Rundschau: Abschied von der Scheibenwelt

    Ansichtssache19. Dezember 2015, 14:30
    73 Postings

    Ein SF-Streifzug durch Wasser-, Wüsten- und Genrewelten von Terry Pratchett über Ramez Naam bis zu Nick Harkaway

    Bild 8 von 11
    coverfoto: albrecht knaus verlag

    Nick Harkaway: "Tigerman"

    Klappenbroschur, 446 Seiten, € 17,50, Knaus 2015 (Original: "Tigerman", 2014)

    Weltuntergangsstimmung der eigentümlichen Art beschert uns der Brite Nick Harkaway, dessen Romane sich ja nie so recht in eine Schublade quetschen lassen wollen. Dabei überschritt sein vorangegangener Roman "Der Goldene Schwarm" nur die Grenzen zwischen verschiedenen Subgenres. Beim aktuellen "Tigerman" könnte man streng genommen die Frage aufwerfen, ob er überhaupt noch der Phantastik angehört. Was aber nichts daran ändert, dass er mir überraschend gut – und besser als der "Schwarm" – gefallen hat.

    Schauplatz ist die Insel Mancreu irgendwo im Arabischen Meer, ein Schmelztiegel aus afrikanischen, asiatischen und europäischen Einflüssen. Dort führten die Menschen ein bescheidenes, aber entspanntes Leben – inzwischen jedoch lodern hier regelmäßig die Feuer von Scheiterhaufenfesten, in denen diejenigen demonstrativ ihr Hab und Gut verbrennen, die die Insel verlassen werden.

    Müllhalde der Globalisierung

    Der Hintergrund: Umweltverschmutzung hat dazu geführt, dass im Untergrund von Mancreu eine "proteische Giftbrühe" voller neuartiger Mikroben schlummert, die durch vulkanische Aktivität an die Oberfläche gelangen kann. Jedes Mal, wenn das Zeug bislang heraufgekommen ist, haben diese Mikroben – doch noch ein Phantastik-Element! – die bizarrsten Effekte ausgelöst. Die Passagen, in denen Harkaway dies Revue passieren lässt, lesen sich gleichermaßen lakonisch und märchenhaft, augenzwinkernd und traurig – und auch ein bisschen gruselig. Wieder zwischen allen Stühlen, das kann er wirklich gut.

    Weil die Weltgemeinschaft Angst hat, dass sich die Mikroben von Mancreu ausbreiten könnten, soll die gerade erst aus dem Vereinigten Königreich entlassene Insel in naher Zukunft sterilisiert werden, worüber eine spezielle NATO-Einheit (NatProMan) wacht. Um ein anderes Phänomen kümmert sich die NATO freilich nicht. Wegen des gesetzlosen Zwischenstadiums, in dem sich Mancreu befindet, hat sich nahe der Insel die sogenannte Schwarze Flotte angesammelt: Ein Sammelsurium aus schwimmenden Spielhöllen und Geheimgefängnissen, Datenoasen und Zwangsarbeitslagern, Drogenfabriken und Spionagenestern, Bordellen und Schattenbanken aus aller Herren Länder. Kurz: der gesamte Abschaum der globalisierten Weltwirtschaft und -politik.

    Noch ein letzter Polizist

    Nur ein Mann steht zwischen der verbliebenen Inselbevölkerung und dem Chaos: Lester Ferris, der ranghöchste – und mittlerweile einzige – britische Botschaftsangestellte, den London als müde Geste für die restliche Zeit auf Mancreu belassen hat, um den Anschein der Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch "der Sergeant", wie Lester im Roman mehrheitlich genannt wird, ist aus altem Holz geschnitzt. Er ist fest entschlossen, seine Aufgabe ernstzunehmen, und erinnert in seiner unerschütterlichen Haltung an Hank Palace aus Ben Winters' wunderbarer Weltuntergangstrilogie "The Last Policeman". Schön, sein Handlungsspielraum ist von offizieller Seite stark eingeschränkt worden, doch unaufdringliche Beharrlichkeit kann bei der Aufklärung von Verbrechen auch ans Ziel führen: "Wenn du dich einfach in den Fluss stellst und lange genug stehen bleibst, hast du irgendwann Fische in der Hose, und alle denken, du bist ein Genie."

    "Tigerman" ist vor allem die Geschichte einer großen Freundschaft, nämlich zwischen "dem Sergeant" und "dem Jungen". Robin nennt sich der und ist ein Straßenjunge unbekannter Herkunft im Prä-Teenager-Alter, für den Lester allmählich väterliche Gefühle zu hegen beginnt. Dass Robin ein großer Fan von Superhelden-Comics ist und die Welt durch den Filter von Superhelden-Plots interpretiert, wird dann das zweite Phantastik-Element in die Geschichte einbringen.

    Tigerman, Tigerman / Does whatever a tiger can

    Als ein gemeinsamer Freund der beiden von Banditen erschossen wird, überredet Robin den Sergeant, das Recht in Maskierung zu verteidigen. Und schon ist alles da, was zu einer waschechten Superheldengeschichte dazugehört: Ein Zustand allgemeiner Gesetzlosigkeit, der sich ein aufrechter Mann entgegenstellt. Ein jugendlicher Sidekick. Sowie eine Origin-Story inklusive traumatischem Ereignis (besagter Überfall) und einem Schlüsselerlebnis, das zur Heldenidentität führt (eine übernatürlich anmutende Begegnung mit einem Tiger am Grab des erschossenen Freundes). Fehlt nur noch ein Kostüm mit ein paar Gimmicks. Das wird sich Lester mit Robins Hilfe zusammenbasteln und damit in zwar nur zwei, aber dafür umso skurrilere Einsätze gehen.

    Was überhaupt das entscheidende Stichwort ist: Von der ersten Seite weg, in der ein Pelikan nicht nur seine Zuschauer, sondern auch sich selbst damit überrascht, dass er eine Taube verschluckt, steckt "Tigerman" voller liebenswürdig skurriler Details. Für Harkaways Tonfall gibt es im Englischen das schöne Wort "quirky". In seiner Schwadronierlust erinnert der Autor mitunter an Sergei Lukianenko. Es steckt aber auch ein kräftiger Schuss Michael Chabon drin, dem Autor von "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" und "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay". An Letzteres erinnert "Tigerman" wegen der Comic-Thematisierung besonders stark.

    Erwähnt sei noch, dass der zunächst noch harmlose Spaß in der zweiten Hälfte in atemlose Action umschlagen wird. Und dass es einen Twist geben wird, den man – alles zusammengerechnet – eigentlich nur als folgerichtig bezeichnen kann. Kurzum: tolle Geschichte! Bislang wusste ich nie so recht, was ich mit Nick Harkaway und seinem Schreiben-zwischen-den-Schubladen anfangen sollte. Aber das hier, das war eine echte Freude.

    weiter ›
    Share if you care.