Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2015

    Ansichtssache30. Jänner 2016, 15:04
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    Irgendein Buch zu kaufen vergessen? Das Science-Fiction- und Fantasy-Jahr 2015 im Schnelldurchlauf samt einigen Neuvorstellungen

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    coverfoto: gollancz

    Stephen Baxter: "Xeelee. Endurance"

    Broschiert, 448 Seiten, Gollancz 2015

    Und zum Abschluss der Stephen-Baxter-Festspiele 2015 noch deren Höhepunkt – zumindest für diejenigen, die seinerzeit von der Storysammlung "Vakuum-Diagramme" gebannt waren. "Xeelee. Endurance" bildet nun, knapp 20 Jahre später, einen Schwesterband dazu. Es umfasst elf Erzählungen von Kurzgeschichten- bis Novellenlänge, die allesamt zu Baxters vermutlich populärster Schöpfung zählen, dem "Xeelee"-Zyklus. Diese Erzählungen sind, abgesehen von einer Originalveröffentlichung, 2004 bis 2015 in "Analog" und diversen Anthologien erschienen und hier in der handlungschronologisch richtigen Reihenfolge zusammengestellt. Wie schon in den "Vakuum-Diagrammen" spannt sich der Bogen von der relativ nahen Zukunft bis in fernste Weiten ... diesmal sogar noch erheblich weiter als zuletzt. Klingt doch verheißungsvoll, oder?

    Kurze Einführung für NeueinsteigerInnen

    Nur eines darf man sich nicht erhoffen: Wie die alte Nemesis der Menschheit genau aussieht, erfahren wir auch hier nicht. Vor ein, zwei Jahren ging das Gerücht, Baxter schreibe an einer Erzählung, in der wir die stets im Off bleibenden Xeelee endlich auch mal zu "sehen" bekommen würden. Falls er das tatsächlich tut, dann ist sie in diesem Band noch nicht enthalten. Und in nächster Zeit ist er ohnehin anderweitig beschäftigt: Nicht nur mit dem Abschluss der "Lange Erde"-Reihe, sondern auch mit einer nicht von H. G. Wells' Erben abgesegneten Fortsetzung zu "Krieg der Welten". Könnte spannend werden, seine Fortsetzung von Wells' "Zeitmaschine" ("Zeitschiffe") war jedenfalls ein Kracher.

    Aber zurück zu den Xeelee: Vermeintliche Nemesis der Menschheit müsste man genau genommen sagen. Denn eigentlich kämpfen die Xeelee seit Anbeginn der Zeit gegen einen ganz anderen Feind. Die sogenannten Photino-Vögel sind Geschöpfe der Dunklen Materie und bestrebt, das Universum ihren Bedürfnissen anzupassen – unter anderem infizieren sie Sterne und unterwerfen sie einem beschleunigten Alterungsprozess. Und obwohl die Xeelee über Technologie verfügen, wie sie höchstens noch bei den Kosmokraten der "Perry Rhodan"-Serie ihresgleichen findet, können sie die Photino-Vögel nicht stoppen.

    In diesem Milliarden von Jahren andauernden Konflikt ist der Krieg der Menschen gegen die Xeelee, geboren aus einer Reihe von Missverständnissen, nicht mehr als ein Moment der Irritation. Am Ende schieben die Xeelee die Menschheit ganz einfach sanft, aber bestimmt zur Seite und vollenden ihr großes Projekt: Sie wechseln in ein anderes Universum über und geben das unsere dem unvermeidlich gewordenen Untergang preis.

    Und so beginnt es

    Vor dem Hintergrund dieser feststehenden und durchaus ernüchternden Future History sind die einzelnen Geschichten aufgehängt wie Perlen. Wir starten mit "Return to Titan" im 37. Jahrhundert, erstveröffentlicht im Jahr 2010 und noch ganz unter dem Eindruck der Cassini-Huygens-Mission geschrieben. Bei Huygens' Landung auf dem Saturnmond Titan haben wir 2005 mitgefiebert und offenbar verpasst, was den Prolog dieser Geschichte abgibt: Nach Abbruch der Datenübertragung wird die Sonde von einer Klaue gepackt und unter die Oberfläche gezogen. Also, das Bild fällt doch immer aus, kurz bevor's am spannendsten wird!

    Die Rückkehr nach Titan beschert uns ein Wiedersehen mit alten Bekannten aus dem "Xeelee"-Zyklus: Miriam Berg und Michael Poole, dem Mann, der der Menschheit die Wurmlochtechnologie beschert hat (und der viel, viel später das Ende aller Existenz bezeugen wird ...). Zusammen mit dem moralisch zweifelhaften Jovik Emry, einem Ich-Erzähler mit ironischer Distanz, sind sie auf einer gewinnorientierten und letztlich destruktiven Mission. Und stören dabei, ohne es zu ahnen, zum ersten Mal die Kreise der Xeelee. Das Verhältnis war also von Anfang an belastet.

    Per aspera ...

    In den nächsten Erzählungen hat sich die Menschheit mit Gegnern herumzuschlagen, die ihr in etwa ebenbürtig sind. Das sind zunächst einmal Menschen selbst: In "Starfall" führen Kolonisten einen lange vorbereiteten Schlag gegen die Zentralwelt des Imperiums, also die Erde. Im Kontext der Gesamthistorie ist das zwar eine weniger bedeutende Episode, sie glänzt aber mit physikalischem Schachspiel und hat eine Anknüpfung an die alte Erzählung "Der Logik-Pool".

    "Remembrance" erinnert an ein vergessenes Verbrechen unter der Herrschaft der Squeem, der ersten außerirdischen Spezies, die die Menschen für kurze Zeit unterwerfen konnte. Fast unmittelbar danach kam es zur zweiten und länger anhaltenden Invasion durch die Quax. Die Novellette "Endurance", in diesem Band erstveröffentlicht, schildert das Leben unter der Knute der Quax und enthält – wie die meisten Geschichten hier – sehr viele Anspielungen auf ältere Erzählungen aus dem "Xeelee"-Zyklus. Vorwissen ist da durchaus praktisch. Verallgemeinerbar ist aber auf jeden Fall, wie das moralische Dilemma von Widerstand versus Kollaboration auf eine Familiensituation heruntergebrochen wird. Und Hauptfigur Mara muss zur Kenntnis nehmen, dass ihr allseits populärer Sohn – Mutterliebe hin oder her – ein dummer Arsch ist.

    ... ad bellum

    In "The Seer and the Silverman" haben sich die Gezeiten gewandelt, nun sind die Menschen die Aggressoren. Zu spüren bekommen dies die Silver Ghosts, die für lange Zeit letzte Spezies, die der expandierenden Menschheit Paroli bieten kann; wenn auch nur kurz. Verständlich, dass sich die Menschen nach zweimaliger Fremdherrschaft nie wieder in der Position des Schwächeren wiederfinden wollen. Die Parole "Better a Galaxy in ruins than a Galaxy that is not ruled by us", lässt aber nichts Gutes erahnen. In diese Epoche wird auch der Beginn des sinnlosen Kriegs gegen die Xeelee fallen.

    Doch wir switchen gleich nahe an dessen Ende, knapp eine Million Jahre später. In der ebenso schönen wie traurigen Novelle "Gravity Dreams" befindet sich die Menschheit längst auf dem Rückzug. Die Xeelee haben damit begonnen, die Sterne buchstäblich zu verhüllen – nun kann man nur noch versuchen, die verstreuten Splitter der Menschheit einzusammeln und hinter die Front zu retten. "Gravity Dreams" schildert ein solches heroisches Projekt, und Altfans werden sich darüber freuen, dass wir dafür in das Mini-Universum des Romans "Das Floß" zurückkehren.

    Am Ende der Zeit

    Am Ende des Bands stehen fünf lose verbundene Kurzgeschichten, die auf Old Earth angesiedelt sind – 3,8 bis 5 Milliarden Jahre in der Zukunft. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sie zu den zeitlich letzten Erzählungen der "Vakuum-Diagramme" passen. Damals schlossen die Xeelee die Menschheit in eine Raum-Zeit-Falte ein, woraufhin diese auf ein steinzeitliches Niveau zurückfiel. Was auch immer in der – laaangen! – Zwischenzeit mit der Erde passiert ist, nun haben wir es mit einer ganz anderen Welt zu tun. Aber einer großartig konstruierten! Einmal mehr tut Baxter das, was er so vortrefflich beherrscht: Er entwirft eine Welt mit veränderten Naturgesetzen und denkt diese dann zu erstaunlichen Konsequenzen weiter.

    In diesem Fall haben wir es mit "stratifizierter Zeit" zu tun: Je weiter man nach oben klettert, desto schneller vergeht sie – und der Effekt tritt schon in der Dimension von bloßen Metern in Kraft. Was sich nicht nur auf die Hierarchien und Machtverhältnisse der Gesellschaften auswirkt, die unter solchen Bedingungen leben, sondern auch auf das Leben. Ein langer Hals bedeutet ein kleines bisschen schnelleres Denken – ein evolutionärer Vorteil, der sich im Lauf der Jahrmilliarden auswirkt. Aber nicht nur das Leben entwickelt sich weiter. Es ist so viel Zeit vergangen, dass selbst die Relikte des technischen Zeitalters einer Evolution unterzogen wurden: Intelligente Maschinen, Menschen und Lebewesen von verschiedenen Welten ergänzen sich hier zu einem völlig neuartigen Ökosystem.

    Doch egal wie exotisch die Rahmenbedingungen, einige Konstanten bleiben, solange es Menschen gibt. Zum Beispiel gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Weltanschauungen. Hier sind es einmal mehr Kreationisten, die an einen Schöpfer glauben, und Mechanisten, für die die Welt auf natürliche Weise entstanden ist – ironischerweise haben im Fall von Old Earth und ihrer stratifizierten Zeit allerdings die Kreationisten recht. Und noch etwas bleibt, das sich trotz aller kosmischen Kühle wie ein roter Faden durch alle Erzählungen des "Xeelee"-Zyklus sowie durch Baxters Werk insgesamt zieht: Solange es Menschen gibt, die bereit sind, Grenzen zu überschreiten und etwas Neues zu wagen, solange besteht auch Hoffnung. Sogar über den Untergang des Universums hinaus.

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