Rundschau: Abschied von der Scheibenwelt

    Ansichtssache19. Dezember 2015, 14:30
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    Ein SF-Streifzug durch Wasser-, Wüsten- und Genrewelten von Terry Pratchett über Ramez Naam bis zu Nick Harkaway

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    coverfoto: heyne

    Nathaniel Philbrick: "Im Herzen der See"

    Broschiert, 352 Seiten, € 10,30, Heyne 2015 (Original: "In the Heart of the Sea. The Tragedy of the Whaleship Essex", 2000)

    Vom Meeresmond zurück zu den Ozeanen der Erde. Hier hat sich vor beinahe 200 Jahren etwas abgespielt, das sich zu einem der großen Mythen der Moderne entwickeln sollte: Am 20. November 1820 wurde ein Walfangschiff mitten auf dem Pazifik von einem Pottwalbullen versenkt – ein bis dahin vollkommen unvorstellbares Ereignis.

    Das sollte nicht nur Herman Melville zu einem Klassiker der Weltliteratur inspirieren, sondern auch eine ganze Reihe heute weit weniger bekannter Berichte und fiktiver Bearbeitungen in die Welt setzen. Der US-amerikanische Literaturhistoriker Nathaniel Philbrick hat den Fall in diesem minutiös recherchierten Sachbuch aufgearbeitet, das erstmals 2000 erschien und nun noch einmal aufgelegt wurde. Anlass der Neuedition: Hollywood hat Philbricks Buch als Vorlage für einen gleichnamigen Spielfilm herangezogen, der sich allerdings auch bei "Moby Dick" bedient. Seit Richard Dawkins wissen wir, dass Meme einem Prozess folgen, der der Evolution ähnelt. Dann hätten wir hier also einen der Fälle, in denen die Entwicklungsgeschichte – ähnlich wie die des Menschen – weniger einem Stammbaum als einem unübersichtlichen "Stammbusch" voller Querverbindungen gleicht.

    Inselchen im Wirtschaftsboom

    Wir reisen zurück in den kurzen Augenblick der Geschichte, in dem die kleine Insel Nantucket vor der Küste von Massachusetts das schlagende Herz der jungen industriellen Revolution war – mit Walöl als Blut. Philbrick, stilgerecht selbst auf Nantucket ansässig und führendes Mitglied der dortigen Historical Association, geht im ersten Kapitel seines Buchs zunächst mal auf die einzigartige Verbindung von Spiritualität und Habsucht ein, die sich ergab, als die frommen Quäker der Insel Walblut leckten und das große Geschäft witterten. Geradezu ominös – nicht nur in Bezug auf Nantucket, das bald schon wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken sollte – liest sich sein Befund: Gnadenlos erwerbstüchtig, technologisch fortschrittlich und von dem Glauben beseelt, gleichsam erwählt zu sein, stellte Nantucket im Jahr 1821 in kleinerem Maßstab schon das dar, was Amerika erst noch werden sollte.

    Und so sticht am 12. August 1819 der 26 Meter lange und schon etwas angejahrte Walfänger "Essex" mit 22 Mann an Bord in See. Unter einem neuen Kapitän, der aber – anders, als es der derzeit in den Kinos laufende Film suggeriert – sehr wohl Walfangerfahrung hat, er ist bloß eine Sprosse auf der Karriereleiter hochgerückt. Dafür ist der Rest der Besatzung, großteils Teenager, gänzlich unerfahren. Noch im Atlantik kentert die "Essex" zum ersten Mal – von Anfang an scheint ein Unstern über ihrer Mission gestanden zu haben. Doch die Schäden werden repariert, man umrundet das Kap Horn und langt nach ein paar Monaten schließlich dort an, wo das Verhängnis seinen Lauf nehmen wird.

    Der Angriff

    Das, womit "Moby Dick" endet, kommt in diesem Buch bereits nach einem Drittel des Umfangs – das eigentliche Grauen sollte damit ja erst beginnen. Warum der Walbulle die "Essex" zweimal mit Absicht und Schwung gerammt hatte, bis sie der Belastung schließlich nicht mehr stand hielt, lässt Philbrick offen. Er stellt im Lauftext sowie dem daran anschließenden Fußnotenapparat verschiedene Thesen in den Raum. Nur die "romantisierte" Idee, der Bulle hätte die von den Walfängern attackierten Kühe und Kälber verteidigen wollen, verwirft er. Angeblich beschränkt sich die familienpolitische Rolle von Bullen in der Pottwalgesellschaft auf das Absolvieren von One-Night-Stands; wusste ich auch nicht. Allerdings hat es seit dem Ersterscheinen des Buchs auch Beobachtungen gegeben, denenzufolge die zumeist alleinlebenden Bullen im Gefahrenfall doch ihren Artgenossen zu Hilfe eilen können.

    Wie auch immer: Das Ergebnis ist, dass die Crew der "Essex" ungefähr so weit vom Land entfernt, wie es auf unserem Planeten möglich ist, ohne Schiff dasteht. Mit allem, was sich an Vorräten einpacken lässt (inklusive ein paar Galapagos-Riesenschildkröten), steigen 20 Mann in drei Beiboote. Nur acht werden diese am Ende einer dreimonatigen Odyssee wieder verlassen, abgemagert bis zum Skelett und gezeichnet für ihr Leben.

    Erfundene und echte Dramen

    Der Kinofilm, der sich wie erwartet einige Freiheiten herausnimmt, lässt die Schiffbrüchigen noch einige Male auf den Wal treffen, der "Moby Dick"-mäßig zur Nemesis der Seefahrer hochstilisiert wird. In Wirklichkeit hat sich der Wal längst getrollt, stattdessen erleben die Männer Angriffe durch einen Orca und einen großen Hai. Und wer den Film gesehen und sich über die seltsame "Versöhnungsszene" gewundert hat, in der Maat Owen Chase alias Chris Hemsworth mit der Harpune in der Hand im Boot steht und darauf verzichtet, den Wal zu töten ... nun, in Wirklichkeit war's ein Hai und Chase schlicht und ergreifend vom Hunger zu geschwächt, um zuzustechen.

    Das Leben folgt eben keiner Hollywood-Dramaturgie. Kann aber seine eigene, nicht minder gewaltige haben. Wie Philbrick mehrfach betont, hätten die Überlebenden der "Essex" gute Chancen gehabt, die vergleichsweise nahen Gesellschaftsinseln und Tahiti zu erreichen. Doch entschieden sie sich bewusst für den viel längeren Weg nach Südamerika. Der Grund: Sie hatten Angst vor angeblichen Kannibalen auf den Inseln. Angesichts dessen, dass sie später die Leichen ihrer Kameraden essen sollten und in einem Fall sogar Lose gezogen wurden, wer sich als Fleischquelle opfern musste, ist das eine Ironie, wie sie bitterer nicht sein könnte.

    Packende Lektüre

    Philbrick erspart uns keine Grausamkeit. So detailliert wir in einem früheren Kapitel die blutigen Abläufe des Walfanggeschäfts zu lesen bekommen, so ausführlich schildert er dann die körperlichen und psychischen Auswirkungen des langsamen Verhungerns. An einer Stelle liefert der Autor sogar eine Kalkulation, wie viele Kalorien ein geschlachteter Mensch erbringt. Das ist dann die extremste Ausformung von Philbricks lobenswert exakter Arbeitsweise. Er hat nicht nur die beiden wichtigsten Berichte über das Unglück – von Owen Chase und dem Schiffsjungen Thomas Nickerson – miteinander verglichen, sondern auch unzählige andere Quellen zur Geschichte des Walfangs herangezogen.

    Den ausführlichen Fußnotenapparat ergänzen Karten, historische Illustrationen und Fotos sowie ein Glossar für Ausdrücke aus der Seemannssprache (das freilich ein bisschen länger hätte sein können; die Übersetzung ist ausgezeichnet, dürfte aber von einem Nordlicht stammen, das die Nautik mehr im Blut hat als unsereins). Kurz: ein hervorragendes Sachbuch, unbedingt lesenswert.

    Nachtrag: Der Kapitän der "Essex", George Pollard, ging gleich auf seiner nächsten Fahrt wieder mit einem Schiff baden. Das rückt ihn fast schon in die Nähe der legendären Stewardess Violet Jessop, die jeweils an Bord der "Titanic" und deren Schwesternschiff "Britannic" war, als sie sanken – sowie an Bord des dritten, der "Olympic", als diese mit einem anderen Schiff kollidierte. Jessop starb Anfang der 70er mit 83 Jahren. An Land. Und auch Pollard überlebte das wiederholte Unglück. Den Rest seines Lebens verbrachte er glücklich und zufrieden als Nachtwächter – manchmal ist ein Leben ohne große Ambitionen einfach vorzuziehen.

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