Rundschau: Die Tore zur Hölle

    Ansichtssache30. Juli 2016, 09:00
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    Rassismus, Rechtsextremismus und Schwarze Magie: Neue Science-Fiction-Romane unter anderem von Ben Winters, Karsten Kruschel und Greg Bear

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    coverfotos: cross cult

    Chris Dingess, Matthew Roberts & Owen Gieni: "Manifest Destiny: Band 2. Insecta & Amphibia"

    Graphic Novel, gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 20,60, Cross Cult 2016 (Original: "Manifest Destiny Volume 2: Insecta & Amphibia", 2015)

    &

    Ivan Brandon & Nic Klein: "Drifter 2: Die Wache"

    Graphic Novel, gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 25,80, Cross Cult 2016 (Original: "Drifter Volume 2: The Wake", 2015)

    Gong für die jeweils zweite Ausgabe zweier Mysteries mit exotischen Schauplätzen! Den von Chris Dingess' Secret-History-Reihe "Manifest Destiny" – nämlich die westlichen Regionen Nordamerikas – glauben wir zwar gut zu kennen. Doch die geheimen Tagebücher der berühmten Lewis-und-Clark-Expedition vom Beginn des 19. Jahrhunderts belehren uns eines Besseren. Wenn zu Beginn ein scheinbar normaler Marienkäfer durchs Bild krabbelt und sich erst nach einigen Panels zeigt, dass er die Größe einer Riesenschildkröte hat, lässt sich bereits erahnen, womit wir es in Band 2 zu tun bekommen werden. Ich sage nur: Gelsensaison!

    Nach den blutigen Erlebnissen in Band 1 hat sich die zur Hälfte aus freiwillig gemeldeten Soldaten und zur Hälfte aus Sträflingen bestehende Expedition um die Überlebenden des von Pflanzenzombies überrannten Forts La Charrette erweitert. Unter ihnen sind auch einige Frauen, was zu Konflikten führt. Ebenfalls der Expedition angeschlossen hat sich die schoschonische Späherin Sacagewea, deren kompromisslose Kampfkraft noch gebraucht werden wird.

    Im Belagerungszustand

    Ein bunter Haufen also – und alle zusammen laufen sie mit ihrem Flussschiff auf. Nicht auf einer Sandbank freilich, sondern auf einem weiteren dieser an den Gateway Arch erinnernden natürlichen(?) Felsbögen, von denen im Wilden Westen noch mehr herumzustehen scheinen (da zeichnet sich ein Leitmotiv ab). Die Hälfte der Expeditionsmitglieder ist an Land gegangen, der Rest sitzt auf dem Schiff fest – und zwischen ihnen lauert ein Belagerer in Form einer vielzüngigen Riesenkröte. Den Mega-Marienkäfer hatte man noch stoisch mit "Ungewöhnlich" kommentiert. Dieses neue Monster wird schon etwas mehr Aufmerksamkeit verlangen.

    Sehr hübsch, wenn Illustrator Matthew Roberts ein angstverzerrtes Gesicht in einem riesigen Facettenauge spiegelt. Und das Papier kreischt geradezu, wenn Colorist Owen Gieni vom häufig verwendeten Steampunk-Sepia zu Blutrot wechselt, als Captain Lewis den letzten Einsatz von Captain Ahab nachstellt. Neben der etablierten Optik behält "Manifest Destiny" aber auch sein inhaltliches Grundmotiv bei, die Diskrepanz von Sein und Schein. Da lesen wir etwa in Lewis' Aufzeichnungen ein Loblied auf die Tapferkeit seiner Männer, während parallel dazu einer davon eine Frau vergewaltigt. Und auch zum Leitungsduo der Expedition selbst erhalten wir durch Rückblenden neue Einblicke: Offenbar ist Lewis nicht ganz das zarte Gelehrtenpflänzchen, als das er sich bislang präsentierte, ebensowenig wie Clark der unerschütterliche Haudrauf ist. Ich bin wirklich gespannt, wie das weitergehen wird. Und was hat es bloß mit diesen verdammten Bögen auf sich?

    Hier gibt es viel zu sehen ...

    Erheblich weniger leicht zugänglich ist die SF-Mystery "Drifter" von Ivan Brandon & Nic Klein, und das hat sich gegenüber dem ersten Band der Reihe ("Crash") sogar noch verstärkt. Darin legte der Raumfahrer Abram Pollux eine Bruchlandung auf einem abgelegenen Planeten hin, wo er sich im Western-artigen Ambiente einer Pioniersiedlung wiederfand, die sich Menschen mit tendenziell dämonisch aussehenden Aliens teilen. Abrams Erlebnisse dort geraten zusehends zum Psychotrip.

    In Teil 2 stellen die von Ressourcenknappheit geplagten SiedlerInnen von Ghost Town eine Expedition zusammen, um weitere Teile von Abrams Schiffswrack zu finden. Das führt sie auf die Nachtseite des Planeten – und beschert uns ein fantastisches zweiseitiges Panorama in Indigo und roter Biolumineszenz, durch das bleiche Pterodactylen schweben (erinnern mich ein bisschen an die Betonpapageien aus dem "Incal"). Der zielsicher eingesetzte Farbenrausch von Illustrator Nic Klein bleibt die Hauptattraktion der "Drifter"-Reihe. Am Ende läuft er in Sachen großformatige Bilder zu buchstäblich explosiver Hochform auf.

    ... bitte rätseln Sie weiter

    Währenddessen schmort Marshal Lee Carter daheim in Ghost Town im eigenen Saft, nachdem ihr Assistent ermordet wurde und sie den Täter gerichtet hat. Schuld und Sühne sind ein wichtiges Thema in "Drifter". Nimmt man dazu die Wheeler genannten Aliens mit ihren glühenden "Teufelsaugen" und die seltsame graue Eminenz von Ghost Town – der Mann in der Dunkelheit mit seinem nebelartig wabernden Nicht-Gesicht –, dann könnte man durchaus auf die Idee verfallen, dass diese Welt eine Art Limbus oder Purgatorium darstellt. Dass der Zeitverlauf in ihr nicht verlässlich ist und mehrere Figuren unter unerklärlichen Gedächtnislücken leiden, verstärkt den Eindruck noch. "Du hast verloren, was du bist", sagt ein Wheeler zu Abram.

    Band 1 endete mit einem spektakulären Cliffhanger. Der wird hier aber nicht etwa aufgeklärt – stattdessen endet auch Teil 2 mit einem, und zwar einem auf gewisse Weise ähnlichen. Ist der Name der Welt – Ouro – doch nicht zufällig gewählt und sollen wir im Geist -boros ergänzen, weil sich das Ende in den Anfang kehrt? Nach den ersten beiden Bänden macht die "Drifter"-Reihe einen rätselhaften, geradezu hermetischen Eindruck. Sie wirkt aber auch wie etwas, bei dem sich am Ende alles zu einer passgenauen Konstruktion zusammenfügen wird. Bis dahin rauchen die Köpfe.

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