Rundschau: Die Tore zur Hölle

    Ansichtssache30. Juli 2016, 09:00
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    Rassismus, Rechtsextremismus und Schwarze Magie: Neue Science-Fiction-Romane unter anderem von Ben Winters, Karsten Kruschel und Greg Bear

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    coverfoto: simon pulse

    Thomas E. Sniegoski: "Savage"

    Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, Simon Pulse 2016

    Ein Fall von: Na schön, hab ich's schon mal gelesen, dann erwähn ich's halt auch in der Rundschau. Wie langjährige LeserInnen wissen, kann ich Tier-Apokalypsen nicht widerstehen. Nicht einmal dann, wenn sie von einem Fließbandautor wie Thomas E. Sniegoski stammen, der schon für alle möglichen Franchises gearbeitet hat. Und der offenbar auch dann nicht über seine Schreibe hinauswächst, wenn er endlich mal – wie hier – eine Welt selbst entwerfen darf.

    "Savage" beginnt damit, dass ein Wissenschafterteam in einem Luxus-Resort auf einer Pazifikinsel eintrifft, auf der bis auf ein panisches kleines Mädchen alle Menschen und Tiere tot sind. Aus den Gesprächen der Forscher deutet sich an, dass es nicht das erste Vorkommnis dieser Art war – und dass sich das nächste bereits abzeichnet.

    Wieder und wieder und wieder

    ... womit wir nach Benediction Island schwenken, eine kleine Insel vor der US-Ostküste und Schauplatz des restlichen Romans. Dort lernen wir erst mal der Reihe nach einige InsulanerInnen kennen, allen voran Sidney Moore, die gerade die Highschool abgeschlossen hat und den Umzug nach Boston plant. Stattdessen wird sie sich schon bald zusammen mit ihrem Ex Rich, dem gemeinsamen Freund Cody und dem hörbehinderten Nachbarssohn Isaac durchs Gelände schlagen müssen, während die Inselbevölkerung von der lokalen Fauna dezimiert wird. Insekten, Spinnen und ähnliches Krabbelgetier machen den Anfang. Es folgen Hunde, Katzen, Eichhörnchen, Möwen, kurz: alles, was ein Ökosystem im östlichen Nordamerika hergibt. Jede Menge Gore und Graus sind garantiert.

    Die erste Attacke kommt so früh im Buch, dass man es nicht für möglich hält, Sniegoski könnte noch fast 400 Seiten so weiter machen. Doch das tut er! Abgesehen von einem finalen Showdown (der die Geschichte allerdings flugs vom B- zum C-Movie herunterstuft) besteht die komplette Handlung aus einer tierischen Angriffswelle nach der anderen. Das liest man mit ähnlich befremdeter Faszination, wie man sich als Schnellduscher über jemanden wundert, der jeden Tag eine Stunde unterm Wasser stehen kann. Hier haben wir es halt mit einer Dusche aus Wanzen, Wespen und Waschbären zu tun.

    Auch stilistisch ist Sniegoski als One-Trick-Pony unterwegs: Jedes der Kapitel endet mit einem Cliffhanger in einer lebensbedrohlichen Situation. Und ganz besonders gerne setzt Sniegoski einen bedeutungsschwangeren kurzen Satz ans Ende, damit auch noch der letzte kapiert, wie gravierend das alles grade ist. Auf Dauer wird dieses Muster ordentlich überstrapaziert.

    Ein kleiner Sommerschauder

    Elegant ist das nicht, spannend irgendwie schon. Und natürlich rätselt man, welcher Effekt denn da die Tiere gegen die Menschen aufhetzt und sich in Form eines metallischen Films über dem rechten Auge sogar physisch manifestiert. Ist es eine Alien-Attacke? Ein Regierungsprojekt? Dämonen aus der Hölle? Gaias Rache an ihren destruktiven Kindern? Wildgewordene Nanotechnologie? Die Meister der Insel? Das wird beantwortet werden, da aber offenbar Sequels geplant sind, bleiben am Schluss einige andere Fragen offen. Allen voran die, die vermutlich nie beantwortet werden wird: Wäre es nicht viel ökonomischer, wenn der mysteriöse Angreifer seine Waffe, die offenbar eh bei jeder Spezies vom Arthropoden bis zum Wirbeltier funktioniert, gleich auf Menschen kalibrieren würde?

    "Savage" ist ein typisches Buch für den Strand und auf seine simple – wirklich simple – Art durchaus fesselnd. Zwischendurch wird man vielleicht einen skeptischen Blick auf den Hund des Nachbarn oder die Möwen am Himmel werfen. Aber besser nicht zu lange ablenken lassen, sonst hat man das Buch schon vergessen, während man's noch in der Hand hält.

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