Rundschau: Leben und Töten in Fantasticland

    Ansichtssache17. Dezember 2016, 10:00
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    Letzte vorweihnachtliche Science-Fiction-Buchtipps: Von Ariel Winter über Terry Pratchett und Uwe Post bis zu Andreas Brandhorst

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    foto: heyne

    Stephen Baxter & Alastair Reynolds: "Die Medusa-Chroniken"

    Klappenbroschur, 592 Seiten, € 15,50, Heyne 2016 (Original: "The Medusa Chronicles", 2016)

    1971 veröffentlichte der große Arthur C. Clarke die Novelle "A Meeting With Medusa", in der Commander Howard Falcon mit dem riesigen Luftschiff "Queen Elizabeth IV" verunglückt, um später an Bord der "Kon-Tiki" als erster Mensch in die Jupiteratmosphäre einzutauchen. Dort begegnet er gigantischen medusenhaften Lebewesen und räuberischen Flugrochen: Ältere Semester werden sich vielleicht an die Episode von Carl Sagans "Unser Kosmos" erinnern, in der Clarkes Geschöpfe als Beispiel für mögliche extraterrestrische Lebensformen visualisiert wurden.

    Clarkes Erzählung endet mit den Worten: Immerhin würde er ein Botschafter sein – zwischen dem Alten und dem Neuen – zwischen den Kreaturen aus Kohlenstoff und den Kreaturen aus Metall, die eines Tages die Oberhand gewinnen würden. Beide würden ihn brauchen in den schwierigen Jahrhunderten, die der Welt bevorstanden. Das ist die perfekte Ausgangslage für ein Sequel, dachten sich die beiden Hard-SF-Stars Stephen Baxter und Alastair Reynolds und schildern im auch auf Englisch erst 2016 erschienenen "Die Medusa-Chroniken" ebendiese schwierigen Jahrhunderte. Clarkes Novelle ist dem Roman dankenswerterweise hinten angefügt – und ich würde aufgrund der vielen Querverweise empfehlen, erst sie und dann den neuen Roman zu lesen.

    Achtung, Spoiler-Grenze für alle Novellezuerstlesenden!

    Erst am Ende der Novelle erfahren wir die tragische Pointe, dass der große Jupiter-Pionier nur noch in Fragmenten ein Mensch ist: Er wurde beim Luftschiffabsturz so schwer verstümmelt, dass sein Körper nun fast zur Gänze aus künstlichen Teilen besteht. Für das Sequel muss man dies vorausschicken, weil Falcons "Mittlerrolle" zwischen organischem und maschinellem Leben eines der zentralen Motive des Romans bildet. Das Fehlen seiner Organe, des Magens, der Leber und der Genitalien, hatte ihm sogar größere Gelassenheit geschenkt als den meisten anderen, so schien es ihm oft. Er war ein ruhiger, leidenschaftsloser Zeuge der Jahrhunderte, die wie Flutwellen durchs Sonnensystem rollten. Und er muss sich immer wieder die Frage stellen, welcher der beiden zunehmend verfeindeten Lebensformen seine Loyalität gilt: den Menschen oder den immer intelligenter und selbstständiger werdenden Maschinen.

    Falcons äußerer Wandel ist übrigens noch lange nicht abgeschlossen. Sieht er anfangs noch wie eine zwei Meter hohe Oscar-Statuette auf Ballonreifen, aus der ein ledriges Stück Gesicht ragt, aus, so wird später eine ganze Reihe weiterer Kunstkörper folgen. Und als fantastischer Höhepunkt schließlich eine Metamorphose, die Hand in Hand mit einem spektakulären zweiten Abtauchen in die Tiefen des Jupiter geht: Das wird dann ganz großes Kino im Kopf, Baxter und Reynolds setzen hier Clarke wirklich noch eins drauf.

    Zeitenwandel

    Zu Beginn der Chronik, die vom 21. bis ins 29. Jahrhundert reicht, befinden wir uns in einem noch sehr eutopisch anmutenden Ambiente: Die Welt ist geeint, der technische Fortschritt ein Segen. Symbolisch dafür steht ein kilometerlanger ehemaliger Raketen- und Flugzeugträger, der nun als Kreuzfahrtschiff fungiert. "Dir hätte das gefallen, Jules", denkt Falcon – und Arthur wär's sicher auch zufrieden gewesen. Doch Baxter und Reynolds gehören einer späteren Generation an als Clarke oder gar Verne und haben die Technologieskepsis ihrer Ära längst intus.

    Und deshalb geht es von da an auch bergab. Das erste Warnzeichen ist, dass einige autonome Maschinen, die am Rande des Sonnensystems Rohstoffe abbauen, in den Streik treten. Falcon muss zum ersten Mal vermitteln und trifft dabei auf den Roboter Adam, der sich zu einer Galionsfigur der Maschinenevolution entwickeln wird und doch seinem "Vater" Falcon zeit seiner Existenz verbunden bleibt. Das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine insgesamt verschlechtert sich aber zusehends und artet schließlich in einen jahrhundertelangen Krieg aus. In diesem erbarmungslosen Konflikt wird die Menschheit erst den Merkur und später noch viel mehr verlieren.

    Der Romanbau zu Babel

    Der Aufbau des Romans wirkt zunächst etwas verwirrend. Die Chronologie schreitet in unterschiedlich großen Zeitsprüngen voran, zudem umfassen die einzelnen Abschnitte mal ein prägendes Jahr, mal einen viel längeren Zeitraum. Es wimmelt von Verweisen auf die Clarke-Novelle (darum: vorher lesen!), zudem scheinen wir uns die ganze Zeit über in einem alternativen Geschichtsverlauf zu befinden. Am Ende jedes Abschnitts wird in die späten 1960er-Jahre zurückgeblendet – aber nicht in die uns bekannten, sondern in eine Version der Welt, in der mit dem Apollo-Programm versucht wird, einen Asteroiden von der Kollision mit der Erde abzubringen. Im Nachwort wird aufgeklärt, dass diese Passagen auf einem MIT-Bericht aus dem Jahr 1967 basieren. Warum sie in den Roman eingebunden wurden, ist mir allerdings rätselhaft geblieben.

    Umso linearer erweist sich die Struktur, wenn man die Evolution der Roboter als Ausgangspunkt nimmt: Finden wir im Prolog nur einen simplen Spielzeugroboter vor, so wird im ersten Abschnitt ein schon deutlich avancierterer Servierroboter auf dem Kreuzfahrtschiff eine bedeutende Rolle spielen. Es folgt der eigensinnige Adam, der sich zudem körperlich wie geistig fortlaufend weiterentwickelt. Und ehe wir's uns versehen, sind wir bei gigantischen Maschinenkonstrukten angelangt, die mit dem Umbau des Sonnensystems beginnen und der Menschheit ein atemberaubendes Ultimatum stellen: "Am 7. Juni 2784 um vierzehn Uhr sechsunddreißig – genau in fünfhundert Jahren – muss der letzte Mensch die Erde verlassen haben. Wir benötigen sie nämlich zu anderen Zwecken."

    Würdige Hommage

    Trotz eskalierenden Konflikts hat der Roman aber auch viel Schönes zu bieten. So erhalten wir faszinierende Einblicke in die "Flinger"-Infrastruktur, mit der wertvolles Wassereis aus dem Kuipergürtel ins innere Sonnensystem geschleudert wird. Und dürfen über eine Flotte gigantischer Wolkenstädte – frei nach Jonathan Swift Laputas genannt – staunen, in denen sich die Menschen in der Saturnatmosphäre etablieren. Luftschiffe jeder Art tauchen im Roman immer wieder auf: Eine schöne Hommage an die Originalnovelle – aber Stephen Baxter hat ja schon seinerzeit mit der "Time Machine"-Fortsetzung "Zeitschiffe" bewiesen, dass er einem Klassiker ein würdiges Sequel folgen lassen kann. Und genau das ist auch "Die Medusa-Chroniken" geworden – ein Fest somit für Freunde wissenschaftlich orientierter Science Fiction mit Sense of Wonder.

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