Rundschau: Was nach "Independence Day" geschah

    Ansichtssache25. Juni 2016, 13:07
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    Das Prequel des Sequels, Comics und neue SF-Romane von Brandon Sanderson, Jack McDevitt und Karla Schmidt

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    coverfoto: del rey

    Sylvain Neuvel: "Sleeping Giants"

    Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, Del Rey 2016

    Zunächst die wichtigste Info für diejenigen, die nicht so gerne auf Englisch lesen: Dieser Roman, obwohl noch ganz frisch, wird bereits im August bei Heyne auf Deutsch erscheinen ("Giants. Sie sind erwacht"). Wer bis dahin auf Sylvain Neuvels spannende Riesenrobotergeschichte warten will, kann sich hier ja trotzdem schon mal einen Sneak Peek gönnen.

    Der Debütroman des kanadischen Autors beginnt damit, dass die elfjährige Rose Franklin aus South Dakota in ein plötzlich aufgetauchtes Loch hinter dem Haus fällt, sich berappelt und oben an der Kante die fassungslosen Gesichter derer sieht, die auf das starren, was sie selbst in ihrer Position nicht wahrnehmen kann: There I was, this tiny little thing at the bottom of the hole, lying on my back in the palm of a giant metal hand. Selten hat man gelesen, dass ein Autor derart schamlos eine Einstellung in einer möglichen Verfilmung vorweggenommen hat. Aber das muss man Neuvel lassen: Das Bild ist großartig.

    Globales Puzzlespiel

    17 Jahre später finden wir Rose als leitende Wissenschafterin des Projekts wieder, das die sieben Meter große Hand studiert. Diese besteht aus einer seltsamen Iridiumlegierung, dürfte einige tausend Jahre alt sein – und eher nicht von Menschen gemacht. Wenn es daran noch irgendwelche Zweifel gegeben haben sollte, werden die sich spätestens erledigt haben, wenn nach und nach die dazugehörigen Teile gefunden werden und sich zu einer zwanzig Stockwerke hohen menschenähnlichen Gestalt zusammensetzen ... bei der die Kniegelenke allerdings nach hinten gehen.

    Ein paar davon finden sich wie die Hand auf dem Hoheitsgebiet der USA. Der Großteil jedoch ist über den ganzen Globus verstreut. Die logische Konsequenz: Verdeckte Operationen in anderen Ländern (und zwar in ALLEN anderen Ländern). Flugs wird aus dem Bergungsunternehmen eine Verschwörung, und obwohl sich die US-Regierung alle Mühe mit Cover-ups gibt, bekommen andere Staaten von der Sache Wind und die internationale Gemeinschaft schwebt bald am Rande des Dritten Weltkriegs.

    World War Mecha

    Erzählt wird das Ganze im System von Max Brooks' "World War Z: An Oral History of the Zombie War", also nicht episch, sondern in Form einer chronologischen Aneinanderreihung von Dokumenten. (Nicht stöhnen! Nur weil es wer anderer schon gemacht hat, ist die Form nicht gleich abgelutscht. Ich kannte sogar mal jemanden, der der Meinung war, nach Grandmaster Flash bräuchte man doch keine weiteren Hiphop-Stücke mehr.) Zum Großteil sind diese Files, die in der Tat eine spannende Handlung ergeben, Interviews mit den Hauptpersonen. Dazu kommen vereinzelte Medienberichte, Tagebuchaufzeichnungen und Niederschriften von Audiofiles. Während die Tagebucheinträge bereits Reflexion des Erlebten beinhalten, lassen uns die Audiofiles unmittelbar an der Action teilhaben. Eines davon endet mit "AAAAARRRRRHHHHH".

    Über die einzelnen Segmente hinweg halten den Leser bald immer mehr Fragen auf Trab: Wie mag wohl der Kopf des Riesenkonstrukts aussehen? Wer hat es gebaut und vergraben – und zu welchem Zweck? Vor allem aber: Wer zum Teufel ist derjenige, der die Hauptfiguren da immer interviewt und das Rekonstruktionsprojekt rücksichtslos vorantreibt? Anfangs halten wir die ungenannt bleibende Person für einen Regierungsvertreter – doch wird sich bald zeigen, dass er sich nicht so leicht zuordnen lässt und zudem über beträchtliche Kontakt- und Einflussmöglichkeiten verfügt. Es ist ein analytisch-trockener und zugleich kultivierter Mensch, der flüssig Shakespeare zitiert, sich verbindlich gibt ... aber auch ohne mit der Wimper zu zucken Drohungen wie diese ausstößt:

    "If you insist on pursuing this course of action, these two men will escort you out of the building and drive you away. I do not want you to think I am threatening you. You will not be killed, and no one will inflict physical pain upon you. You will, however, wake up in a strange room and never see the outside of it for the remainder of your life. I just want you to have all the facts so you can make an informed decision. Unfortunately, you will need to make that decision in the next thirty seconds."

    Der menschliche Faktor

    Obwohl "Sleeping Giants" mit dem Reiz des Großen spielt, kommt dem Human Drama eine wesentliche Rolle zu. Während Rose sich zunehmend im gleichen Dilemma fühlt wie einst Robert Oppenheimer, rückt eine zweite Hauptfigur immer stärker in den Vordergrund: Kara Resnik, eine taffe Hubschrauberpilotin, die ein Problem mit Autoritäten hat und mit ihrer widerborstigen Art und ihrem Sarkasmus den Unterhaltungsfaktor des Romans klar erhöht. Sie soll die riesige Maschine steuern.

    Dann hätten wir da noch Karas Kopiloten Ryan Mitchell, der unglücklich in sie verknallt ist, und den querdenkenden Linguisten Vincent Couture (Kanadier Neuvel musste in der US-Crew seines Romans natürlich einen Landsmann unterbringen). Das wechselhafte Beziehungsgeflecht innerhalb dieses kleinen Ensembles wird durchaus Auswirkungen auf das gemeinsame Projekt haben. Zudem bescheren uns die Hauptfiguren einige überraschende Wendungen. Im Falle Vincents wird "Wendung" übrigens eine brutal wörtliche Bedeutung erhalten ...

    Vorfreude auf den nächsten Band!

    Alles in allem ergibt das eine recht erfreuliche Erzählung aus dem Mecha-Genre, das sonst hauptsächlich in Anime-Serien oder Filmen zuhause ist: Eine Tradition, die in Japan in den 70ern mit Mazinger-Z, Goldorak (steht seit Jahren als Wächter auf meinem Schreibtisch!) und Gundam begann, die jüngeren Fans aber vielleicht eher von "Neon Genesis Evangelion" oder gar "Pacific Rim" bekannt ist. Gerne mehr davon!

    ... und mehr wird es auch geben, denn wir staksen hier auf Riesenbeinen wieder einmal durch Trilogieland. Obwohl Romandebütant, lässt Neuvel aber einen klaren Plan hinter seiner Erzählung erkennen. Der ungenannte Interviewer hat unter anderem auch Begegnungen mit Vertretern noch geheimnisvollerer Mächte, die erahnen lassen, dass sich die Bühne in den folgenden Bänden noch um einiges erweitern wird. Was gleichzeitig bedeutet, dass einige Geheimnisse hier absichtlich noch nicht enthüllt werden, also Achtung! Weitergehen soll es im April 2017, dann erscheint Teil 2, "Waking Gods".

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