Rundschau: Die Tore zur Hölle

    Ansichtssache30. Juli 2016, 09:00
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    Rassismus, Rechtsextremismus und Schwarze Magie: Neue Science-Fiction-Romane unter anderem von Ben Winters, Karsten Kruschel und Greg Bear

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    coverfoto: p.machinery

    Hermann Ritter, Johannes Rüster, Dierk Spreen & Michael Haitel (Hrsg.): "Heute die Welt – morgen das ganze Universum. Rechtsextremismus in der deutschen Gegenwarts-Science-Fiction. Science-Fiction und rechte Populärkultur"

    Broschiert, 216 Seiten, € 12,30, p.machinery 2016

    Ein kleines bisschen enttäuscht bin ich jetzt schon. Dieser verheißungsvoll aufgemachte Band enthält zwar drei lesenswerte Beiträge zu einem an sich hochspannenden Thema. An der Aktualität, die der ultralange Titel suggeriert, mangelt es aber. Immerhin: Als motiv- und zeitgeschichtliche Betrachtung ist "Heute die Welt – morgen das ganze Universum" empfehlenswert, insbesondere für diejenigen, die sich noch nie mit der Schnittmenge aus Phantastikliteratur, rechter Esoterik und Verschwörungstheorien befasst haben. Dass es eine solche gibt, sollte niemanden überraschen – immerhin basieren alle drei Geschäftsmodelle letztlich auf Dingen, die nicht existieren.

    Braune Spuren im Sand

    Den Löwenanteil des schmalen Bands nimmt "Die geheime Weltregierung tagt in Tibet" des Historikers, Sozialarbeiters und auch in der Phantastik sehr aktiven Autors Hermann Ritter ein. Das zugleich ein Beispiel dafür ist, wie ein insgesamt sehr interessanter Text darunter leiden kann, wenn eine vergurkte Einleitung ihren Schatten auf ihn wirft. Befremdlich weil völlig entbehrlich ist, dass Ritter binnen einer Seite gleich mehrfach bejammert, was für Schund er hierfür lesen musste und sonst nie in die Hand genommen hätte und irgendwann hätte es ihm damit auch gereicht und so weiter. Ja, was soll man dazu schon sagen? Dann halt ein anderes Thema aussuchen. Quellenstudium ist kein Ponyhof.

    Blendet man diese Einstellung, die in weiterer Folge immer wieder aufblitzen wird, aus, hat man eine umfassende Betrachtung jener Traditionslinien vor sich, über die altbekannte Motive zum Teil schon seit der Theosophin Helena Blavatsky aus dem 19. Jahrhundert weitergereicht wurden: Versunkene Superzivilisationen wie Mu, Lemuria und Atlantis und deren erstaunlich frühe Verknüpfung mit Thule und dem "Ariertum", esoterisch verbrämte Herrenmenschengelüste und Verschwörungstheorien über geheime Bünde und Weltregierungen, Hohlwelt- und Welteistheorie, Schwarze Sonne, Reichsflugscheiben und sonstige Superwaffen und so weiter und so fort.

    Sachliteratur und Belletristik

    Ritter fokussiert dabei primär auf Autoren, deren Werke formal unter Sachliteratur laufen müssten, etwa den Deutschen Jan Udo Holey alias "Jan van Helsing", den Bestsellerproduzenten unter den Verschwörungstheoretikern. Auch der österreichische ehemalige SS-Angehörige Wilhelm Landig, der eine Romantrilogie zum Thule-Mythos schrieb, erhält aber breiten Raum (eine Perle ist dessen etymologische Verknüpfung von "Atlantis" und "Vaterland": Deutsch ist die Erbsprache von Atlantis!). Insgesamt bildet die Belletristik hier aber nur ein Nebenthema. Von weit rechts ausgerichteten Büchern wie denen Landigs abgesehen, geht Ritter nur kurz auf die Vielzahl an Werken ein, die all diese Topoi weitgehend ideologiebefreit als Versatzstücke für Abenteuergeschichten verbraten haben, und nennt beispielsweise Edgar Rice Burroughs und Robert E. Howard.

    Spannende Auslassung: Beim Wort "Lemuria" dürfte die erste Assoziation jedes einigermaßen alten deutschsprachigen SF-Fans "Perry Rhodan" sein. Die Serie wird aber nur gegen Ende des Beitrags kurz erwähnt, nämlich in Zusammenhang mit der jüngeren und klar rechtslastigen Serie "Aldebaran". Paradoxerweise liest sich die Stelle dann aber, als hätte "PR" den Lemuria-Mythos erfunden. (Und bevor sich jetzt jemand aufregt: Nein, das soll hier kein Aufwärmen der alten "PR ist faschistoid"-Diskussion aus den 80ern werden, in diesem Fall geht's nur um Motivgeschichte.)

    Inhaltlich wie gesagt ein hochinteressanter Beitrag mit beeindruckender Bibliografie. Was die Präsentation anbelangt, hätte es dem Text allerdings gut getan, etwas weniger selbstherrliche Attitüde raushängen zu lassen (Keine Fragen. Setzen.) und einfach die Fakten für sich – und damit gegen die angeführten Autoren – sprechen zu lassen.

    Hitler hat den Krieg gewonnen

    Einen völlig anderen Zugang zum Thema wählt der Literaturwissenschafter Johannes Rüster, der sich in "Ein Volk, ein Reich und/oder ein Führer?" jenem Segment von Alternativwelterzählungen widmet, in dem der Zweite Weltkrieg respektive die NS-Geschichte einen etwas anderen Verlauf genommen hat: Ein beliebtes Thema vor allem im angloamerikanischen Raum, das in jüngerer Vergangenheit aber auch zunehmend im deutschsprachigen aufgegriffen wurde. Durch die Bank geht es hier nicht um Nazi-Verherrlichungen, sondern um kritische bzw. satirische Betrachtungen – oder auch (siehe "Hellboy" oder "Captain America") einfach nur um solche, in denen NS-Versatzstücke die Ausstattung aufpeppen sollen.

    Rüster widmet sich den verschiedenen Varianten des Subgenres, indem er auf jeweils ein oder mehrere Werke etwas ausführlicher eingeht: Hauptsächlich Klassiker wie Robert Harris' "Fatherland" oder Otto Basils "Wenn das der Führer wüsste!", aber auch Neueres wie Oliver Henkels "Im Jahre Ragnarök", in dem das Leben eine nicht enden wollende Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert ist (sehr schöne Charakterisierung). Mehr als ein paar Beispiele herauszugreifen ist auf gut 20 Seiten nicht möglich. Spannend aber der kurz erwähnte Umstand, dass just die Massenvernichtung von Menschen das am wenigsten verwendete Motiv in solchen Alternativweltgeschichten sei: Da würde sich noch eine eingehendere Betrachtung lohnen.

    Reichsflugscheiben am Horizont

    Der letzte Beitrag, "Rechtsextreme Populärkultur" von Dierk Spreen, ist nichts Neues, er erschien bereits im "Science Fiction Jahr 2009" bei Heyne und ist der berüchtigten Romanserie "Stahlfront" gewidmet, die 2008 bis 2009 erschien und zum Teil auf dem Index landete. Und die ungefähr alles verknüpfte, was Hermann Ritter schon in seiner Motivgeschichte aufgezählt hat: Reichsflugscheiben, geheime Weltverschwörungen, "gute" Nazis in der Antarktis bzw. Neuschwabenland, Esoterik, Gewaltverherrlichung und unverblümten Rassismus.

    Der Text ist hier inklusive der gleichen Abbildungen und – sehr gut gewählten! – Originalzitate noch einmal abgedruckt, erweitert um minimale Ergänzungen (etwa zu "Iron Sky") und am Schluss zwei Seiten über den hinter "Stahlfront" stehenden Verleger Hansjoachim Bernt und dessen Strategie, rechtslastige Gewaltfantasien als Ironie zu verharmlosen. Plus dessen auch nicht zu unterschätzender Versuche, die Grenzen zu populären SF-Reihen wie "Perry Rhodan" zu verwischen und sich bzw. sein Verlagskonstrukt Unitall/HJB als Erbe des "Erben des Universums" auszugeben.

    Zurück in die Gegenwart

    Spreen bezeichnet "Stahlfront" – analog zur Musik von Nazi-Bands – als taktisches Mittel, rechtsextremes Gedankengut in popkulturelle Unterhaltungsangebote einsickern zu lassen und damit neue Zielgruppen anzusprechen. Das ist ein beachtenswertes Thema – allein, "Stahlfront" hat halt schon einige Jahre auf dem Buckel. Wie sieht es heute aus? Wie sind spätere Unitall-Serien wie "Kaiserfront", "Stahlzeit" oder "Anderswelt" einzuschätzen? Ist rechtsextreme SF ein Serien-Phänomen oder gibt es auch eine größere Bandbreite an Einzelromanen? Und konzentriert sich alles Derartige bei Unitall/HJB oder gibt's außerhalb davon noch mehr?

    All diese Fragen würden sich für einen aktualisierten Text lohnen, doch bis auf ein kurzes Eingehen auf die Serien "Aldebaran" und "Maddrax" in Ritters Beitrag verharrt "Heute die Welt – morgen das ganze Universum" auf dem Stand von 2009/2010. Dem Titelzusatz "Rechtsextremismus in der deutschen Gegenwarts-Science-Fiction" im Sinne einer umfassenden Betrachtung des Ist-Zustands wird der Band insgesamt nicht gerecht.

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