Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

    Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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    Science Fiction und alternative Geschichtsverläufe von Stephen Baxter, Matthew de Abaitua, David Moody und Matt Ruff

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    coverfoto: angry robot

    Matthew de Abaitua: "If Then"

    Broschiert, 416 Seiten, Angry Robot 2015

    Dieses Buch stand im Herbst auf meiner "Vielleicht"-Liste, ist dann aber der damaligen Vielzahl an Neuerscheinungen zum Opfer gefallen. Nach dem begeisternden Leseerlebnis von "The Destructives" habe ich den Kauf allerdings sofort nachgeholt; genauer gesagt sogar noch währenddessen.

    Zur Einordnung

    "If Then" ist zeitlich vor "The Destructives" angesiedelt. Wir befinden uns noch in den Jahren, in denen der Kollaps der globalisierten Kultur in eine Vielzahl gesellschaftlicher Experimente auf lokaler oder regionaler Ebene gemündet ist. Der Roman schildert eines davon, angesiedelt im Dorf Lewes an der südenglischen Küste. Das gibt es ebenso wie die übrigen im Roman erwähnten Örtlichkeiten tatsächlich, de Abaitua hat dort einige Zeit gelebt.

    Neben The Seizure als Hintergrund gibt es in Person von Alex Brown, der umtriebigen Großmutter der Hauptfigur von "The Destructives", auch eine personelle Querverbindung. In "The Destructives" erlebten wir in einer Rückblende den Moment mit, in dem Alex klar wurde, dass die alte Zivilisation zu einem Ende gekommen ist – dies geschah einmal mehr in de Abaituas typischem Stil, das Wesentliche nicht explizit auszusprechen, sondern es den Leser selbst erkennen zu lassen. In "If Then" spielt Alex als Wissenschafterin, die Einblick in die mysteriösen Vorgänge des Romans hat, eine etwas größere Rolle.

    Das Szenario

    Die eigentlichen Hauptfiguren von "If Then" sind aber James und seine Frau Ruth. James fungiert in Lewes als bailiff. Ob man das als "Vogt", "Büttel", "Gerichtsdiener" oder sonstwas übersetzen will, lässt sich nicht so leicht sagen – immerhin gab es einen Job wie seinen noch nie. Er umfasst vor allem die Aufgabe, Personen oder ganze Familien, die zur Zwangsräumung vorgesehen sind, aus ihren Häusern zu holen. Wofür er ein zehn Meter hohes Exoskelett ähnlich wie das von Ellen Ripley in "Aliens" trägt. Die Technologie dafür stammt aus einer nahen Hafenstadt, aus der alle Menschen vertrieben wurden und in der nun Maschinen ihre eigenen Projekte verfolgen. In Lewes selbst lebt man technologisch auf dem Stand des 17. Jahrhunderts.

    Auch hier startet de Abaitua, indem er uns eine Riesenmenge Rätselhaftes vor den Latz ballert. Was ist der Sinn der Zwangsräumungen? Was hat es mit dem nahegelegenen "Institut" auf sich, in dem WissenschafterInnen frankensteinartige Selbstversuche durchzuführen scheinen? Und vor allem: Was ist The Process, jene mysteriöse Entität, der sich alles in Lewes unterzuordnen hat? Denn so bukolisch das Leben in dem Dorf auch wirkt, so spürbar ist auch die ständige Angst der EinwohnerInnen, den Anforderungen nicht mehr zu genügen. Ähnlich wie in der Asylum mall von "The Destructives" geht es hier um die metrics of happiness, einen interaktiven Prozess zwischen Menschen und deren Umwelt. Oder anders ausgedrückt: Hier hat das Gemeinwohl ein Eigenleben ... und wir sind schon wieder mitten im Bereich des nicht Greifbaren.

    Dieser Romanteil trägt den Titel "If" und er beginnt damit, dass James etwas, das wie ein Soldat aus dem Ersten Weltkrieg aussieht, aus dem Stacheldraht pflückt, der rings um das Dorf gezogen ist. Wir wissen von Anfang an, dass es sich bei dem Geschöpf mit dem Namen John Hector um ein Kunstwesen aus der nahen Maschinenstadt handelt. Im anschließenden Romanteil "Then", für den wir vom Imperfekt ins Präsens wechseln, wird Hector zu einer Hauptfigur.

    Im zweiten Ersten Weltkrieg

    Die Erzählung scheint nun völlig das Genre zu wechseln, wird zu einem erbarmungslosen Kriegsroman in der Tradition von "Im Westen nichts Neues". Hector ist Teil der alliierten Truppen, die in der berüchtigten Schlacht von Gallipoli einen unfassbar hohen Blutzoll leisten mussten. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Wir wissen, dass es sich beim hier geschilderten Grauen nicht um die historische Schlacht handelt, sondern um eine Nachstellung an der englischen Küste (mit echten Toten allerdings). Wenn der mit Hector in die Schlacht gezogene James fortan mehrfach zwischen seinen Erinnerungen ans 21. Jahrhundert und dieser seltsamen neuen Gegenwart pendelt, nimmt die Erzählung unverkennbare Anleihen bei Kurt Vonneguts "Slaughterhouse-Five".

    Die einzige Schwäche des Romans ist, dass sich dieser Mittelteil mit seinen ausführlichen Schlachtbeschreibungen vielleicht am Anfang besser gemacht hätte. Dann hätten wir es mit einer vermeintlich konventionellen Kriegsgeschichte zu tun, in die sich nach und nach Inkongruenzen einschleichen (zum Beispiel Tiere, die offenbar nicht organischen Ursprungs sind ...), bis einem langsam dämmert, dass hier etwas nicht stimmt. Dieser Mystery-Effekt kann hier natürlich nicht zum Tragen kommen, da wir ja die Ausgangslage kennen. Was wir allerdings nicht wissen, ist die Antwort auf die große Frage, von wem und vor allem warum hier mit gigantischem Aufwand eine historische Schlacht nachgestellt wird.

    Spiegelbilder

    Dass Matthew de Abaitua für die zweite Zeitebene just den Ersten Weltkrieg ausgesucht – und dafür ausführliche literarische Recherche betrieben – hat, wirkt anfangs willkürlich. Wird aber immer stimmiger, je weiter der Roman voranschreitet. Sowohl dieser Krieg als auch The Seizure führten zum Zusammenbruch eines alten Systems und hinein in eine Phase der Experimente. In den Gesprächen der Soldaten in den Schützengräben spiegelt sich die "Laborsituation" wieder, aus der die Moderne geboren wurde: Gesellschaftliche Konzepte wie Demokratie, Faschismus und Kommunismus, aber auch der Beginn der Quantifizierung der Massengesellschaft und die eine oder andere recht exotische Vorstellung: das alles ist hier noch im Fluss, die Richtung ungewiss.

    Und noch eine Parallele gibt es: Nicht nur auf der Realitätsebene des Romans steuert mit The Process ein gesichtsloses Etwas das Leben der Menschen; auch dieser Aspekt spiegelt sich auf der Simulationsebene wider: He is no longer in control of himself. Someone or something else commands him: the war itself.

    State of the Art SF

    Science Fiction sagt nie die Zukunft vorher, sondern betrachtet immer die Gegenwart. Siehe etwa diesen Kommentar über unser Zeitalter in "The Destructives": What Theodore enjoyed most about Pre-Seizure culture was the ease in which people accepted the paradox of using mass-produced objects to express their individuality. "If Then" steht dem in nichts nach und wartet beispielsweise so ganz nebenbei mit der grimmigen Ironie auf, dass der Untergang begann, als im Börsenhandel eingesetzte Algorithmen zum Schluss kamen, dass der Markt an sich auch ohne Menschen bestens funktioniert. Das, was jeder arbeitende Mensch letztlich verkauft – seine Lebenszeit – hatte plötzlich keinen ökonomischen Wert mehr.

    Jeder Zeit ihre Science Fiction. De Abaituas Romane sind für mich einer der bislang stimmigsten Zugänge zu den größten Sorgen unserer Gegenwart: Das Gefühl, nur noch Teil unüberschaubarer Vorgänge zu sein, die von niemand Konkretem gesteuert werden und daher auch durch nichts mehr zu beeinflussen oder gar zu stoppen sind. Und darunter die Urangst: No one is indispensable.

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