Rundschau: Die Triffids marschieren wieder

    Ansichtssache26. März 2016, 10:00
    63 Postings

    Hitlerattentate als Volkssport, anthropomorphe Tiere und tödliche Pflanzen: Neue SF-Romane von Ann Leckie, Elias Hirschl, Lauren Beukes und Will McIntosh

    Bild 4 von 12
    coverfoto: cemetery dance

    Simon Clark: "Night of the Triffids"

    Gebundene Ausgabe, 406 Seiten, Cemetery Dance Publications 2015/16 (Erstveröffentlichung 2001)

    Pflanzen brauchen Liiiiiebe! Und ... manchmal auch Menschenfleisch, das hat uns die Substral-Werbung leider verschwiegen. Ein paar Jahre vor dem Beginn der Rundschau schrieb der englische Autor Simon Clark eine Fortsetzung zu einem der Genre-Klassiker schlechthin, John Wyndhams "The Day of the Triffids" ("Die Triffids"). Dieses Sequel ist kürzlich beim Kleinverlag Cemetery Dance neu aufgelegt worden – Anlass genug für eine Besprechung. Und wem diese limitierte Ausgabe mit 30 Pfund zu teuer ist (signiert kostet sie noch mal erheblich mehr), keine Angst: Es schwirren noch genug ältere und billigere Versionen auf den diversen Kaufseiten herum.

    Sollte es tatsächlich noch jemanden geben, der nicht weiß, was eine Triffid ist: Es handelt sich um eine übermannshohe, fleischfressende, mit einem Giftstachel bewehrte und bedauerlicherweise auch mobile Pflanze. Triffids wurden wegen ihres Öls künstlich gezüchtet – als eines Tages jedoch ein mysteriöses Himmelsphänomen den Großteil der Menschheit erblinden lässt, wird aus dem Segen ein Fluch. Langsam, aber unaufhaltsam schlurfen die Triffids los, fressen die wehrlosen Menschen auf und machen sich die Erde untertan.

    Achtung, es ist wieder Saison!

    John Wyndhams Originalroman aus dem Jahr 1951 endete im Ton grimmiger Entschlossenheit: Die ProtagonistInnen haben sich bis zur Isle of Wight durchgeschlagen, mit ca. 300 Überlebenden – viele davon blind – eine kleine Kolonie aufgebaut, den Triffids feierlich Rache geschworen und sich vorgenommen, das Festland eines Tages zurückzuerobern. Das haben sie 25 Jahre später, als das Sequel einsetzt, zwar immer noch nicht geschafft. Aber immerhin umfasst ihre Kolonie mittlerweile 26.000 Menschen und gedeiht prächtig.

    "Night of the Triffids" beginnt mit einer Hommage ans Original: David Masen, Sohn der Hauptfigur aus Wyndhams Buch, erwacht ... und sieht nichts. Jedoch nicht, weil er erblindet ist, sondern weil sich eine mysteriöse Dunkelheit über die Welt gelegt hat – was die Triffids gleich zu neuer Aktivität anspornt. David ist Pilot, und als er mit seinem Flugzeug über die Wolkendecke vorstößt, um die Ursache zu ergründen, vergrößert sich das Rätsel noch. Allerdings wird Clark die Finsternis bald wieder stark abmildern. Eine ganze Romanhandlung in völliger Blindheit abzuspulen, das blieb dann doch Josh Malerman in "Birdbox" vorbehalten.

    Neue Probleme

    David legt eine Bruchlandung hin und findet sich auf einer schwimmenden Insel aus Pflanzenmaterial wieder. Wurde die etwa von Triffids angelegt, um an neue Nahrungsgründe heranzukommen? Es mehren sich die Anzeichen, dass die fiesen Pflanzen über ein gewisses Maß an Intelligenz verfügen, miteinander kommunizieren können und auch sonst einige neue Tricks auf Lager haben. Erst mal stößt David aber auf ein verwildertes Mädchen, das gegen Triffidgift immun ist, sowie auf ein Dampfschiff voller prächtiger WissenschafterInnen, die von New York aus um die Welt schippern, um zu sehen, wie's dem verbliebenen Rest der Menschheit so geht. Mit an Bord übrigens auch Davids künftiges Love Interest.

    Der Großteil des Romans ist in den ehemaligen USA angesiedelt. Auf Manhattan hat sich eine gut geschützte Kolonie halten können, in der man in erstaunlichem Luxus lebt. Der hat allerdings seinen Preis, wie David bald merken wird. Schon in Wyndhams Roman waren neue Gesellschaftskonzepte, die den veränderten Lebensbedingungen besser entsprechen, ein großes Thema gewesen. Auf einem Planeten, der nur noch von geschätzt einer Million Menschen bewohnt wird, zählt vor allem rapide Vermehrung. Auf Davids heimatlicher Insel hat man sogenannte Mother Houses eingerichtet: autonome Gemeinschaften von (erblindeten) Frauen, die sich ausschließlich mit dem Gebären und Aufziehen von Kindern beschäftigen und sich dafür Männer zum Begatten aussuchen dürfen. Und in Manhattan hat man noch drastischere Maßnahmen ergriffen: "We bring techniques of mass production to the business of birth."

    Kernpunkt des Romans ist Davids Weg zur Wahrheit über die diversen Gesellschaftsmodelle – kurz gesagt, wer hier die Guten und die Bösen sind. Bewaffnete Auseinandersetzungen werden nicht ausbleiben. In Zombie-Kategorien gesprochen (die Triffids gelten ja als historischer Vorläufer von Zombie-Szenarien), haben wir es dem Stadium der Post-Apokalypse zu tun, in dem man sich mehr mit Phänomenen wie dem Governor als mit den hirnlosen Menschenfressern selbst herumschlägt.

    Plus und Minus

    The instant I overflew the Isle of Wight coast a large gull exchanged its earthly existence for the chance of some avian paradise by the simple expedient of flying into my aircraft's one and only propeller. Clarks größte Leistung ist es, Wyndhams Sprache zu emulieren und einen britisch-wohlerzogenen Ton anzuschlagen, der sich wunderbar liest. Wir dürfen uns über jede Menge Wörter in der Preisklasse von lugubrious, tickety-boo oder crikey und Formulierungen wie "blow those murderous plants to merry hell" freuen. Während der Originalroman aber einfach nur die Sprache seiner Zeit hatte, wirkt Clarks gewollter Retro-Stil schon geradezu antiquiert. Und Clark hat nicht nur die Sprache auf alt getrimmt, er musste ja auch bei der Technologie auf einem niedrigeren Stand bleiben: Dampfschiffe hier, Propellerflugzeuge da. Spätestens wenn Panzer in den Kampf rollen, die wie Elefanten auf Walzen aussehen, wähnt man sich in einem Dieselpunk-Roman.

    Auf der kleineren Minusseite steht, dass der Roman, der so ominös begann, etwas überhastet zu Ende gebracht wird. Und eigentlich eine ganze Reihe blinder Motive (pun not intended) hinterlässt, wenn man sich das Ganze nach der Lektüre noch einmal durch den Kopf gehen lässt. Macht ein wenig den Eindruck, als sollte hier der Grundstein für weitere Fortsetzungen gelegt werden, zu denen es dann allerdings nie kam.

    Sag's durch die Blume

    Nichtsdestotrotz gibt es zwei gute Argumente, sich "Night of the Triffids" doch zu genehmigen: Zum einen natürlich, dass es endlich ein Wiedersehen mit den scheußlich-schönen Triffids gibt, was für sich schon Grund genug ist. Oder vielleicht sollte man betonen: Wiederlesen, mit dem Sehen gibt's da ja so einige Probleme – alle drei bisherigen Verfilmungen waren eher Schrott (am besten ist immer noch die Serie von 1981). Vermutlich fällt es leichter, sich eine Pflanze gruselig vorzustellen, als dann tatsächlich zu sehen, wie sie um die Ecke gewatschelt kommt ...

    Und zum anderen die Sprache des Romans, die ganz einfach Vergnügen bereitet. Nicht zuletzt die herrlich zivilisierte Britishness, die von der Hauptfigur auch auf Angehörige anderer Völker und Nationen übergesprungen zu sein scheint. Da sprach der alte Häuptling der Indianer: "Coffee would be lovely. I would, however, if it's at all possible, more than welcome a cup of tea."

    weiter ›
    Share if you care.