Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

    Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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    Science Fiction und alternative Geschichtsverläufe von Stephen Baxter, Matthew de Abaitua, David Moody und Matt Ruff

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    coverfoto: voodoo press

    David Moody: "Trust"

    Broschiert, 347 Seiten, € 13,95, Voodoo Press 2016 (Original: "Trust", 2005/12)

    Den britischen Horror-Autor David Moody kennen wir aus der Altvorderenzeit der Rundschau, zum einen von seiner äußerst harten "Hater"-Trilogie, zum anderen von seinem Zombie-Zyklus "Herbst". Letzterem hat er seitdem noch einige weitere Erzählungen beigesteuert, ergänzt um Werke mit Szenarien, die Zombie-Apokalypsen zumindest ähnelten. Zuletzt hat er mit seinen Horror-Kollegen Timothy W. Long und Craig DiLouie die Alternate-History-Reihe "Screaming Eagles" gestartet, die einen etwas anderen Zweiten Weltkrieg schildert ... ähem, mit Zombies.

    "Trust" gehört nicht zu diesen jüngeren Werken. Es ist ursprünglich 2005 erschienen – also noch vor der "Hater"-Reihe" -, wurde dann 2012 wiederveröffentlicht und nun auch ins Deutsche übersetzt. Und das hat sich gelohnt! Thematisch tanzt es etwas aus der Reihe, es greift nämlich einen altbewährten SF-Plot auf: Außerirdische landen wegen eines technischen Gebrechens auf der Erde und sagen, sie kommen in Frieden. Aber können wir ihnen vertrauen?

    Die vereinsamende Hauptfigur

    Die Ankunft der Aliens in ihrem riesigen Raumschiff schildert der Prolog in Präsens und Ich-Form aus der Warte der Hauptfigur Tom Winter. Dass danach in Imperfekt und dritte Person gewechselt wird, könnte willkürlich erscheinen. Doch soll der Prolog wohl unterstreichen, wie sehr Tom um sich selbst kreist – das wird für die Handlung noch relevant werden. Tom hat mit seiner beruflichen Vergangenheit, von der wir verdächtig lange nichts erfahren, gebrochen und ist von der großen Stadt ins englische Küstenkaff Thatcham gezogen ... Ironie des Schicksals, dass es die Außerirdischen dann just dorthin verschlägt.

    Tom ist ein Pessimist. Er neigt dazu, Urteile über seine Mitmenschen zu fällen, und wahrt stets eine gewisse Distanz. Da er sich nicht für die Aliens begeistern kann wie die meisten anderen Menschen, fühlt er sich im Lauf der Handlung immer weniger im Einklang mit der Welt.

    Wir und die Aliens

    Nicht, dass es keine Diskussionen geben würde. Zehn Monate soll es dauern, bis die 368 notgelandeten Aliens, die übrigens sehr menschenähnlich sind, von ihren Artgenossen abgeholt werden können. Aber wird ihre zwischenzeitliche Integration in die menschliche Gesellschaft eher in Richtung "Alien Nation" oder "District 9" gehen? Die Spekulationen schießen ins Kraut, und stets sind sie mit Verweisen auf den SF-Kanon verknüpft: "Du bist so verdammt naiv", erwiderte Tom, stand auf und ging wieder zum Fenster. "Hast du 'Alien' nicht gesehen? Es fing an, als sie ein Notsignal beantworteten." Aber mit der Zeit beruhigt sich alles, nur Tom bleibt misstrauisch.

    Wir sind nie dabei, wenn die Entscheidungen gefällt werden, was mit den Gästen zu tun ist. "Trust" bleibt ganz bei der Perspektive der DurchschnittsbürgerInnen – die in diesem Fall allerdings medial mit sämtlichen Infos über die Außerirdischen rundum versorgt werden, um keine klischeehaften Massenpaniken aufkommen zu lassen. Liest sich alles recht glaubhaft – auch beispielsweise die Passage, in der die Aliens ihr leckes Raumschiff aus Sicherheitsgründen in die Sonne schießen. Den Start verfolgen Zuschauermengen an der Küste mit, ein Spektakel wie einst die große Sonnenfinsternis von 1999.

    Kann es sein, dass alles gut geht?

    Und da wir so nah am Leben der Normalsterblichen bleiben, wirkt "Trust" ein bisschen wie "Eastenders" (mit Aliens). Da haben wir Tom und seine Freundin Siobhan, seinen noch studierenden Bruder Rob und den mit beruflichen Sorgen ringenden Freund James oder Toms platonische Freundin Clare, eine alleinerziehende Mutter: ganz normale Leute mit ganz normalen Problemen. Selbst Toms erste direkte Begegnung der dritten Art ist an Banalität nicht zu überbieten: Eine Außerirdische hat sich im Park verlaufen und fragt ihn nach dem Weg.

    Der Roman schreitet voran und schreitet voran und es wollen sich partout nicht die kleinen Verdachts- und Beunruhigungsmomente einstellen, auf deren Erkennung man als Genreleser eigentlich geeicht ist. Irgendwann drängt sich daher die Frage auf, ob das nicht der Zugang sein könnte, den Moody zum Thema gewählt hat – nämlich dass zur Abwechslung tatsächlich mal nichts Schlimmes passiert. Oder zumindest nichts Schlimmeres als Toms fortschreitende Entfremdung gegenüber seiner Umwelt. Aber würde das nicht total Moodys apokalyptischer Bibliographie widersprechen? – Also, ich verrate nichts.

    Sehr spannendes Buch!

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