Rundschau: Die besten SF-Bücher des Jahres 2015

    Ansichtssache30. Jänner 2016, 15:04
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    Irgendein Buch zu kaufen vergessen? Das Science-Fiction- und Fantasy-Jahr 2015 im Schnelldurchlauf samt einigen Neuvorstellungen

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    coverfoto: crown

    Scott Hawkins: "The Library at Mount Char"

    Gebundene Ausgabe, 390 Seiten, Crown 2015

    Ein Debütroman im allerbesten Sinne, soll heißen: Ein Werk von einem Autor, der die Konventionen des Genres noch nicht allzusehr verinnerlicht hat und deshalb etwas wirklich Originelles abliefert. Nicht nur, dass der aus Georgia stammende Scott Hawkins wunderbar frisch von der Leber weg schreibt und seinen Contemporary-Fantasy-Roman mit jeder Menge verblüffender Einfälle anreichert. Auch der Aufbau der Erzählung wirkt – zum Glück – nicht sonderlich gestreamlinet.

    Da ist zum Beispiel die Sache mit den Löwen. An einer Stelle findet sich eine der Hauptfiguren, Steve Hodgson, in der bizarren Situation wieder, zusammen mit einem Löwenpärchen in einem Haus festzusitzen, das von Hunden belagert wird (die Erklärung, wie es dazu kam, spare ich mir hier). Für die Gesamterzählung ist das nur eine Episode am Rande, allerdings schildert Hawkins sie derart ausführlich, dass man sie fast schon als eigenen Handlungsfaden bezeichnen kann. Ein dienstälterer Autor, der Lektorat und Lesegewohnheiten bereits internalisiert hat, würde sich vermutlich dem Argument beugen, dass das von der Gewichtung her nicht passt. Andererseits gehört die ganze Löwenhandlung zum Witzigsten, was ich seit langem gelesen habe. Auf dem Höhepunkt sieht sich Steve gezwungen, der Löwin ein Zäpfchen zu verabreichen, und das kommt dann auch noch – o Wunder aller Wunder – als wirklich bewegender Moment rüber. Große Klasse!

    Zur Ausgangslage

    "The Library at Mount Char" beginnt damit, dass die zweite Hauptfigur Carolyn, eine seltsam gekleidete Frau in ihren 30ern, blutverschmiert einen Highway entlanggeht, nachdem sie offenbar einen Polizisten ermordet hat. Aus Rückblenden erfahren wir, dass Carolyn einer ganz besonderen "Familie" angehört: Allesamt verloren sie im Kindesalter ihre Eltern bei einer Brandkatastrophe und wurden anschließend von einem Mann adoptiert, den sie schlicht "Vater" nennen. Und der offenbar nichts weniger ist als ein Gott – mit unverkennbaren Anleihen an Jahwe.

    Vater stopft das Dutzend Kinder in ein Haus irgendwo in Virginia und unterwirft sie einer Erziehung von bestialischer Brutalität. Als beispielsweise ein Junge rebelliert, wird er tagelang in einem Barbecuegrill (in Form eines goldenen Stiers!) durchgeröstet und anschließend wieder zum Leben erweckt. All das soll dazu dienen, die Kinder in ihre göttliche Aufgabe hineinwachsen zu lassen. Denn Vater führt eine Bibliothek, mit der sich die Geschicke der Welt lenken lassen. Sie ist in zwölf Kataloge unterteilt, und jedes der Kinder hat einen davon zu verinnerlichen. Im Lauf der Jahre werden sie zu so etwas wie den Entsprechungen antiker Gottheiten: Der sadistische David ist als Meister des Krieges ein neuer Mars, Michael wird zum Schutzpatron der Tiere. Carolyn erlernt jede (menschliche und nicht-menschliche) Sprache der Welt und Margaret bereist das Totenreich ... indem sie sich serienweise umbringt und auf bemerkenswert ekelerregende Weise wiederaufersteht.

    Gottseidank, normale Menschen

    Mit der Zeit werden die Kinder, die sich selbst als "Bibliothekare" bezeichnen und das als Gegensatz zu "Menschen" meinen, eins mit ihrem Prinzip. David etwa ist der Krieg: Er schlachtet im Alleingang ganze Armeeeinheiten ab, wenn ihm danach ist (armer US-Präsident ... ). Da sie dadurch ihre Menschlichkeit weitgehend einbüßen, braucht's natürlich auch ein paar Normalos, um sich auf den Roman bereitwillig einzulassen. Etwa den schon erwähnten Steve, Hauptsympathieträger von "Mount Char": Ein Installateur mit einer Vergangenheit als Einbrecher, der sich aber irgendwie seine unschuldige Seele bewahrt hat und davon träumt, eines Tages Buddhist zu werden und mit seinem Hund nach Tibet zu ziehen. Carolyn engagiert ihn, weil sie und ihre Geschwister seit einiger Zeit durch ein Kraftfeld am Betreten der Bibliothek gehindert werden. Wer dieses Hindernis zu welchem Zweck errichtet hat, wird zum Dreh- und Angelpunkt der Story werden.

    Und dann ist da noch Erwin Leffington, ein ehemaliger Kriegsheld von der richtigen Sorte, soll heißen: Jemand, dem sein Status als lebende Legende egal bis lästig ist und der einfach tut, was zu tun ist – auch in seinem neuen Job bei der Homeland Security. Der bärbeißige Erwin sorgt regelmäßig für Lacher, weil er sich schlicht nix scheißt. So etwa liest sich seine Audienz beim Präsidenten: "I wanted to thank you for your help today," the president said, "and your service to your country, of course." He paused. "It's been very memorable, meeting you." – "Yeah. Nice meetin' you, too." He waved a hand dismissively. "Happy to help and shit."

    Göttliche Umtriebe

    Vergleichbar mit den Protagonisten von Clive Barkers "Cabal" oder "Weaveworld" spielen Steve und Erwin die Rolle der Normalsterblichen, die in übernatürliche Umtriebe hineingezogen werden und uns eine Identifikationsmöglichkeit bieten. Der Rest der Crew würde in seiner Unmenschlichkeit einfach zu abschreckend wirken: Sowohl Vater als auch seine Adoptivkinder ... von den Konkurrenten des Alten mal ganz abgesehen. Denn unser jetziges Zeitalter – das Vierte, ist ja wie bei Tolkien – steht zwar im Zeichen der Herrschaft Vaters, aber andere alte Wesen treiben sich auch noch herum. Bei denen beschränkt sich Hawkins vergnügt auf ominöse Andeutungen – etwa Q-33 North ("sort of iceberg with legs") oder der Duke, zu dem beiläufig angemerkt wird, dass seine Machtübernahme jegliches komplexe Leben auf Erden zum Erliegen bringen würde.

    Yep, hier wird auf der großen Bühne agiert. So klein und schäbig erscheint die Lebenswelt der Bibliothekare an der Oberfläche, da wirkt es jedesmal wie ein Weckruf, wenn mal kurz anklingt, in welchen Dimensionen sie wirklich denken und handeln. Etwa wenn Alicia, die in die Zukunft blicken kann, ganz selbstverständlich den Satz einstreut: "I checked all the way to the heat death of normal space." Obwohl die Bibliothekare verwahrloster als der schlimmste Trailerpark-Trash aussehen, halten sie das Schicksal der Welt in ihren Händen. Strichweise wortwörtlich gemeint. Und letztlich geht es um nichts Geringeres als den Kampf um die Realität.

    "Shameless" at Mount Olympus

    "Mount Char" hat alles: Interessante Charaktere mit wechselvollen Beziehungen untereinander – was ohnehin ein Muss für Contemporary-Fantasy-Romane ist, insbesondere für solche, die weniger originell sind als dieser. Twists und Überraschungsmomente machen sich auch gut; hier kommen sie zumeist in Form einer Gewalttat aus heiterem Himmel. Die richtige Mischung aus Gore (gibt's hier reichlich) und Humor (ebenfalls) sollte ein Autor dann auch noch finden.

    Hawkins tut es bravourös, und ein Großteil des Humors ergibt sich daraus, dass die Bibliothekare zwar ungeheuer mächtig, aber dank ihrer Erziehung durch einen bronzezeitlichen Gott auch etwas hintennach sind. So werden Margarets Wiederauferstehungen (=Ent-Faulungen) gleich viel erträglicher, als man eine fantastische neumodische Erfindung namens Mundwasser entdeckt. Die archaische Einstellung der Bibliothekare zu Themen wie Gewalt, Sex oder Körperhygiene ist schockierend und lustig zugleich, und Hawkins versteht es meisterhaft, den Clash der Kulturen in Situationen und Dialoge von surrealem Witz umzumünzen.

    Zu all dem kommt als ganz besonderer Pluspunkt des Romans dann noch der Kontrast zwischen oben genannter GROSSER Bühne und dem Umstand, dass wir es bei den Bibliothekaren letztlich doch mit nichts anderem als einer stinknormalen, schwer dysfunktionalen Familie zu tun haben. Nur dass deren Zwistigkeiten den Kosmos erschüttern ...

    Kurz gesagt: Großartiger Roman! Volle Sternzahl.

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