Rundschau: Die Triffids marschieren wieder

    Ansichtssache26. März 2016, 10:00
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    Hitlerattentate als Volkssport, anthropomorphe Tiere und tödliche Pflanzen: Neue SF-Romane von Ann Leckie, Elias Hirschl, Lauren Beukes und Will McIntosh

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    coverfoto: p.machinery

    Herbert W. Franke: "Das Gedankennetz"

    Broschiert, 184 Seiten, € 10,90, p.machinery 2015/16 (Erstausgabe 1961)

    Zum Jahreswechsel hat der Verlag p.machinery seine Herbert W. Franke-Werkausgabe mit einem Dreierpaket vorangetrieben. Ich werde hier mit dem chronologisch ersten beginnen und – nicht zuletzt, weil er mir sehr gut gefallen hat – in späteren Rundschau-Ausgaben auch die beiden anderen ("Der Orchideenkäfig" und "Die Glasfalle") noch bringen.

    Nachdem der mittlerweile 88-jährige Wiener Physiker, Computerkünstler und Höhlenforscher Herbert W. Franke eine Reihe von SF-Kurzgeschichten veröffentlicht hatte (zusammengefasst in "Der grüne Komet"), ließ er 1961 mit "Das Gedankennetz" seinen ersten Roman folgen. Und der hielt für die LeserInnen durchaus einige Überraschungen bereit – nicht zuletzt einen fliegenden Genrewechsel zwischen Space Opera und Dystopie und auch sonst noch so einiges.

    Handlungssprünge

    "Das Gedankennetz" startet in einer Zukunft, in der man eine Vorliebe für kurze Namen zu hegen scheint: Vries, Rety, Orch und Ebb – allesamt Mitglieder einer interstellaren Forschungsexpedition, für die nicht weniger als 512 Raumschiffe in Rhomboeder-Formation durchs All gleiten (das hätte das Trick-Budget von "Star Trek" nicht hergegeben). Man stößt auf einen Planeten mit den Resten einer untergegangenen Zivilisation – darunter auch einige konservierte Gehirne. Zurück an Bord, haben die wackeren Forscher nichts Besseres zu tun, als eines dieser Gehirne ans Bordsystem anzuschließen ... welches daraufhin sofort vom Eindringling übernommen wird. Wie diese ein wenig an "Captain Future" erinnernde Episode mit dem Rest des Romans zusammenhängt, wird sich erst am Ende herausstellen.

    Denn in Kapitel zwei lernen wir erst einmal eine neue Hauptfigur kennen: Eric Frost, der auf einer fremdartigen Ozeanwelt zusammen mit einem Kollegen und einem Roboter zwei verschollenen Expeditionsteams hinterherforscht. Die Erkundung einer offenbar künstlichen Korallenbank, die sich aus dem Meer erhebt, ist vortrefflich beschrieben. Nicht immer, aber immer wieder pflegt Franke eine eindringlich bildhafte Sprache – hier etwa Erics Eindrücke vom Weltenmeer, das voller kleiner Gallertkügelchen ist: Sie zogen eine Wolkenspur von Flocken hinter sich her, hauchdünne Hohlkugeln wie von einem Seifenblasenspiel, Tausende von weiß-trüben Kaninchenaugen mit roten Pupillen, die sinnlos über die sanft wallende Oberfläche hetzten. Dieses trübe Gestöber legte sich wie ein Vorhang vor Sid, der die Hände an die Brüstung klammerte und ihnen mit weit geöffneten Augen nachsah.

    Unsanfte Landung in der Wirklichkeit

    Im darauf folgenden Kapitel treffen wir Eric wieder – diesmal jedoch auf einem ganz anderen Planeten, wo er einem abgesetzten Diktator zur Flucht verhilft. Und als wir danach erneut die Welt, aber nicht den Protagonisten wechseln, beginnen sich die ersten Nebel zu lichten. Hier diskutiert ein Panel von WissenschafterInnen den Fall des Eric Frost, dem abweichendes Sozialverhalten attestiert wurde und den man daher virtuellen Erlebnisprüfungen unterzieht. So soll entschieden werden, ob er ein Kandidat für eine Lobotomie ist.

    Den Hintergrund für eine Dystopie irgendwo zwischen "Brave New World", "1984" und "Logan's Run" gibt hier eine Erde ab, die zu einer einzigen, alle Landmassen überwuchernden Betonstadt geworden ist. Die Erkundung des Weltraums hat man längst als zu kostspielig und letztlich sinnlos aufgegeben – recht bemerkenswerte Gedanken für einen SF-Roman aus den 1960ern.

    Lange Vorgeschichte

    Falls jetzt jemand "Spoiler!" schreit: Dass es in "Das Gedankennetz" um Illusionen und die Manipulation des Wirklichkeitsempfindens geht, steht schon auf der Rückseite des Buchs, also sollte vom Grundprinzip niemand überrascht sein. Doch keine Angst: Wir sind erst bei der Hälfte angelangt und Franke hat sich noch jede Menge für den weiteren Verlauf aufgehoben. Und wie er die einzelnen Episoden letztendlich verknüpft, ist wirklich ausgesprochen raffiniert. Mit dieser Episodenhaftigkeit wirkt "Das Gedankennetz" zugleich wie ein organischer Übergang von Frankes früheren Kurzgeschichten zum Langformat – gut möglich, dass da noch ein paar übriggebliebene herumlagen, für die er hier nachträglich einen erzählerischen Rahmen fand.

    Der Band enthält ein Nachwort zur Verwendung von Virtualität bei Herbert W. Franke; zumindest in diesem Roman ist damit übrigens nicht der Cyberspace gemeint, sondern ähnlich wie in Lems "Der futurologische Kongreß" chemisch induzierte Illusionen (man verabreicht Amnesin forte und Haluzinid C siebzehn). Außerdem wartet der Anhang mit bibliographischen Informationen und Farb-Repros aller bisherigen Ausgaben des Romans auf.

    Natürlich merkt man dem Buch trotz Überarbeitung durch den Autor im Jahr 1990 sein hohes Alter an. Da gehören nicht nur Lochkarten-Computer zur Ausrüstung an Bord eines Raumschiffs, sondern auch eine Schreibmaschine. Manche Termini klingen schief ("im Ultraschallgebiet"), und ein-, zweimal hat auch die Physik kurz den Raum verlassen. Das trägt aber nur dazu bei, dem Ganzen einen Touch Retrofuturismus zu verleihen – als würde man eine Vinylplatte von Kraftwerk auflegen.

    Lohnt sich

    Von Ausstattungsoberflächlichkeiten abgesehen, bleibt "Das Gedankennetz" ein Hard-SF-Roman, der sich gut gehalten hat und in manchen Passagen (etwa die Mission am Korallenriff) auch heute kaum besser geschrieben werden könnte. Spannend, gut erzählt und wie gesagt sehr gefinkelt zusammengefügt: "Das Gedankennetz" ist empfehlenswerte Lektüre – nicht nur aus historischem Interesse.

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