Rundschau: Die Tore zur Hölle

    Ansichtssache30. Juli 2016, 09:00
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    Rassismus, Rechtsextremismus und Schwarze Magie: Neue Science-Fiction-Romane unter anderem von Ben Winters, Karsten Kruschel und Greg Bear

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    coverfoto: blanvalet

    Harry Connolly: "Die Pforte der Schatten"

    Broschiert, 608 Seiten, € 15,50, Blanvalet 2016 (Original: "The Way Into Chaos", 2014)

    "Was nun die Ehre betrifft: Krieger gelangen zu Ehre. Soldaten gewinnen Kriege. (...) Soldaten mögen keine fairen Kämpfe. Soldaten nutzen jeden Vorteil, so wie etwa ein hungerndes Kind, das etwas Essbares von einem Karren stiehlt. Und ich sage Euch Folgendes: Man begegnet viel mehr alten Soldaten als alten Kriegern."

    Der Einfluss von George R. R. Martin auf die moderne Fantasy ist wirklich nicht hoch genug einzuschätzen. Selbst eine so klassisch gestrickte Epic Fantasy wie die mit diesem Band begonnene Trilogie "The Great Way" von US-Autor Harry Connolly will auf einen Schuss Realismus (andere mögen sagen: Zynismus) nicht mehr verzichten. Und irgendwie macht einem das die ProtagonistInnen paradoxerweise noch sympathischer – wie den alten Haudegen Tejohn, der obige Ansprache zur Motivierung seiner Truppe hält.

    Die Ausgangslage

    Sein Figurenensemble schöpft Connolly aus einer recht originellen Konstellation, für die es durchaus Entsprechungen in der menschlichen Geschichte gibt. Am Hof von Peradain ist der junge Kronprinz Lar Italga von einem eher speziellen Freundeskreis umgeben: Es sind die Kinder der Herrscher kleinerer Reiche, die Peradain eingegliedert wurden.

    Das führt rein menschlich betrachtet zu einer perversen Situation: Zwar sind diese Kinder und Jugendlichen de facto Geiseln und werden von den meisten Einheimischen als potenzielle Feinde betrachtet. Zugleich aber ist der Hof, an dem sie selbst von Dienstboten gemobbt werden (ein eher unglaubwürdiges Detail) ihr einziges Zuhause, und dem Prinzen sind sie in echter Freundschaft zugetan. Auch Lars Braut in spe, die noch kindliche Vilavivianna, steckt in diesem seltsamen Zwiespalt fest. Kein Wunder also, wenn auch zwischen Waffenmeister Tejohn und der jungen Geisel Cazia Misstrauen und Abneigung herrschen – und die beiden werden das heldische Duo des Romans bilden.

    Die Pforte öffnet sich

    Dass Peradain so erfolgreich expandieren konnte, liegt an einer besonderen Art von Technologietransfer. Alle 23 Jahre öffnet sich am Hof ein Portal, durch das vage, aber in etwa elbisch beschriebene Gäste – das Abendvolk – zu Besuch kommen. Für die veranstaltet man ein mehrtägiges Festival, und wenn sie mit dem Dargebotenen zufrieden sind, hinterlassen sie stets ein Geschenk: Magische Steine für jeden Zweck, ob Wundheilung, Sprachübersetzungen oder Antigravitation – jede Generation erhielt ein anderes. Das Reich ist von diesen Geschenken, die nur von Gelehrten (=Magiern) in der Praxis angewandt werden können, derart abhängig geworden, dass man sogar die Zeitrechnung an den durchnummerierten Geschenken festgemacht hat.

    Und jetzt ist es wieder soweit: Der Hof ist in freudiger Erwartung versammelt, die Pforte öffnet sich und heraus strömt statt des Abendvolks ... Connollys einziger echter Fehlgriff. Schön und gut, angriffslustige Riesenyetis, die Menschen durch Bisse ebenfalls verwandeln können, gehen ja noch. Aber müssen sie ausgerechnet fliederfarben sein? Um Himmels Willen! Ich hab mich im Anschluss an diese Szene gleich durch diverses Richard-Corben-Artwork geklickt, bis ich etwas wenigstens ansatzweise Ähnliches gefunden habe, um mir Connollys Wer-Li-La-Launebären halbwegs gruselig vorstellen zu können. Immerhin lösen die eine zombieske Epidemie aus, in deren Verlauf sich das ganze Reich aufzulösen droht.

    Retten, was zu retten ist

    Nach dieser ersten Attacke geht es zunächst natürlich nur noch darum zu retten, was zu retten ist. Aber Tejohn und Cazia fassen – getrennt voneinander – schon bald weiterreichende Pläne. Er begibt sich Richtung Westen auf die Suche nach einem Gelehrten, der möglicherweise ein Mittel gegen die monströse Epidemie kennt. Sie hingegen bricht in ein Tal im hohen Norden auf, aus dem Legenden zufolge schon seit Generationen immer wieder Wellen neuer Monsterarten ins Reich schwappen. Und wir bekommen damit zwei Questen zum Preis von einer.

    Erfreulicherweise gelingt Connolly eine runde Zeichnung beider Hauptfiguren. Cazia erscheint als die typische jugendliche Fantasyheldin – ihre allzu intensive Beschäftigung mit der Magie wird allerdings auch ihre dunkleren Seiten hervorholen. Und der alte Waffenmeister Tejohn zeigt überhaupt die unterschiedlichsten Facetten. Obwohl Kriegsheld, ist er durch ein trauriges Lied, das er einst für das Abendvolk sang, noch berühmter geworden – heute ist ihm das etwas peinlich. Pragmatisch und grundvernünftig bis ins Mark, kann er im Kampf auch in einen Berserkermodus verfallen, der ihn selbst erschrecken würde, wenn sich der Adrenalinschub nicht so gut anfühlte. Und zu alledem ist er – das hat man bei einem Fantasyhelden selten – auch noch kurzsichtig. Irgendwie goldig, wie sich der alte Stratege vor einer Schlacht erst mal von seinen Weggefährten schildern lassen muss, wer wo Aufstellung genommen hat.

    Keine Angst vor Spoilern

    600 Seiten sind nicht eben kurz, aber Connolly löst das Ganze stets in spannende Einzelsituationen von Kampf, Gefangenschaft und Flucht auf, und so bleibt der schwere Schmöker erstaunlich kurzweilig. Vorwarnung allerdings: Er endet mit einem Cliffhanger. Oder schlichter ausgedrückt: Er hört einfach mittendrin auf. Trilogie, wie gesagt. Und der nächste Teil erscheint auf Deutsch erst im Jänner 2017.

    Wie schon öfter bekundet, bleibe ich bei Serien nur in seltenen Ausnahmefällen am Ball, sie würden einfach irgendwann die Lesezeit monopolisieren. Zudem weiß man bei den meisten – mal früher, mal später –, wie sie ticken, und dann will zumindest ich eigentlich nur noch den Schluss wissen. Für die Akten quasi. Ordnungshalber. Ich habe mir seinerzeit verraten lassen, wer der letzte Zylone ist (by the way: richtig getippt). Und zum maßlosen Entsetzen meiner Umgebung hab ich mir neulich auch die Inhaltsangabe und Totenliste der letzten "Game of Thrones"-Folge durchgeschaut, nachdem ich die ganze Staffel dank Senderwechsel nicht sehen konnte.

    Das Gleiche hab ich auch hier gemacht, um den Grund für die Monsterinvasion zu erfahren; auf Englisch ist die Trilogie ja bereits vollständig erschienen. Und ich sage nur soviel: Also darauf wäre wohl niemand gekommen.

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