Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

    Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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    Science Fiction und alternative Geschichtsverläufe von Stephen Baxter, Matthew de Abaitua, David Moody und Matt Ruff

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    coverfoto: klett-cotta

    Joseph Fink & Jeffrey Cranor: "Willkommen in Night Vale"

    Gebundene Ausgabe, 378 Seiten, € 20,50, Klett-Cotta 2016 (Original: "Welcome to Night Vale", 2015)

    2012 starteten die beiden US-Amerikaner Joseph Fink und Jeffrey Cranor den mittlerweile extrem populären Podcast "Welcome to Night Vale". Gegenstand der einzelnen Episoden ist stets das fiktive Wüstenstädtchen Night Vale irgendwo im Südwesten der USA – ein Ort, an dem sich mehr seltsame Dinge ereignen als in Eureka und Haven zusammen.

    Eine Stadt wie keine andere

    Night Vale ist wie ein Zerrspiegelbild der Welt, betrachtet durch die Linse von "Weekly World News" und anderen Medien, die sich auf Dinge wie UFO-Entführungen oder von Bigfoot verursachte Schwangerschaften spezialisiert haben. In Night Vale haben sich alle Verschwörungstheorien, die es gibt, zu einem solchen Kondensat verdichtet, dass sie wahr geworden sind. Es wimmelt hier nur so vor Vertretern anonymer Regierungsbehörden, vermummten Gestalten, Limousinen mit abgedunkelten Scheiben und seltsamen Lichtern am Himmel. Überwachungshubschrauber und Spionagesatelliten ziehen ihre Kreise und in den weniger noblen Stadtteilen haben sich Engel angesiedelt. Die heißen übrigens alle Erika (fragt nicht, warum).

    Der Podcast wird formal vom Moderator des örtlichen Radios, Cecil Palmer, zusammengehalten: Einem buchstäblich allwissenden Erzähler, der gerne in den Äther hinausposaunt, was die Figuren der Handlungsepisoden gerade privat ausgesprochen oder sich gar nur gedacht haben. Dazwischen versorgt er die Welt mit surrealem Gaga à la: "... hat der Stadtrat heute mitgeteilt, dass außer Geschichte auch alles folgende 'Mumpitz' ist: Erinnerung, Zeitmesser, Walnüsse, sämtliche Falken (offensichtlich), höhere Mathematik (Trigonometrie und höher) sowie Katzen." "Welcome to Night Vale" hat sich ganz der Philosophie des Absurdismus verschrieben und übertrifft darin locker die Filme von Mr. Oizo/Quentin Dupieux ("Wrong").

    Vor Gebrauch lesen

    Spannend war vorab natürlich die Frage, ob sich das, was sich im Podcast bewährt hat, einfach so auf einen Roman übertragen lässt. Und wie sich herausgestellt hat, funktioniert es ausgezeichnet. Cecils Radioansagen sind zwar als Einschübe über den ganzen Roman verstreut, der Fokus liegt aber auf den Erlebnissen zweier anderer Figuren und macht die Geschichte tatsächlich zu einer epischen Erzählung. "Willkommen in Night Vale" lässt sich mit größtem Vergnügen lesen, auch ohne den Podcast zu kennen. Man sollte sich aber vorher auf ein paar Besonderheiten vorbereiten, um das Buch nicht vor Schreck gleich wieder zuzuklappen:

    1) Direkte Ansprache des Lesers kann vorwarnungslos aus dem Gebüsch gesprungen kommen: Stellen Sie sich einen fünfzehnjährigen Jungen vor. Nö. Das war total daneben. Versuchen Sie es noch einmal. Nein. Nein. Okay, aufhören.

    2) Vermeintliche und tatsächliche Widersprüche verwirren die Sinne: Da ist dieses Haus. Es ist anders als andere Häuser. Also, stellen Sie sich ein Haus vor. Andererseits ist es ganz anders als andere Häuser. Stellen Sie sich dieses Haus also noch einmal vor. Abgesehen davon, dass es zugleich anders und nicht anders als andere Häuser ist, ist es genau wie alle anderen Häuser.

    3) Vollkommener Nonsense wird mit erklärungsloser Selbstverständlichkeit (fragt nicht, warum!) erwähnt. Etwa dass in Night Vale Kugelschreiber und Bleistifte dem öffentlichen Wohl zuliebe verboten sind. Dass man nicht glaubt, dass es so etwas wie "Berge" gibt. Oder dass man im Küchenkastl natürlich eine Schublade voller heißer Milch hat. Bei weitem nicht alle, aber doch viele dieser Absonderlichkeiten sind Running Gags des Romans wie auch des Podcasts – etwa dass Bibliothekare mörderische Bestien sind und man Büchereien daher tunlichst meiden sollte.

    In persönlicher Mission

    Vor diesem Hintergrund und stets den Umstand im Auge behaltend, dass in Night Vale alles möglich ist, erzählt der Roman die Geschichte zweier Frauen, die durch die Begegnung mit demselben Mann aus der Bahn geworfen werden. Da wäre zunächst Jackie, die seit Jahrzehnten 19 ist (fragt nicht, warum) und eine Pfandleihe betreibt. Ihr drückt der Fremde, der Evan oder Emmett oder Everett oder doch ganz anders heißt und an den man sich einfach nicht erinnern kann, einen Zettel mit der Aufschrift "King City" in die Hand. Diesen Zettel wird Jackie nun nicht mehr los – was immer sie unternimmt, um das Papier zu vernichten oder loszuwerden, es kehrt stets in ihre Hand zurück.

    Die andere Frau, Diane Crayton, ist die alleinerziehende Mutter eines Buben, der seine Gestalt verändern kann (fragt nicht, warum). Sie hat in derselben Firma wie "Evan" gearbeitet ... oder dachte das zumindest. Denn als er eines Tages verschwunden ist, kann sich auch hier niemand an ihn erinnern und Diane wird für verrückt gehalten. Zu allem Überfluss taucht dafür Dianes Ex-Mann Troy wieder in der Stadt auf – aber nicht einmal, sondern in vielfacher Form, er scheint einfach überall zu sein. Da sämtliche Rätsel mit King City verknüpft zu sein scheinen, beginnt Diane der ominösen Stadt nachzurecherchieren; erst allein, später im Team mit Jackie.

    Ach, Diane

    Trotz der unfassbar absurden Dinge, mit denen die beiden Hauptfiguren auf jeder einzelnen Seite konfrontiert werden, ist es letztlich das nur allzu Menschliche, das den Roman zusammenhält und ihn zu mehr als einer witzigen Nummernrevue macht. Insbesondere Dianes Verhältnis zu ihrem Sohn Josh hält einen fortwährend zwischen Rührung und Facepalm-Wünschen gefangen. Diane tut sich furchtbar schwer damit, Brücken zu anderen Menschen zu schlagen, immer wieder sagt oder tut sie unbeabsichtigt das Falsche im richtigen Moment und verzweifelt an sich selbst. Und wenn sie schon mal hoffnungsvoll eine Taktik gefunden zu haben glaubt, wie sie ihre Sozialkompetenz verbessern könnte, geht natürlich erst recht alles schief: Vor einem Treffen mit einer Bekannten notiert sie sich Fragen, um den Smalltalk zu meistern ... und ist just dann kurz am Klo, wenn die Besagte im Café eintrifft und befremdet einen Fragebogen am Tisch vorfindet.

    Das ist zum Schreien komisch. Und sehr menschlich. Einfach schön.

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