Rundschau: Die Triffids marschieren wieder

    Ansichtssache26. März 2016, 10:00
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    Hitlerattentate als Volkssport, anthropomorphe Tiere und tödliche Pflanzen: Neue SF-Romane von Ann Leckie, Elias Hirschl, Lauren Beukes und Will McIntosh

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    coverfoto: cross cult

    Chris Dingess, Matthew Roberts & Owen Gieni: "Manifest Destiny: Band 1. Flora & Fauna"

    Graphic Novel, gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 20,60, Cross Cult 2016 (Original: "Manifest Destiny Volume 1: Flora & Fauna", 2014)

    1804 schickte US-Präsident Thomas Jefferson die legendäre Lewis-und-Clark-Expedition Richtung Westen, um die unbekannten Lande bis zur Pazifikküste zu erkunden: Geologie, Tier- und Pflanzenwelt sowie die indigene Bevölkerung. Was sie in der famosen Comicreihe "Manifest Destiny" von Autor Chris Dingess und Illustrator Matthew Roberts entdeckt, ist natürlich um einiges spektakulärer als das, was in unseren Geschichtsbüchern steht.

    Es beginnt so idyllisch, wie es nur geht: Mit einem ganzseitigen Landschaftspanorama, über dem ein Reiher am Himmel schwebt ... welcher gleich darauf vom Himmel geballert wird, damit man ihn schön ordentlich skizzieren und sezieren kann. Innerhalb von nur fünf Panels bringen Dingess & Roberts damit nicht nur den damaligen wissenschaftlichen Zeitgeist auf den Punkt. So wird auch bereits das zentrale Motiv der gesamten Geschichte etabliert: die Diskrepanz zwischen Schein und Sein, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Nicht von ungefähr trägt die Reihe diesen Titel: "Manifest Destiny" war im 19. Jahrhundert das Schlagwort für die US-Doktrin, man sei durch göttlichen Auftrag dazu berufen, den nordamerikanischen Kontinent in Besitz zu nehmen.

    Zwei Seiten der Medaille

    Das Comic steht im Zeichen einer durchgängigen Dichotomie: Hier der behutsame Wissenschafter Captain Meriwether Lewis, dessen berufsbedingte Skepsis durchaus auch mal zu Zweifeln an seiner Mission führt – dort der Haudrauf und herzlose Kommisskopp Captain William Clark. Hier freiwillige Expeditionsteilnehmer voller Pioniergeist – dort zwangsrekrutierte Sträflinge (unter ihnen einer, der eine Meuterei plant). Hier der offizielle Auftrag Jeffersons, das unbekannte Land zu erkunden – dort seine geheime Agenda, Monster aus dem Weg zu räumen, die die Expansion der jungen USA nach Westen gefährden könnten (und wir werden Monstern begegnen, keine Sorge ...).

    Hier das offizielle Tagebuch der Expedition, das in die Geschichte einging – dort das geheime, das den "wahren" Verlauf der Geschehnisse schildert und bei Bedarf geschönt werden muss. Als zwei Expeditionsteilnehmer von einer hochansteckenden Infektion befallen werden, schreibt Lewis zunächst: "Captain Clark und ich selbst führten die Exekutionen selbst durch", streicht "Exekutionen" dann durch und ersetzt es durch "Quarantäne-Maßnahmen".

    Gutes Team

    Mit kantigen Corto-Maltese-Gesichtern lässt Matthew Roberts seine Figuren ungeahnten Gefahren ins Auge blicken: Seien es riesige Bison-Zentauren ("So einen Indianer habe ich noch nie gesehen.") oder halb pflanzliche Zombies mit grünem Blut. Beim Wechsel von Ruhephasen zu Actionsequenzen sind die Bilder gerne mal nicht mehr zentriert – dann, wenn die Attacke durch das jeweilige Monster du jour so rasend schnell kommt, dass die Kamera bzw. der Zeichner nur mehr einen Ausschnitt am Rand einfangen konnte. Und zwischendurch wechselt Colorist Owen Gieni auch mal zur Auflockerung das Technicolor-Farbschema und wir sehen nur noch Silhouetten. Einen guten Eindruck zur Optik von "Manifest Destiny" gibt dieser Trailer.

    Autor Chris Dingess hat bislang unter anderem an einigen Fernsehserien mitgearbeitet – etwa als Autor und Koproduzent von Marvels "Agent Carter", was wahrlich nicht die schlechteste Empfehlung ist. Auch für "Manifest Destiny" hat er eine gute Balance zwischen Intelligenz, knalliger Action und der nötigen Dosis Humor gefunden (Hmmm, wie wird ein Zombie-Stinktier wohl die Ansteckung verbreiten ...?). Eine gelungene Mischung aus Secret History, Pionierliteratur und Horror – wobei für Letzteren die Gore-Elemente ebenso wichtig sind wie der psychologische Suspense, der sich aus der Gruppendynamik der Expedition ergibt.

    Und wer weiß, was noch alles kommt. Einmal stehen Lewis und Clark vor einer riesigen pflanzenüberwucherten Struktur, die exakt wie der Gateway Arch von St. Louis aussieht. Der wurde erst in den 1960er Jahren gebaut ... zu Ehren Thomas Jeffersons übrigens. Vielleicht ist das also nur ein augenzwinkernder Gag – aber vielleicht wird die Expedition ja am Ende nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit erkunden. Man darf gespannt sein.

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