Rundschau: Dinger aus einer anderen Welt

    Ansichtssache30. April 2016, 10:00
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    Science Fiction und alternative Geschichtsverläufe von Stephen Baxter, Matthew de Abaitua, David Moody und Matt Ruff

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    coverfoto: tor

    Michael R. Underwood: "Genrenauts 2: The Absconded Ambassador"

    Broschiert, 176 Seiten, Tor 2016

    "Every World a Story, Every Story a Proper Ending." So prangt das Motto der Genrenauten in deren Hauptquartier. Kann mich nicht erinnern, das schon im ersten Teil "The Shootout Solution" gelesen zu haben – aber dann hat Autor Michael R. Underwood halt nachträglich etwas Passendes dazuerfunden.

    Kurz zur Erinnerung: In Underwoods humorvoller Serie von Kurzromanen sind in den höherdimensionalen Raum rings um die Erde die sogenannten Genrewelten eingelagert. Dort sind all die Mythen und Motive, die Genre Fiction ausmachen (von Western bis Horror), gelebte Realität. Erwartbarkeit ist ihre zentrale Anforderung: Denn wenn dort mal eine Geschichte nicht so endet, wie sie sollte, rülpst bei uns aufgrund quantenphysikalischer Verbundenheit die Realität. Dating-Apps verkaufen sich nicht mehr so gut und die Zahl der Eheschließungen geht zurück? Da gibt's womöglich ein Problem in Romance World. Und die Genrenauten müssen ausrücken, um die Dinge wieder gradezubiegen.

    Neuer Einsatz

    Neo-Genrenautin Leah Tang hat in Band 1 zwischen den rauchenden Colts und galoppierenden Pferden von Western World ihre Probezeit absolviert. Jetzt muss sie sich erst mal in den bürokratischen Alltag der Weltenretter einarbeiten (Kapitel 1: Saving the World with PowerPoint). Und wir bekommen ein paar Einblicke ins Praktische: Zum Beispiel ist im Hauptquartier das Tragen von für alle Zeitalter passender Universalunterwäsche Pflicht. Schließlich kann man jederzeit in den Einsatz gerufen werden, und dann möchte man nicht wie Michael J. Fox in lila Unterhöschen die prüden 50er Jahre erreichen.

    Und tatsächlich folgt schon bald der nächste Alarm: Offenbar ist in Science Fiction World etwas passiert. Unterwegs wird Leah schon mal darauf eingestimmt, es mit waschechten Außerirdischen zu tun zu bekommen. "But won't it just be bumpy forehead aliens and pseudo-European political intrigue?", fragt sie mit Blick auf "Star Trek" & Co. Nun, nicht ganz – was ihr dann auf der Raumstation "Ahura-3" entgegenhüpft und -stelzt oder sich durchs luxuriöse Schlammbad wälzt, könnte zumindest die Zweitbesetzung von Jabba the Hutts Hofstaat abgeben.

    Girls and Boys

    Anlass des Alarms ist die Entführung von Kaylin Reed, der Botschafterin der Menschheit, die gerade dabei war eine interstellare Allianz zu schmieden. Diverse Alienvölker haben Botschafterinnen geschickt und mit der knallharten Oksana Bugayeva liegt auch die Station in weiblicher Hand – kein Wunder, dass bei so viel Frauenpower ein Satz wie "That's a bit direct. But I appreciate the ovaries" fällt.

    Das Genrenautenkommando teilt sich in – so nennen sie es selbst – ein Girls- und ein Boys-Team auf. Leah hat zusammen mit ihrer Kollegin Shirin die Aufgabe, die Alien-Abgesandten bei Laune zu halten, damit die Allianz nicht zerfällt, ehe sie überhaupt begonnen hat. Zu Leahs Leidwesen erfordert das jede Menge interkultureller Festmähler ... als wär's eine Satire auf Ann Leckies Teetrinkorgien in "Die Mission".

    Underwood vergisst zum Glück aber nicht auf Haudrauf-Action – für Verfolgungsjagden, Raumschiffkaperungen und Herumballern ist das Jungsteam zuständig: Genrenautenboss Dr. Angstrom King und Actionheld Roman. "I'm here to negotiate!" Roman shouted, words carrying down the hall. "With a freaking rocket launcher?" "That's my icebreaker." Leah wundert sich schon seit dem ersten Band, wie mühelos Roman es immer schafft, eine Actionheldennummer nach der anderen durchzuziehen – in diesem Band werden wir erfahren, warum ihm das gelingt.

    Herzschmerz am Horizont

    Alles in allem präsentiert sich "The Absconded Ambassador" als vergnügliches Weltraumabenteuer aus der Ära der Pulps ... so mancher Autor (auch heute noch!) würde durchaus Vergleichbares nicht mit satirischer Absicht, sondern in vollem Ernst schreiben. Metaliterarische Verweise, satirische Spitzen und Zitate aus der Pop-Kultur gibt es natürlich wieder – aber nicht in aufdringlicherem Ausmaß als in Band 1. Und wenn was kommt, dann zeigt Underwood einen hohen Grad an genrespezifischer (bzw. nerdiger) Bildung. Etwa wenn Leah das interdimensionale Wogen zwischen Earth Prime und den Genrewelten betrachtet und sich an den "Kirby Krackle" aus den Marvel-Comics erinnert fühlt.

    Dass die Gag-Quote nicht zum Overkill gerät, ist auf lange Sicht eine gute Strategie, damit sich die Serie nicht abnutzt. Und eines wollen wir ja auch nicht vergessen: Underwood will Genre Fiction keineswegs durch den Dreck ziehen – im Grunde sind die Erzählungen um die "Genrenauts" eine augenzwinkernde Liebeserklärung.

    Ich bin generell kein dauerhaft am Ball bleibender Serienleser, weil mir das die Zeit für anderes nimmt. Aber zumindest bis zur schon angekündigten nächsten Episode, "The Cupid Reconciliation", werde ich den Genrenauten treu bleiben. Dann geht es nach Rom-Com World, also in die Welt der Liebesschnulzen mit HEA-Garantie. "There, everyone is beautiful, office workers can afford palatial midtown apartments, and hearts are won and broken on every corner."

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