Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2015

    Ansichtssache30. Jänner 2016, 15:04
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    Irgendein Buch zu kaufen vergessen? Das Science-Fiction- und Fantasy-Jahr 2015 im Schnelldurchlauf samt einigen Neuvorstellungen

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    coverfoto: pyr

    David Walton: "Superposition"

    Broschiert, 301 Seiten, Pyr 2015

    Schon nach wenigen Seiten von David Waltons Roman musste ich grinsen. Zum einen aus Erleichterung, immerhin war im Vorfeld des Erscheinens von "Superposition" überall hochgekocht worden, dass es hier um die Übertragung von Quanteneffekten auf unsere Lebenswelt geht, was einen potenziellen Hirnverknoter befürchten ließ. Ist es aber in keinster Weise – selbst die wissenschaftlichen Aspekte des Romans sind ganz easy-peasy.

    ... und zum anderen, weil "Superposition" einfach munter geschrieben ist. Folgender Dialog aus einem Wissenschafterhaushalt könnte glatt aus "Big Bang Theory" stammen: "You are so hot," I said. "How hot?" she asked, still toying with the hem of the shirt. "Ionizing radiation hot," I said. "Neutral pion decay hot." Elena snorted. "You're such a romantic."

    Zur Ausgangslage

    Wir befinden uns in den 2030er Jahren. Die Welt ist technologisch ein bisschen weiter vorangeschritten, wirkt aber alles in allem noch äußerst vertraut. In der Teilchenforschung haben sich die USA die Weltspitze zurückerobert (Ha! Wunschtraum ...), indem sie den New Jersey Super Collider gebaut haben. Dort arbeitete auch Hauptfigur Jacob Kelley, bevor ihm das interne Gerangel um Fördergelder auf die Nerven ging. Jetzt führt er ein ruhiges Leben als Physiklehrer an einem College und hat eine Frau und drei Kinder zuhause: Mehr als die durchschnittliche SF-Romanfigur von heute, aber nichts gegen die sieben Kinder, die US-Autor David Walton ("Terminal Mind", "Quintessence") selber vorweisen kann.

    ... bis eines Tages Jacobs alter Kumpel und Arbeitskollege Brian Vanderhall vor der Tür steht – mit Flip-Flops im Schnee und insgesamt einen recht verstörten Eindruck abgebend. Brian flutet den skeptischen Jacob mit kaum zu glaubenden Informationen: Dass das Universum ein einziger gigantischer Computer sei, dass sich darin Quantenintelligenzen gebildet hätten, dass es ihm gelungen sei, zu diesen Kontakt aufzunehmen, und dass sie ihm gezeigt hätten, wie sich Quanteneffekte auf die Makrowelt übertragen lassen. Zum Beweis feuert er eine Pistolenkugel auf Jacobs Ehefrau ab, und tatsächlich: Was in der Quantenwelt nichts Besonderes wäre, passiert auch hier. Die Kugel geht durch Elena durch, ohne Schaden anzurichten. Dennoch wird Brian danach natürlich hochkant rausgeschmissen.

    Up-Spin und Down-Spin

    Was in weiterer Folge geschieht, schildert Walton auf zwei Ebenen im Reißverschlusssystem. Die "Up-Spin"-Kapitel erzählen im Rückblick, wie sich Jacob auf die Spur von Brian und dessen Entdeckung setzt. Dazwischen begeben wir uns für die "Down-Spin"-Kapitel, die einige Monate später angesiedelt sind, in einen Gerichtssaal, wo Jacob der Prozess gemacht wird. Wie wir erstaunt erfahren, soll er nämlich Brian ermordet haben. Nicht nur die Richterin versucht im "Down-Spin" herauszufinden, was passiert ist – dasselbe gilt natürlich auch für uns LeserInnen. Schon bald werden sich bemerkenswerte Abweichungen zwischen dem, was vor Gericht rekonstruiert wird, und dem, was wir parallel im "Up-Spin" zu lesen bekommen, zeigen.

    Aber wie soll Jacob auch erklären, was er wirklich gesehen hat? Als er zusammen mit seinem Schwager Marek Swoboda Brians unterirdisches Labor aufsuchte, fand er nicht nur dessen Leichnam, sondern auch eine der Quantenintelligenzen, die buchstäblich aus dem Spiegel sprang, Amok lief und das Labor zerstörte. Jacob und Marek konnten flüchten ... und trafen dabei erneut auf Brian, diesmal quicklebendig. Schon wieder ist ein Quanteneffekt in unsere Welt eingesickert: Erst Brian und später noch andere Figuren vervielfältigen sich, weil nun verschiedene Versionen ihrer selbst gleichzeitig existieren können – aber nicht in irgendeiner Parallelwelt, sondern alle in derselben. Das wird noch zu einigen überraschenden, aber durchaus logischen Twists führen.

    Positive Bilanz

    Das Quantenwesen zeigt sich übrigens in Gestalt eines Spiegelbilds ohne Seitenumkehr. Und gruseligerweise auch ohne Augen. Zieht man die Quanterei mal ab, kommt man im Grunde also sehr schnell auf traditionelle Motive aus der Schauerliteratur, auf Doppelgänger und die Welt hinter den Spiegeln. Nun wird auch klar, warum Jacobs Schwager (trotz offensichtlich tschechischen Namens) ausgerechnet ein Rumäne sein muss: Nämlich damit jemand dem Wesen einen schicken Namen verpassen kann, der noch nicht tausendfach abgelutscht wurde. Die Wahl fällt auf Varcolac, was wohl sowas Ähnliches wie ein Karpaten-Werwolf sein dürfte. Hauptsache griffig! Und Schauertradition hin oder her, die Quanterei verpasst dem Ganzen immerhin eine einigermaßen befriedigende und sciencefictioneske Erklärung.

    Über dem Kampf gegen den mörderischen Varcolac sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Brian (Version 1) nicht irgendwie quantenmagisch varcoliert, sondern ganz banal erschossen wurde. Und das muss schließlich auch irgendjemand getan haben. Jemand aus unserer Welt. Deshalb ist "Superposition" genauso sehr Gerichtssaaldrama und Murder Mystery wie ein SF-Abenteuer.

    ... und insgesamt eine sehr gelungene Mischung. Wer daran Gefallen gefunden hat, für den gäbe es auch bereits einen Nachschlag: "Superposition" ist ein Einzelroman, doch hat Walton nur ein halbes Jahr später mit "Supersymmetry" ein Sequel veröffentlicht, das einige Jahrzehnte später handelt. Bin gespannt, ob sich dafür beizeiten ein deutschsprachiger Verlag interessieren wird.

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