Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2015

    Ansichtssache30. Jänner 2016, 15:04
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    Irgendein Buch zu kaufen vergessen? Das Science-Fiction- und Fantasy-Jahr 2015 im Schnelldurchlauf samt einigen Neuvorstellungen

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    coverfotos: cross cult

    Stephen Baxter: "Steinfrühling" und "Bronzesommer"

    Klappenbroschur, 632 bzw. 554 Seiten, jeweils € 17,30, Cross Cult 2015 (Original: "Stone Spring", 2010, und "Bronze Summer", 2012)

    Wir befinden uns im achten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Das ganze Land zwischen dem Kontinent und den britischen Inseln ist von der ansteigenden Nordsee überflutet ... Das ganze Land? Nein! Ein von unbeugsamen Steinzeitlern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

    Willkommen in Nordland

    So ließe sich die Handlung von "Steinfrühling", des ersten Bands von Stephen Baxters fantastischer "Nordland"-Trilogie, in aller Kürze zusammenfassen. Mit Knoff-hoff aus dem Nahen Osten, wo man schon die ersten Städte gebaut hat, trotzten die BewohnerInnen des Gebiets, das heute als Doggerbank unter Wasser liegt, dem ansteigenden Meeresspiegel und veränderten damit den Lauf der Weltgeschichte. Der Damm, mit dem sie ihre Heimatregion Etxelur schützten, wurde zum Generationenprojekt und immer mehr verlängert. Jahrtausende später hält er immer noch das Wasser zurück; von der britischen Hauptinsel bis nach Dänemark erstreckt sich also weiterhin ein riesiges bewohnbares Land. Zugleich ist der aus einer frühen Variante von Beton gefertigte Monsterdamm besiedelt und damit zu einer Art linearer Stadt von hunderten Kilometer Länge geworden.

    Nordland selbst ist zwar durch ein komplexes Drainage-System durch und durch gestaltet, originellerweise aber nicht in unserem Sinne kultiviert. Baxter wollte explizit eine Hochkultur entwerfen, die nicht auf Landwirtschaft basiert, und spricht im Nachwort davon, dass es Ansätze zu solchen Zivilisationen im Nordwesten Nordamerikas gegeben habe. In unserem Geschichtsverlauf hat sich bekanntlich das Modell Ackerbau und Viehzucht durchgesetzt. Die Nordländer jedoch, die in ihrer dünn besiedelten Heimat nach wie vor vom Jagen, Sammeln und Fischen leben können, blicken etwas verächtlich auf die Bauernkulturen, die sie als Nachbarn im Süden haben. Ich habe mich beim Lesen von "Bronzesommer" mehrfach gefragt, ob Stephen Baxter wohl ein Anhänger der Paläo-Diät ist: Das ist jetzt schon das x-te Buch, in dem er einem die angeblichen Nachteile einer getreidebasierten Ernährungsweise reindrückt ...

    Die nächste Katastrophe

    "Bronzesommer" ist im 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung angesiedelt. HistorikerInnen werden aufhorchen: Das ist die Periode des sogenannten "Late Bronze Age collapse", in dem sich eine ganze Reihe früher Hochkulturen – von Mykene über das Hethiterreich bis zum Neuen Königreich Ägyptens – binnen kurzer Zeit verabschiedeten und die Zivilisation an sich vorübergehend einen drastischen Einbruch erlitt. Baxter läutet den Zusammenbruch mit Dürreperioden ein, ehe dann der Ausbruch des isländischen Vulkans Hekla – bei dem wir übrigens auch live dabei sind – die globale Katastrophe perfekt macht. Kein Wunder also, dass man im kollabierenden Nahen Osten bald begehrliche Blicke auf das fruchtbare und irritierenderweise nicht mal "genutzte" Nordland wirft. Invasionsgefahr!

    Wie Stephen Baxter seine Romane strickt, haben wir 2015 besonders schön mitverfolgen können, sind ja reichlich Titel von ihm herausgekommen: etwa "Ultima" oder die beiden "Lange Erde"-Romane "Der Lange Krieg" und "Der Lange Mars", die sich zunehmend von Baxter-Pratchett-Kooperationen zu unverkennbaren Baxters entwickelt haben. Das Grundprinzip läuft immer darauf hinaus, dass mittels Ideenreichtum, den Baxter kaum einer nachmacht, eine gigantische Leinwand aufgezogen wird, vor deren Hintergrund insektenkleine Menschen agieren, die alle Hände voll damit zu tun haben, im Strudel der Ereignisse nicht unterzugehen. Ob sie "gut" oder "schlecht" sind, hat – in klarem Gegensatz zu den meisten Genreromanen – keinen Einfluss auf ihre Überlebenschancen.

    Das Hauptfigurenhäuflein

    Und so lernen wir sie der Reihe nach kennen: Etwa die junge Milaqua, Tochter der gerade erst ermordeten Anführerin des Nordlands, die ihren Platz in der Gesellschaft erst noch finden muss. Für eine Hauptfigur wirkt sie nicht sonderlich sympathisch – allerdings gibt es einige Anzeichen dafür, dass sie unter Asperger oder einer anderen Entwicklungsstörung leidet, die ihre Empathiefähigkeit verringert. Gleich zu Beginn sieht sie ohne große Regung mit an, wie der aufgebahrte Leichnam ihrer Mutter von Möwen kahlgepickt wird – bezeichnend für sie und ebenso für Baxters ernüchternde Erzählstrategie.

    Derweil ruachelt sich der trotz aller Brutalität seltsam liebenswerte Krieger/Bandit Qirum im verfallenen Troja irgendwie durch; es liegt erst eine knappe Generation zurück, dass die Stadt von den Griechen in Schutt und Asche gelegt wurde. Er wird dort dem Arschloch des zweiten Bands begegnen: Kilushepa, ehemalige Königin des Hattier-Reichs (womit entweder die Hethiter selbst oder deren direkte Vorläufer gemeint sind). Sie ist in der Sklaverei gelandet, setzt aber skrupellos alles daran, ihre alte Machtposition zurückzuerlangen. Die Straße zum Comeback wird sie ins Nordland und über jede Menge Leichen führen.

    Und weit entfernt im Westen ist Milaquas Cousin Tibo damit beschäftigt, einen besonderen Gast abzuholen. Nordland pflegt ja nicht nur seit langem intensive Fernbeziehungen zu den Hattiern, sondern auch zu einigen Kulturen Nordamerikas. Vom Jaguarvolk – offenbar den Olmeken – importiert man Bildhauer, die den Mega-Damm mit den Büsten herausragender NordländerInnen schmücken. Diesmal ist die Wahl auf die junge Caxa gefallen; die darf jetzt also ihre sieben Sachen packen und sich auf das Leben in einer neuen Kultur einstellen. Einer der ersten Eindrücke, die sie von ihrer neuen Heimat bekommt, wird der Ausbruch der Hekla sein, da freut frau sich doch gleich noch mehr.

    Nichts für zarte Gemüter

    Baxters tendenziell unmenschliche Perspektive – zumindest hier weniger eine erzählerische Schwäche als eine bewusste Strategie – schlägt sich auch im Aufbau des Romans nieder. Das "Schicksal" (also der Autor) spielt einigen anfänglichen Hauptfiguren so übel mit ... dass sie im weiteren Verlauf zu Nebenfiguren werden. Wie schon einmal zu einem früheren Buch gesagt: Besser an keine(n) von ihnen sein Herz hängen, dann ist man auch nicht enttäuscht, wenn Unglück und Tod höchst ungerecht zuschlagen.

    Zimperlich ist Baxter in der "Nordland"-Trilogie wirklich nicht. Mal abgesehen davon, dass hier von Anfang an durch Kotze, Pisse, Kot und Blut gewatet wird, müssen wir auch Vergewaltigungen, Verstümmelungen und sonstige Gräueltaten en gros miterleben. Die ganze Trilogie ist eine Lektion in Sachen Unmenschlichkeit historischer Prozesse: Nichts für LeserInnen, die nach Happily Ever Afters lechzen, aber wirklich ganz ausgezeichnet gemacht. Band 3, "Eisenwinter", erscheint im März. Pflicht!

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