beispielsweise führte Russland die neue Kalenderrechnung erst am 14. Februar 1918 ein, Griechenland war überhaupt das letzte europäische Land, das den gregorianischen Kalender einführte – 1924.

Der Versuch von Konstantinopel

In etlichen Ländern mit orthodoxer Mehrheit blieb der gregorianische Kalender lediglich auf die außerkirchliche Domäne beschränkt. Im religiösen Gebrauch verwenden sie bis heute den julianischen Kalender, dessen Unterschied zum gregorianischen mittlerweile 13 Tage beträgt. So feiern unter anderem folgende orthodoxe Kirchen beziehungsweise Patriarchate Weihnachten am 7. Jänner: die russische, die serbische, die ukrainische, die armenische, die syrische und die georgische. Auch das Patriarchat von Jerusalem, der Heilige Berg Athos, die koptische und die äthiopische Kirche folgen immer noch dem julianischen Kalender.

Andere große orthodoxe Kirchen – wie die griechische, bulgarische und rumänische – beschlossen im Jahre 1923 beim Gesamtorthodoxen Kongress in Istanbul, den vom serbischen Geophysiker Milutin Milanković entwickelten neujulianischen Kalender einzuführen. Dieser annullierte die 13-Tage-Differenz zum julianischen Kalender und entspricht somit weitgehend dem gregorianischen. Seine flächendeckende Einführung in allen orthodoxen Kirchen blieb bis heute aus.

Da die russisch-orthodoxe Kirche beim alten Kalender blieb, zögerten manche andere orthodoxe Kirchen, auf den neuen Kalender überzugehen. So beschloss die serbisch-orthodoxe Kirche bei ihrem Kongress im September 1923 in Sremski Karlovci grundsätzlich die Einführung der neuen Kalenderrechnung, seine Einführung wurde aber so lange vertagt, bis auch andere orthodoxe Kirchen denselben Beschluss fassen. Mittlerweile existieren in manchen orthodoxen Ländern wie in Griechenland nach der Einführung des neuen Kalenders Gruppen von Gläubigen, die immer noch dem julianischen Kalender folgen.

Traditionsbruch

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es immer wieder Anläufe, die neue Kalenderrechnung in der gesamten orthodoxen Welt einzuführen, etwa bei der Ersten Gesamtorthodoxen Konferenz 1961 auf Rhodos. Jedoch blieben sie bis heute erfolglos: Bemühungen, den Kalender anzugleichen, werden von manchen kirchlichen Autoritäten oder in der Öffentlichkeit oft als Traditionsbruch beziehungsweise als eine zu große Annäherung an die katholische Kirche interpretiert. Alle orthodoxen Kirchen sind jedoch bei der Osterfeier einheitlich: Die gesamte orthodoxe Welt hält sich nämlich immer noch an den Beschluss des Ersten Konzils von Nicäa aus dem Jahre 325, nach dem Ostern am ersten Sonntag nach dem jüdischen Pessachfest zu feiern ist. (Nedad Memić, 23.12.2016)

  • Weihnachtsmarkt auf dem Roten Platz in Moskau.
    foto: apa/afp/vasily maximov

    Weihnachtsmarkt auf dem Roten Platz in Moskau.

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