Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

    Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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    Science Fiction und alternative Geschichtsverläufe von Stephen Baxter, Matthew de Abaitua, David Moody und Matt Ruff

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    coverfoto: harper

    Matt Ruff: "Lovecraft Country"

    Gebundene Ausgabe, 384 Seiten, Harper 2016

    Fast vier Jahre sind seit Matt Ruffs letztem Roman, der großartigen Alternativwelterzählung "The Mirage", vergangen. Nun ist der Amerikaner mit einer noch raffinierteren Geschichte zurückgekehrt, zugleich einer der besten Lovecraft-Bearbeitungen seit langer Zeit. Und trotz dieser Raffinesse und eines sehr ernsten Themas – Rassismus – ist "Lovecraft Country" federleicht und höchst vergnüglich zu lesen.

    Die Sache mit Lovecraft

    Gleich vorneweg: Ich war nie ein großer Lovecraft-Fan, was hauptsächlich an seinem Overkill-Stil liegt, mit dem er mir ständig einpauken will, wie unaussprechlich! abscheulich!! gotteslästerlich!!! miasmatisch!!!! das nicht alles sei – mit derartiger Penetranz, dass der Schrecken überhaupt keine Luft bekommt, sich in mir breitzumachen. Da spielen H. P. Lovecrafts rassistische Anwandlungen als Abtörnfaktor eine geringere Rolle – einfach nur deshalb, weil sie in seinen Erzählungen nicht so zum Tragen kommen wie in seinen Essays und anderen nicht-belletristischen Texten. Dort allerdings hat sich der große Innovator der Horrorliteratur immer wieder zu Aussagen hinreißen lassen, die wahrlich verstörend! abgründig!! unchristlich!!! sind.

    Und wir reden hier nicht von einem verwaschenen und alles verwischenden "Rassismus"-Begriff, wie er in Debatten gerne als Holzhammer ausgepackt wird, sondern vom eigentlichen Bedeutungskern: nämlich Menschen alleine wegen ihrer ethnischen Herkunft als minderwertig zu betrachten. Diesen Aspekt Lovecrafts mit seinem populären Gruselrepertoire zu verknüpfen, war eigentlich ein aufgelegtes Thema. Und wie Ruff es umsetzt, hat große Klasse.

    Zur Handlung

    Wir befinden uns in den frühen 1950er Jahren. Der Afroamerikaner Atticus Turner hat gerade seinen Militärdienst beendet und macht sich auf den Weg zu seiner Familie in Chicago. Sein Vater Montrose hat ihm nämlich eine recht merkwürdige Nachricht hinterlassen, ehe er verschwunden ist. Und so begibt sich Atticus zusammen mit seinem Onkel George auf die Suche nach ihm. Ein Glück, dass George der Herausgeber von "The Safe Negro Travel Guide" ist, Ruffs Version von "The Negro Motorist Green Book". Das gab es bis Mitte der 1960er Jahre tatsächlich: ein Handbuch, das schwarzen Reisenden auflistete, in welchen Hotels, Restaurants usw. sie willkommen waren – denn damals herrschte in weiten Teilen der USA immer noch die amerikanische Version von Apartheid.

    Und ein weiteres Glück, dass sich eine Freundin der Familie, die patente Letitia Dandridge, dem Unternehmen angeschlossen hat. Auf ihrer Queste durch ein feindliches Land meistern die drei allerlei Widrigkeiten, bis sie schließlich in Ardham (nicht Arkham!), Massachussetts, ankommen. Dort werden sie nicht nur mit ersten dunklen Wesenheiten, sondern vor allem mit einer Sekte alter weißer Männer – den "Söhnen Adams" – konfrontiert, die ein magisches Ritual vorbereiten. Atticus soll darin eine zentrale Rolle spielen, ist er doch seiner Hautfarbe zum Trotz der letzte Nachfahre eines Kultisten ... und seit Lovecraft wissen wir ja, dass man in der Region besser keine familiären Wurzeln haben sollte. Die finstermagische Chose wird ein für fast alle Beteiligten überraschendes Ende nehmen.

    Das Buch selbst ist damit aber noch lange nicht vorbei. Zusammengehalten wird der episodenhaft angelegte Roman übrigens weniger von den positiv besetzten Hauptfiguren selbst als von seinem Antagonisten Caleb Braithwhite. Als Sohn Adams einer neuen Generation übertrifft er die älteren Kultistenbrüder in Sachen mörderischer Intriganz zwar um Längen ... aber irgendwie bleibt er dabei immer so sympathisch, dass man ihm eigentlich nichts Böses wünscht. Spannend zu sehen, was Ruff mit dieser ambivalenten Figur am Ende machen wird.

    Glimpfliche Begegnungen mit dem Unheimlichen

    Im nächsten Teil switchen wir zu Letitia, die in Chicago ein Mietshaus erwirbt – woraufhin die weiße Nachbarschaft umgehend auszuziehen beginnt. Oder Molotowcocktails mixt. Das ficht Letitia aber genausowenig an wie die Tatsache, dass sich ihre Immobilie als Spukhaus erweist, samt einer Hekate-Statue, dem riesigen Modell eines fremden Sonnensystems und einem Poltergeist. Den verweist Letitia mit einer genialen Drohung in die Schranken: Bring mich doch um, dann suche ich anschließend dich heim. Und aus ihrem Munde fallen hier auch zwei Sätze, die für den ganzen Roman zentral sind: "We're not leaving. This is our house now."

    Nach diesen beiden Episoden ahnt man in etwa, wie der Hase in "Lovecraft Country" läuft. Mitglieder der erweiterten Turner-Familie – Letitias Schwester Ruby, Georges Frau Hippolyta oder Söhnchen Horace – haben dank Caleb Braithwhite nach und nach Begegnungen mit Versatzstücken aus dem Repertoire der Schauerliteratur: einer verwunschenen Puppe, einer Gestaltwandlung (man beachte: von schwarz zu weiß!) oder einem Portal, das zu anderen Welten führt. O ja: Hippolyta arbeitet zwar als Scout für den "Safe Negro Travel Guide" – aber dass sie einmal so weit herumkommen würde, hätte sie auch nicht gedacht. Auch wenn der kleine Horace gerne Comics zeichnet, in denen er seine Momma zur Weltraumheldin macht (fast alle Figuren hegen übrigens eine Liebe zu SF & Co).

    Diese Begegnungen verlaufen in der Regel erstaunlich glimpflich und mitunter kommt die Magie unseren HeldInnen sogar zugute. Das Übernatürliche selbst ist nämlich nicht der Feind des Menschen, was auf den ersten Blick Lovecrafts Geist komplett entgegenzulaufen scheint. Viel stärker kommt es darauf an, wer sich das magische Potenzial zunutze macht, und zu welchem Zweck. Damit wird die Magie samt all ihrer dazugehörigen Wesenheiten eher zu so etwas wie einer neutralen natürlichen Ressource – was wiederum gut aus Lovecrafts naturwissenschaftlich inspiriertem Horrorbegriff ableitbar wäre.

    Keine Opferrolle

    Der eigentliche Schrecken des Romans liegt ganz woanders, nämlich in den unzähligen Formen von Diskriminierung, die die Hauptfiguren tagtäglich erleben. Mit vielen realen Beispielen gewürzt, führt uns Matt Ruff in eine Welt zwischen vermeintlich harmlosen Vorurteilen und Polizeiwillkür, zwischen Jim-Crow-Gesetzen zur Rassentrennung und fackelschwingenden Lynchmobs. Die heute bizarr anmutenden Auswüchse der Apartheidspolitik reichen von unterschiedlichen Berufsbezeichnungen für schwarze und weiße Angehörige derselben Profession bis zu sogenannten "Sundown towns", in denen Schwarze ab Sonnenuntergang nicht mehr willkommen sind. Soll heißen: Nachts kann geschossen werden.

    Das eigentlich Bemerkenswerte an "Lovecraft Country" ist aber, wie munter das Ganze daherkommt. Ruff lässt seine Figuren weder jammern noch groß zürnen. Atticus, Letitia & Co lassen sich nicht in eine Opferrolle drängen – sie packen die Herausforderungen, die sich ihnen stellen, an. Mit den Grausamkeiten ihrer Geschichte – der allgemeinen wie auch der jeweiligen persönlichen – haben sie sich abgefunden und arbeiten nun daran, die Zukunft besser zu gestalten. Ein Problem zurechtzukommen, das haben in Wahrheit die Söhne Adams, die in sklerotischen Ritualen erstarrt sind, Träumen von der Macht der Großen Alten anhängen und damit zur Metapher eines Systems werden, das unaufhaltsam seinem Ende entgegenbröckelt.

    Große Empfehlung!

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