Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

    Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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    Science Fiction und alternative Geschichtsverläufe von Stephen Baxter, Matthew de Abaitua, David Moody und Matt Ruff

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    coverfoto: blanvalet

    Bruce McCabe: "Unfehlbar"

    Broschiert, 510 Seiten, € 10,30, Blanvalet 2016 (Original: "Skinjob", 2014)

    Mit einer Bombe beginnt der Debütroman des australischen Computerexperten Bruce McCabe – und gar keiner so schlecht beschriebenen. Die Explosion im Stadtzentrum von San Francisco ist nämlich nicht hollywoodmäßig in die Mitte gerückt, stattdessen erleben wir sie aus der Perspektive derer mit, die weit genug von ihr entfernt sind, dass sie nur Fragmente des Geschehens mitbekommen – liest sich recht realistisch. Was da in die Luft gejagt wurde, ist ein sogenanntes Dollhouse: Ein Bordell mit weiblich gestalteten Sexrobotern, die eine in der Science Fiction nicht ganz unbekannte Bezeichnung tragen: Replikanten.

    Das Ermittlerduo

    Auftritt für Special Agent Daniel Madsen vom FBI. Er ist kein gewöhnlicher Ermittler, sondern ein "Plotter". Soll heißen, er trägt ein mit zahlreichen Sensoren ausgestattetes Handheld mit sich (Kurzbezeichnung: HAMDA). Das stabförmige Gerät kann z.B. Spuren von Sprengstoff erschnüffeln, vor allem aber misst es die biometrischen Daten der Menschen, auf die es gerichtet wird. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich also um einen tragbaren Lügendetektor. Da diese Dinger auch bei polizeiinternen Ermittlungen routinemäßig zum Einsatz kommen, sind Plotter in der Kollegenschaft nicht sonderlich beliebt. Da hilft es auch nicht viel, dass Daniel keineswegs zum Spitzeltum neigt, sondern einfach nur akribisch (und leicht verknittert wie Columbo) seiner Arbeit nachgeht.

    Unterstützung erhält Daniel von Sergeant Shahida Sanayei, die beim San Francisco Police Department für Videoüberwachung zuständig ist. Allerdings birgt das eine gewisse Brisanz, denn Shahida hatte eine heimliche Affäre mit einem der Todesopfer des Bombenanschlags – einem verheirateten Polizisten. Sie steckt daher im Dilemma, sich im Zuge der Aufdeckungsarbeit nicht selbst zu kompromittieren, und muss sich irgendwann entscheiden, ob ihr Aufklärung oder der Schutz ihrer Privatsphäre wichtiger ist.

    Die Verdächtigen

    Die Ermittlungen führen zu den verschiedensten Verdächtigen: Etwa japanischen Konkurrenten des Konzerns Dreamcom Interactive, der die Dollhouses betreibt. Zu Feministinnen, denen die elektronischen Hurenhäuser ein Dorn im Auge sind. Vor allem aber zu NeChristo, einer neuen televangelikalen Kirche, die Demos vor den Dollhouses organisiert und kräftig in der Politik mitmischen will.

    Die Praktiken von NeChristo schildert McCabe mit Hingabe: Im Grunde handelt es sich um einen Social-Media-Konzern, der Glaube spielt hier keinerlei Rolle. Wenn die Kirchenoberen tagen, reden sie nicht über Gott, sondern über Spendeneinnahmen ... und schielen dabei fortwährend auf ihre Bildschirme, auf denen die Zahlenkolonnen der Geldflüsse in Echtzeit durchlaufen. Noch demaskierender (und witziger) als die Konzernsitzungen der Kirchenspitze liest sich aber dieses Detail: In der Decke eines Superdome-großen Gebetszentrums ist eine Kamera montiert, über die der örtliche NeChristo-Leiter ausspähen kann, wie die Kollekte läuft. Er fummelte mit dem Joystick herum, bis er einen der Körbe für die Kollekte eingefangen hatte. Mit geübten Bewegungen folgte er dem Korb und zählte die Geldscheine. Münzen, die seine Berechnungen erschwert hätten, gab es keine. Die Körbe hatten Löcher wie Siebe, durch die das Kleingeld fiel und den Knauserigen klimpernd beschämte.

    Science Fiction ...

    Im Grunde ist "Unfehlbar" also ein Gesellschaftspanorama unserer Gegenwart. Dazu passt, dass es sich beim Großteil der im Roman beschriebenen Technologie um Überwachungsgadgets handelt, wie sie vermutlich spätestens morgen Nachmittag mit dem nächsten Antiterrorgesetz installiert werden. Die Replikanten sind da im Vergleich ein einsames Highlight in Sachen SF-Tech, man muss nur mal überlegen, was die alles leisten können müssen: die Nachahmung selbst winzigster körperlicher Reaktionen bis hin zur Mimik, das Interagieren mit menschlichen Kunden, "gefühlsechte" Benutzbarkeit und vieles mehr.

    So originell es auch sein mag, dass zur Abwechslung in einem Roman mal nicht der Krieg, sondern die Pornografie als Mutter der Innovation auftritt, so inkonsistent bleibt "Unfehlbar" im Punkt Technologie allerdings auch. Und spielt daher, was den SF-Faktor betrifft, in einer ganz anderen Liga als beispielsweise die Nahzukunftsvisionen eines Ramez Naam. Von den Materialwissenschaften bis zur Software steckt in den Replikanten so viel Fortschritt, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Teile davon nicht auch in ganz anderen Anwendungen zeigen würden. Stattdessen haben wir nur die Replikanten, vergleichsweise bodenständige Überwachungstechnologien und dieses HAMDA, bei dem ich mir nie die Assoziation verkneifen konnte, dass es auch einem "Yps"-Heft beigelegt sein könnte.

    ... oder doch eher ein Krimi?

    Als Krimi hingegen funktioniert der Roman ausgezeichnet. Und nicht nur, weil er es KrimileserInnen sehr leicht macht, die sich hier nicht erst in einer abschreckend fremdartigen Zukunftswelt orientieren müssen. "Unfehlbar" ist spannend, flüssig geschrieben und fühlt sich deutlich kürzer als die 500 Seiten an, die es hat.

    Zudem sind die eingebauten Twists gut konstruiert. Wenn beispielsweise Daniel und Shahida irgendwann feststellen müssen, dass sie selbst von Ermittlern in die Rolle von Verdächtigen gewechselt sind, dann beruht dies nicht auf irgendeiner an den Haaren herbeigezogenen Konstruktion, sondern auf einer absolut plausibel begründbaren Fehleinschätzung ihrer KollegInnen.

    Und als Zuckerguss obendrauf gibt's eine sehr schöne Schlusspointe.

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