Rundschau: Die Triffids marschieren wieder

    Ansichtssache26. März 2016, 10:00
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    Hitlerattentate als Volkssport, anthropomorphe Tiere und tödliche Pflanzen: Neue SF-Romane von Ann Leckie, Elias Hirschl, Lauren Beukes und Will McIntosh

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    coverfoto: rowohlt

    Lauren Beukes: "Moxyland"

    Broschiert, 363 Seiten, € 10,30, rororo 2016 (Original: "Moxyland", 2008)

    Sodala! Damit wäre jetzt das gesamte bisherige Romanwerk von Lauren Beukes auch auf Deutsch erhältlich. Schlauerweise hat sich der Rowohlt-Verlag den vielbeachteten Roman, mit dem Beukes 2008 der Durchbruch gelang, bis zuletzt aufbewahrt. Denn "Moxyland" ist anders als das mit magischen Elementen angereicherte "Zoo City" oder der Zeitschleifen-Krimi "Shining Girls" Science Fiction pur. Und aus irgendwelchen Gründen tut sich das Mainstreampublikum bekanntlich mit Elfen, Werwölfen und sprechenden Eulen viel leichter als mit Szenarien, die eine plausible technologische und gesellschaftliche Entwicklung schildern – warum auch immer. Glückwunsch jedenfalls an den Verlag, die potenzielle Hemmschwelle gegenüber Beukes gesenkt und nun auch diesen großartigen Roman nachgereicht zu haben.

    Schauplatz, eigentliche Hauptfigur und, wenn man so will, im Grunde auch die Handlung des Romans ist das Kapstadt der nahen Zukunft. Keine schöne Zukunft, zumindest nicht für alle. Die Bevölkerung gliedert sich in die Corporati, also die Angehörigen großer Unternehmen, die wie Quasi-Staaten agieren und über ihre MitarbeiterInnen verfügen wie über Untertanen, sowie den großen Rest, BürgerInnen zweiter Klasse. In einem Südafrika, das von einer Regierung GmbH geleitet wird, haben die Corporati sogar ihre eigene Infrastruktur – einen kleinen Vorgeschmack auf diese Entwicklung erhielten wir vor Kurzem mit der ganz realen Meldung, dass für die saudiarabische Hauptstadt eine Drei-Klassen-U-Bahn gebaut wird.

    An Zynismus kaum zu überbieten

    Damit niemand aufmuckt, existiert ein einfallsreicher Strafenkatalog. Zum Beispiel kann man für einige Zeit offline gesetzt werden – da selbst die kleinsten finanziellen Transaktionen übers Smartphone laufen, kommt das einem Ausschluss aus der Gesellschaft gleich. Und wenn ein schneller Durchgriff "nötig" wird, kann die Polizei jedermanns Handy anpingen, damit es seinem Besitzer einen Stromschlag verpasst; Entschärfung nennt sich das.

    Sollten alle Stricke reißen und nicht einmal mehr die allgegenwärtigen genmanipulierten Polizeihunde ausreichen, dann haben die einfallsreichen Mächte, die die Gesellschaft lenken, immer noch was in der Hinterhand. Beukes schildert, wie eine Demonstration in der U-Bahn aufgelöst wird, indem sämtliche Anwesende aus der Sprinkleranlage besprüht werden, worauf die Durchsage folgt:

    "Der Satzung zufolge, die zu Ihrer Sicherheit angewendet wurde, hat man Sie dem M7N1-Virus ausgesetzt, einer laborkodierten Variation des Marburg-Virus. Brechen Sie nicht in Panik aus. [...] Der M7N1-Virus ist für Sie nur tödlich, wenn Sie NICHT innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden ein Immunitätszentrum aufsuchen und sich behandeln lassen. [...] Die Gegenimpfung ist ein kostenfreier Service der südafrikanischen Polizeibehörde."

    Düsteres Gesellschaftsbild

    "Moxyland" steht ganz in der Tradition von Cyberpunk und Biopunk – und hier ist das "-punk" auch gerechtfertigt. Wir bleiben großteils an denen dran, die an den Rand gedrängt wurden, die auf der Straße oder zumindest unter prekären Verhältnissen leben und zusehen müssen, wie sie an all der neuen Technologie wenigstens irgendwie mitnaschen können. Außerdem zieht sich ein unverkennbares Gefühl von "No Future" durch diese Gesellschaft: eine Ausweglosigkeit, die durch eine mittels Medien und Werbung forcierte Lethargie aufrechterhalten wird.

    Vor allem im ersten Abschnitt bombardiert uns die selbst aus Südafrika stammende Autorin mit Eindrücken aus einem lebendig und glaubhaft gezeichneten Zukunfts-Kapstadt. Die Sprache tut das ihrige dazu und wirkt mit ihrer Mischung aus SFischen Neologismen und südafrikanischen Slangausdrücken (für Letztere gibt es am Ende ein Glossar) doppelt exotisch: ein weiteres gelungenes Beispiel – ähnlich Ian McDonalds "Cyberabad" – für plausible Science Fiction von der vermeintlichen Peripherie.

    Die Hauptfiguren

    Kendra Adams ist eine junge Fotografin, die die glitzernde Welt des Kunstbetriebs kennt. Trotzdem fürchtet sie die Armut und lässt sich deshalb das Logo des Getränkekonzerns Ghost nanotechnologisch in die Haut implantieren. Die unternehmenseigene Bahn saust auf einer Wasserhaut lautlos durch den Tunnel, überschwemmt von den Gezeitenströmungen, die man in den widerhallenden Eingeweiden von Kapstadt auf diese Weise sinnvoll nutzt – wie allen Schmutz, allen Müll in dieser Stadt. Wie letztlich auch mich, Kunsthochschulabbrecherin, schon bald neu erfunden als Markenbotschafterin. Als Sponsoren-Tussi. Als neues Ghost Girl.

    Dem vergnügungssüchtigen Kleinganoven Toby scheint es vollauf zu genügen, in Sex, Drogen und Videospielen zu versinken. In Wahrheit ist er hochintelligent und hegt (wie alle Hauptfiguren übrigens) große Pläne für die Zukunft – am liebsten würde er mit seinem Streamcast "Tagebuch eines Arschlochs" groß rauskommen. Völlig anders die Vision des Aktivisten Tendeka Mataboge: Er ist ein waschechter Idealist, der die Gesellschaft verändern möchte – leidet aber unter seinem mangelnden Charisma, was ihn oft wütend und dann gewalttätig macht. Und dann hätten wir da noch die zynische Corporati Lerato Mazwai, die ihr ganz eigenes Süppchen kocht. Sie stammt übrigens aus einem Aidswaisenhaus, das ein Konzern betreibt, um seine Reihen mit Nachwuchs aufzufüllen.

    Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe ...

    Es gibt diverse Querverbindungen zwischen diesen Figuren, dennoch rätselt man längere Zeit, zu welchem Plot sich ihre Wege letztlich verknüpfen werden. Die Dinge kommen ins Rollen, als Tendeka einen Sabotageakt gegen eine Reklametafel plant: Klingt für uns nach einer lächerlichen Kinderaktion, würde in dieser Zukunft aber schwerst bestraft; mal ganz davon abgesehen, dass so eine Tafel durch Stacheldraht und Starkstrom geschützt wird. Werbung über alles! Angestiftet vom geheimnisvollen skyward*, mit dem Tendeka per Chat kommuniziert, schaukelt sich der Aktionismus allmählich hoch. Bis alle Handlungsfäden schließlich in einem chaotischen Höhepunkt zusammenfinden.

    Beukes selbst nennt ihren Roman im Nachwort einen "heftigen Brocken". Das trifft auch zu, aber vor allem ist er eines: ein Erlebnis!

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