Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2015

    Ansichtssache30. Jänner 2016, 15:04
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    Irgendein Buch zu kaufen vergessen? Das Science-Fiction- und Fantasy-Jahr 2015 im Schnelldurchlauf samt einigen Neuvorstellungen

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    coverfotos: saga press

    Linda Nagata: "The Red"-Trilogie. "First Light", "The Trials" & "Going Dark"

    Broschiert, 432/450/456 Seiten, Saga Press 2015

    The cold fact is our world is seriously fucked up. Dieses Statement dürfen wir getrost als Motto über die gesamte Military-SF-Trilogie "The Red" stellen. Eine der besten Reihen aus diesem Subgenre, die ich seit langem gelesen habe. Den Einstiegsband "First Light" – eine Wiederveröffentlichung bei Saga Press – habe ich im Herbst rezensiert. Kurz danach hat Linda Nagatas neuer Verlag dann die beiden Fortsetzungen, die bis dahin noch nicht erschienen waren, publiziert. Lohnende Lektüre!

    Die Welt

    Zur Erinnerung: In "First Light" lernten wir eine Prä-Cyberpunkwelt kennen, in der SoldatInnen als Linked Combat Squads agieren: Durch das Tragen von Skullcaps oder implantierten Skullnets sind sie untereinander sowie mit ihrer Einsatzleitung vernetzt, zudem regulieren diese "emotionalen Prothesen" ihre Gehirnchemie. Überwachungskameras, Gesichtserkennungssoftware, Mikrodrohnen und Systeme wie FaceValue (Software, die Lügen erkennt) sind allgegenwärtig und die gesellschaftlichen Verhältnisse in plausibler Weise noch unsympathischer geworden: Die Schere zwischen den Superreichen – hier Dragons genannt – und der Normalbevölkerung ist noch weiter aufgeklafft, durch Korruption und Lobbyismus wird die staatliche Politik weitgehend von den Waffen produzierenden Konzernen gelenkt.

    Im ersten Band ist eine der Dragons, Thelma Sheridan, ausgeflippt und hat in den USA ein paar Atombomben hochgehen lassen. Der Prozess wird ihr nun aber in Niger gemacht; das afrikanische Land ist das einzige, das sich der Macht der Dragons nicht beugt. Dass Sheridan geschnappt werden konnte, ist US-Army-Lieutenant James Shelley, der Hauptfigur der Trilogie, und seiner Einheit zu verdanken. Als Belohnung stehen sie nun ebenfalls vor Gericht – daheim in den USA, weil ihre verdeckte Operation nicht abgesegnet war. Wenn Linda Nagata im ersten Band technische Abläufe in Form von Manövern und Kampfeinsätzen geschildert hat, so wendet sie nun dieselbe Sorgfalt auf juristische Prozesse auf. Aber keine Angst: Es dauert nicht allzu lange, dann wird auch schon wieder zu den Waffen gegriffen. Immerhin droht nun ein nuklearer Angriff rachsüchtiger Dragons auf Niger.

    Military SF und mehr

    In Teil 2 und 3 werden Schiffe geentert, Bunker gestürmt, Massenvernichtungswaffen gesucht und gefunden, es gibt Verhöre, Verfolgungsjagden und Schusswechsel, kurz: Es ist wie "Strike Back" auf Cyberpunk und dürfte jeden Fan von Military SF vollauf befriedigen; und es wird auch nicht darauf vergessen, jedem minutiös geschilderten Einsatz einen klingenden Codenamen wie Cryptic Arrow oder Gold Devil zu verpassen. Erzählt wird das alles in dem No-Nonsense-Stil, der Shelleys nüchterne Sicht auf die Welt widerspiegelt: As he steps away, I pull the gun. He swears and shoots a round into my side. I get one into his throat. Given that we're both wearing armored vests, I win.

    Mit professioneller Action alleine wäre die Trilogie aber nicht so hervorragend, wie sie ist. Nagata zwingt ihre ProtagonistInnen – obwohl bei weitem keine Peaceniks – laufend dazu, ihre Handlungen zu hinterfragen. I wanted to serve. I wanted to be the good guy, to do the right thing. But how do you know if the sacrifices you're asked to make are worthwile? If the blood on your hands means something? You don't know. You can't. That's the soldier's dilemma. What it comes down to is trust. Do you trust those who send you into battle?

    Und als wäre die Kriegsbühne der Weltpolitik nicht eh schon unübersichtlich genug, ist da ja auch noch dieser eine vollkommen undurchsichtige Akteur, der der Trilogie ihren Namen gegeben hat: The Red, eine autonome Künstliche Intelligenz, die ihre ganz eigenen Motive hat, in die Geschicke der Menschen einzugreifen. Im ersten Band trat sie als höchst ambivalenter Schutzengel Shelleys auf, der ihn vor gefährlichen Situationen warnte ... nur um ihn in noch gefährlichere zu stürzen. In Band 2 und 3 werden Shelleys Zweifel noch stärker: Erst fürchtet/hofft er, Red hätte das Interesse an ihm verloren – später wird sich immer mehr die Frage nach Reds Zuverlässigkeit aufdrängen. Ist die KI doch nicht das allwissende Mastermind, sondern fehlerhaft oder gar schizophren? Wird sie von jemand oder etwas anderem manipuliert? Oder gibt es gar mehr als eine? Einmal mehr: Do you trust those who send you into battle?

    +++ Spoiler-Grenze für die, die "The Trials" noch nicht gelesen haben +++

    Am Ende des zweiten Bands ist Shelley buchstäblich aus dem Weltraum gefallen und unbemerkt vom Rest der Welt, die ihn fürderhin für tot hält, aus dem Meer gefischt worden. Monate später gehört er einer verdeckten Einheit an, die im direkten Auftrag von Red steht. Die KI hat sich ins unübersichtliche Militärnetzwerk gehackt und kann so ihre kleine, aber bestens ausgerüstete Privattruppe unbemerkt an Budgets und Infrastruktur der US-Armee schmarotzen lassen, um weltweit gegen Bedrohungen der Menschheit vorzugehen. Bei der Auswahl ihrer Ziele wirkt sie allerdings immer erratischer.

    "Going Dark" kommt wie schon sein direkter Vorgänger weniger wie ein Band als wie ein Bündel von Episoden in Novellenlänge daher. Es geht von Einsatz zu Einsatz: Erst in der Arktis Kanadas, dann in Zentralasien, wo jemand mit Raketenabschüssen das Kessler-Syndrom auszulösen versucht (also eine Kaskade von Weltraummüll, die jegliche orbitale Technologie zerstören würde) und schließlich zum Häuserkampf in den Irak, wo eine neuartige biologische Waffe produziert wird. Das hat Seriencharakter – passend dazu, dass Red seit Band 1 Shelleys digital gespeicherte Erlebnisse auf Umwegen an die Medien weiterleitet, wo sie als Reality-Soap ausgestrahlt werden.

    +++ Spoiler-Grenze Ende, es wird wieder allgemein +++

    Band 1 bleibt der beste Band der Trilogie. Zum einen natürlich, weil der noch mit dem Pfund des Neuigkeitswerts wuchern konnte. Zum anderen aber auch, weil Nagata die Handlung dann auf ziemlich gleichbleibendem Niveau weiterführt und schließlich zu einem zwar runden und stimmigen Ende bringt – aber nicht zu einem Kreszendo. Das ist insofern ein wenig überraschend, als Shelley & Co ja seit Band 1 damit hadern, dass Red ihre Leben wie einen Serien-Plot behandelt: mit allem, was dazugehört, inklusive ständiger Eskalation. Immer wieder wird die Handlung von einer Meta-Ebene aus reflektiert, bis hin zu den Titeln der Bücher: "It's called 'The Trials', plural, because the integrity of all the main characters is tested", sagt eine der Figuren in Band 2 – und genau das geschieht in diesem Buch auch. Ein grandioses Schlussfeuerwerk schien da eigentlich unumgänglich, doch es bleibt aus ... allerdings besteht dafür die Möglichkeit auf weitere Fortsetzungen.

    Das ist aber auch schon der einzige – wenn man so will – Makel der Trilogie, die ansonsten mit allem aufwartet, was man sich nur wünschen kann. Inklusive einer Hauptfigur, deren Erlebnisse man unbedingt bis zum Schluss mitverfolgen will. Kennengelernt haben wir Shelley als Zyniker – aber auch erfahren, dass er mal ein Idealist war, bevor er zur Kampfmaschine wurde. Im Lauf der Handlung wird er zur bestmöglichen Synthese aus beidem: Einem Mann, der weiß, was das moralisch Richtige ist, aber nun auch, wie man es durchsetzt. Und so sehr er sich und seine Loyalitäten auch hinterfragen muss, seinen Kern wird er sich bewahren: My uncle calls it true-believer shit. So fuck me. I do believe it.

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