Rundschau: Weltraumoper in zwölf Akten

    Ansichtssache10. September 2016, 10:00
    58 Postings

    Neue Science-Fiction-Bücher unter anderem von Lavie Tidhar, John Scalzi, Jens Lubbadeh und Dmitry Glukhovsky

    Bild 4 von 12
    coverfoto: thomas dunne books

    Curtis C. Chen: "Waypoint Kangaroo"

    Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, Thomas Dunne Books 2016

    Kan-ga-roo! He's the man, the man with the mighty pouch ... Wenn man schon einen Agenten zur Hauptfigur eines Romans – und offenbar einer ganzen geplanten Romanreihe – macht, dann kann es nicht schaden, sich bei dem Role-Model schlechthin zu bedienen: 007. Auch wenn die Handlung ein paar Jahrhunderte in der Zukunft und auf interplanetarer Ebene angesiedelt und besagter Agent der einzige bekannte Mensch mit einer Superkraft ist: Er kann ein Portal in ein anderes, vollkommen leeres Universum öffnen und dort nach Belieben Gegenstände verstauen, bis er sie wieder hervorholt. Es ist der größte Tragebeutel aller Zeiten – darum trägt unser Ich-Erzähler den Decknamen Kangaroo.

    Erst einmal bondelt es

    Und so beginnt das Romandebüt von Curtis C. Chen, einem Autor aus dem pazifischen Nordwesten der USA, wie der reinste James-Bond-Pastiche: Keine Exposition, stattdessen Direkteinstieg in die Action in Form einer gerade in Abschluss befindlichen Mission, die mit dem späteren Plot nichts zu tun haben wird. Tarnen, Täuschen, Auffliegen, Verfolgungsjagd, Schießerei, Erfolg. Dann folgt die Handlungspause, in der wir uns die Bläsersätze und twängenden Gitarren des neuesten Kangaroo-Songs diesmal nur vorstellen können (bitte nicht von Jack White oder Sheryl Crow!).

    Cut, wir blenden um ins Hauptquartier von Kangaroos Organisation. Das liegt zwar nicht in London, sondern in Washington, trotzdem trifft unser Held hier ein paar bekannt wirkende Figuren: Paul Tarkington als väterliche M-Figur. Oder Oliver Graves, den Hüter des technischen Arsenals, der Kangaroo auch prompt eine Standpauke wegen unachtsamen Umgangs mit seiner Ausrüstung hält. Beim obligatorischen Briefing erlebt Kangaroo aber eine Überraschung: Anstatt in den nächsten Einsatz wird er ... in Urlaub geschickt. Seine jüngste Mission hat nämlich etwas diplomatischen Staub aufgewirbelt, daher will man ihn jetzt erst mal außer Sicht schaffen. Und der Roman wechselt – nicht zum letzten Mal – das Genre.

    Unser Held

    Kangaroo teilt ein paar Züge mit James Bond, in anderen Punkten könnte er unterschiedlicher nicht sein. Als Waise aufgewachsen, hat er im Leiter der Organisation einen Vaterersatz gefunden. Er ist ebenso kampferprobt wie gebildet und stets mit dem neuesten Stand der Technik vertraut – nicht zuletzt trägt er ein Netzwerk aus diversen Implantaten und ein paar Milliarden Nanobots im Körper. Aber er denkt auch wehmütig an die Zeit zurück, als er noch nicht in Feldeinsätze geschickt wurde, sondern einen Schreibtischjob hatte: Das ist völlig gegen Genrekonventionen, denenzufolge Actionhelden es wie eine Amputation empfinden müssen, "grounded" zu sein.

    Ein Ladykiller ist Kangaroo auch nicht gerade. Als er auf die attraktive Ingenieurin Ellie Gavilán trifft, bringt die nicht nur seine Säfte in Wallung, sondern auch seine Zunge zum Stolpern: Zum weltgewandten Gentleman hat er es also noch nicht gebracht. Er ist professionell im Job, aber nicht abgebrüht. Scharfsinnig, aber irgendwie ein großes Kind geblieben. Der Star seiner Organisation, aber trotzdem auch ihr Sorgenkind: ein Ruf, gegen den er ständig ankämpfen muss. Alles in allem ergibt das eine sehr sympathische Hauptfigur, was letztlich ja eine entscheidende Anforderung ist, wenn man eine ganze Serie um eine Person stricken will.

    Whodunnit

    Nach dem irdischen Prolog ist der Schauplatz des restlichen Romans das Kreuzfahrtschiff "Deja Thoris" – benannt natürlich nach der Marsprinzessin von Edgar Rice Burroughs –, mit dem Kangaroo Richtung Mars fliegt. Allzu lange muss er sich in seinem Zwangsurlaub allerdings nicht langweilen: Eine Passagierin und deren Sohn werden ermordet, als Täter wird dessen psychisch kranker Bruder vermutet. Aber weisen die Indizien womöglich in die falsche Richtung und es steckt jemand ganz anderes dahinter – und was wäre dann dessen Motiv?

    Nun präsentiert sich der Roman also als klassische Murder Mystery, inklusive einer geschlossenen Umgebung und eines gehobenen Ambientes, wie es das Genre so gerne hat. Es folgt das volle Programm Agatha-Christie-mäßiger Verwicklungen ... und allmählich wird sich dabei auch herauskristallisieren, warum "Waypoint Kangaroo" tatsächlich einen SF-Hintergrund gebraucht hat.

    Resümee

    "Waypoint Kangaroo" ist spannend, witzig und insgesamt eine klare Empfehlung. Dass es nicht perfekt ist, liegt allein an der Länge. 320 Seiten klingt zwar nach nicht viel, aber die Länge muss eben immer auch in Relation zur Handlung gesehen werden. Und da hat es Chen gerade um den Tick zu gut gemeint, wodurch man sich zwischendurch ein paar Fragen stellt.

    Zum einen: Wird der Roman am Ende mehr als eine Murder Mystery sein, die sich genauso gut an Bord eines Kreuzfahrtschiffs im 20. Jahrhundert abspielen könnte? Und wird der SF-Hintergrund damit mehr als nur eine austauschbare Kulisse sein? Das kann ich getrost bejahen – Chen wird den Plot sogar recht nah an Hard SF heranbringen. Zum anderen: Ist die einzigartige Idee des Taschenuniversums nicht ein bisschen verschwendet, wenn es doch die längste Zeit eine geringere Rolle spielt als die diversen Implantate, die Kangaroo im Körper trägt? Keine Sorge, auch hier werden sich die Dinge noch so entwickeln, dass der große Beutel unverzichtbar wird.

    Ende gut, alles gut, könnte man also sagen. Man muss aber auch festhalten, dass solche Zweifel gar nicht erst aufgetaucht wären, wenn sich Chen nur ein bisschen kürzer gefasst hätte. Warten wir mal ab, wie Chen das zweite Abenteuer seines sympathischen Helden anlegt. "Kangaroo Too" ist für nächsten Sommer angekündigt.

    weiter ›
    Share if you care.