Rundschau: Die Tore zur Hölle

    Ansichtssache30. Juli 2016, 09:00
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    Rassismus, Rechtsextremismus und Schwarze Magie: Neue Science-Fiction-Romane unter anderem von Ben Winters, Karsten Kruschel und Greg Bear

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    coverfoto: wurdack

    Karsten Kruschel: "Das Universum nach Landau"

    Broschiert, 277 Seiten, € 13,40, Wurdack 2016

    Neuer Stoff für alle, die – so wie ich – Fans von Karsten Kruschels "Vilm"-Universum sind. Oder halt des "Universums nach Landau", benannt nach einem Wissenschafter aus der nahen Zukunft, dessen Name in Form der Landau-Modulatoren für den Sternenantrieb unsterblich werden wird. Zwei Anmerkungen zu diesem Buch vorab: Erstens – es ist kein Roman. Auch kein "Roman in Dokumenten und Novellen" wie am Cover steht, als wäre es ein kleiner Junge, den man beim Keksestibitzen erwischt hat und der nun mit irgendwelchen Ausreden herumdruckst. Es ist eine Storysammlung. Punkt. Zweitens – es ist super!

    "Das Universum nach Landau" enthält 15 Texte von Novellen- bis Flash-Fiction-Länge, die Kruschel über die Jahre geschrieben und teilweise rückwirkend adaptiert hat, damit sie in die Zeitlinie der "Vilm"-Romane passen (mehr dazu später). Zusammen ergeben sie eine mit ihrem Fantasiereichtum beeindruckende Future History, die von quasi übermorgen aus hunderte, dann tausende und im Epilog wohl Millionen Jahre in die Zukunft reicht.

    Dieses willkommene Kompendium zu den eigentlichen Romanen enthält auch einige Einträge aus dem galaktischen Lexikon Weltgeschichte sämtlicher Planeten. Hier werden ein paar offene Fragen aus früheren Werken geklärt (danke!) und dafür völlig neue in den Raum geworfen – Potenzial für weitere Geschichten. Die Worte, mit denen dieses Lexikon die riesige und ständig in Erweiterung befindliche Raumstation Atibon Legba beschreibt, kann man 1:1 auf Kruschels literarischen Kosmos selbst übertragen: (...) diese Angaben sind von begrenzter Gültigkeit, da der Aus- und Anbauprozess praktisch ununterbrochen anhält.

    Und so beginnt es

    Am Anfang statten wir sogar der guten alten Erde einen Besuch ab, die in den späteren Werken keine Rolle mehr spielen wird, weil sie den Kontakt zu ihren Kolonien abgebrochen hat. Hier steckt sie grade mitten in der Biologischen Krise: Mit dem Komplex-Gibberellin (eine Wortschöpfung, die direkt von Johanna und Günter Braun stammen könnte) wurde eine Art Superdünger ausgebracht – der darauf folgende monströse Pflanzenwuchs brachte die Zivilisation an den Rand des Zusammenbruchs.

    Die an Ward Moores Satire-Klassiker "Greener Than You Think" ("Es grünt so grün") erinnernde Erzählung lehrt uns nicht nur, dass auf eine Apokalypse durchaus eine zweite folgen kann. Sie etabliert auch ein Motiv, das in Kruschels Erzählungen immer wieder auftauchen wird, nämlich wildwucherndes (Meta-)Leben: Siehe das "Dickicht" von Vilm, siehe den riesigen Evolutionskomplex in "Violets Verlies" (eine Art schwimmender Fleischberg aus lebenden Tierkörpern) oder auch den an Land gegangenen Unterwasserdschungel des Planeten Orange mit seinen Wolkenquallen, Waldhaien und Algenpalmen.

    Zur Auflockerung folgt auf die Eröffnungsgeschichte ein superskurriles Kochrezept, das uns zeigt, was man mit der lästigen Riesenflora anfangen kann: Für das Gemüse ein Wirsingblatt von unter drei Quadratmetern in handliche Stücke teilen und vier Minuten blanchieren, dann in Eiswasser abschrecken. (...) Die blasigen, entarteten Partien in der nächsten Venusfliegenfalle entsorgen.

    Die bunte Galaxis

    Danach springen wir ein paar Jahrhunderte in die Zukunft und quer durch die kolonisierte Milchstraße, die originellerweise ein Farbschema hat: Die Planeten heißen beispielsweise Weiß, Violet, Orange oder Gelb-wie-Zwiebelgras. Letzterer ist Schauplatz einer Geschichte, in der die menschlichen KolonistInnen einer Agrarwelt über Jahrtausende hinweg von einer einheimischen Lebensform manipuliert werden. Dieses langlebige Wesen gaukelt ihnen vor, ein harmloses Maskottchen zu sein, ist in Wahrheit aber ein berechnendes und durchaus auch mörderisches Monster – und trotzdem kein Bösewicht.

    Aus der Warte eines fremdartigen und von unseren Moralbegriffen nicht erfassbaren Wesens erzählt, atmet die Geschichte "Gelb wie Zwiebelgras, Jahre vor dem Frühlingsende" stark den Geist von James Tiptree Jr.; ein Highlight dieser Sammlung. Als ähnlich tückisch, wenn auch nicht ganz so stark, erweist sich "Rote Bonbons oder: Eskimos sind auch nur irgend so ein Feind", in dem ein Unterschichtmädchen das Haus einer reichen Familie besucht. Das scheint auf einen Klassenkonflikt hinauszulaufen ... doch dann kommt alles doch noch ganz anders als erwartet.

    Metamorphosen

    In "Weiß: Der Ausweg Blanche" erleben wir den Niedergang einer vergessenen Bergbaukolonie mit. Ihre menschlichen BewohnerInnen leben via insektenförmige "Totems" in einer vernetzten Cyber-Symbiose. Doch als sich ihre Welt unaufhaltsam auf einen tödlichen Winter zubewegt, kommt die Technologie an ihre Grenzen – nur eine körperliche Metamorphose, die Anpassung an die Umwelt von Weiß, könnte sie noch retten. Aber wollen sie zu "Tieren" werden?

    Noch viel weiter fortgeschritten ist der Stand der Technik in "Schwarz:Netz:Schwarz" am Ende des Bands, das abertausende Jahre in der Zukunft angesiedelt ist. Aber auch hier hilft die Supertechnologie nichts: Als aus den Portalen, die die Welten miteinander verbinden, eine teerartige und offenbar intelligente Substanz quillt (schon wieder so ein Meta-Leben), Planet für Planet überwuchert und alles Leben erstickt, bleibt nur noch Flucht. Die vielleicht letzten Menschen Mauro und Clarissa, seit Jahrtausenden verheiratet und von Körper zu Körper gewechselt, setzen für eine letzte Transformation alles auf eine Karte: Ein Wettlauf mit der Endzeit und eine großartige Vision der Apokalypse – noch ein Highlight des Bands.

    Kleine Kniffe

    Metamorphosen spielen auch in der Novelle "Ende der Jagdsaison auf Orange" eine Rolle, die wir – in kürzerer Form – schon aus der Anthologie "Die Audienz" kennen. Sie gehört zu den Erzählungen, die Kruschel nachträglich ein bisschen umgemodelt hat, damit sie sich ins "Vilm"-Universum einpassen (ha, ich hab die Originale noch daheim). So tauchen in der neuen Version plötzlich Begriffe wie Landau-Modulatoren oder Atibon Legba auf, als wäre zuvor nur vergessen worden, sie zu erwähnen.

    In "Violets Verlies" (erstmals erschienen in der Anthologie "Emotio") wird schon ein bisschen mehr geschummelt. Da mutiert ein zuvor ganz normaler Mensch namens Steenemark plötzlich zu Steen-82-mak und damit zu einem aus dem Volk der Goldenen: Jenen aus "Vilm" bekannten Fettklößen, die ihre nackten Leiber nur in transparente Schutzfolie hüllen. (Mir fällt bei Erwähnung der Goldenen wirklich jedes Mal wieder eine TV-Reportage über eine FKK-Kreuzfahrt ein, in der sich ein wackerer Rentner ein bisschen sehr weit übers Salatbuffet beugte und ... buon appetito!)

    Klare Kaufempfehlung!

    Trotz einer erstaunlichen Fülle an Weltuntergangsszenarien kommt der Humor nicht zu kurz, und er ist wie immer bei Kruschel von der skurrilen Sorte: Ob Wortwahl – eine pflanzenüberwucherte Leiche wird als teilbegrünt bezeichnet – oder Situationskomik: Etwa wenn der Mechaniker Laszlo in "Violets Verlies" zu einer Rettungsmission für seine Frau losstürmt und im ganzen darauf folgenden Remmidemmi nie die Kaffeekanne aus der Hand gibt, die er zufällig gerade gehalten hatte. Und sich selbst nimmt Kruschel auch gleich noch auf die Schippe. Eines der im Band enthaltenen "Dokumente" ist die Rezension eines fiktiven Buchs, die aber auch eine vorbeugende Parodie auf negative Rezensionen zu "Das Universum nach Landau" sein könnte:

    Das Buch bietet nämlich keinen wissenschaftlich untermauerten, chronologisch geordneten Abriss zum Thema, sondern springt in der Geschichte der raumfahrenden Menschheit fröhlich hin und her. Der/die/das Autor/in (...) wirft dem Leser eine Unzahl von Anekdoten, Legenden und Überlieferungen vor, die in ihren vielfältigen Facetten zwar interessant und spannend sind, den Leser aber mit ihrer ungebremsten Fabulierfreude und chaotischen Darstellungsweise hoffnungslos überfordern.

    Stimmt alles. Und es ist nicht nur gut so, sondern hervorragend.

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