Rundschau: Abschied von der Scheibenwelt

    Ansichtssache19. Dezember 2015, 14:30
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    Ein SF-Streifzug durch Wasser-, Wüsten- und Genrewelten von Terry Pratchett über Ramez Naam bis zu Nick Harkaway

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    coverfoto: tor books

    James L. Cambias: "A Darkling Sea"

    Broschiert, 384 Seiten, Rebellion 2015

    Gimelspace ... schon wieder ein neues Synonym für Hyperraum. Das nur am Rande vermerkt, denn der Weltraum spielt im Hard-SF-Roman "A Darkling Sea" nur eine indirekte Rolle. Interstellare Reisen sind langwierige und mit gewaltigem Ressourcenverbrauch verbundene Unternehmen – kein Wunder, dass sowohl die Menschen als auch die schon länger zivilisierten Sholen nur kleine Raumflotten unterhalten.

    Auf engem Raum

    Stattdessen bleiben wir ortsgebunden – was in diesem Fall bedeutet: Ilmatar, ein Mond, der um einen riesigen Exoplaneten kreist und wie Jupiters Europa einen Ozean birgt. Unter kilometerdicken Schichten aus Eis und Wasser liegt eine internationale Forschungsstation der Menschheit, in der sich ein großer Teil der Handlung abspielt. Das Roman-Debüt von US-Autor James L. Cambias, nun auch als Paperback erhältlich, sorgte 2014 für einiges Aufsehen, und das ist nicht zuletzt den glaubwürdigen Darstellungen zu verdanken: Von den verwendeten (Unterwasser-)Technologien, die nur wenige Schritte vom heute Machbaren entfernt sind, bis zum authentisch wirkenden Leben innerhalb der Station – etwa wenn die Crewmitglieder in Diskussionsthreads des stationsinternen Netzwerks Dampf ablassen.

    So beginnt der Roman mit Geätze von Hauptfigur Rob Freeman, einem Kameramann, über einen allseits unbeliebten Selbstdarsteller, der der Forschungsmission aufgehalst wurde: By the end of his second month at Hitode Station, Rob Freeman had already come up with 85 ways to murder Henri Kerlerec. That put him third in the station's rankings – Josef Palashnik was first with 143, followed by Nadia Kyle with 97.

    Zu Gewalt genötigt

    Das besondere Interesse der ForscherInnen gilt den einheimischen Intelligenzformen. Die Ilmatarans sind blinde, drei bis vier Meter lange krebsähnliche Wesen, die an hydrothermalen Quellen auf dem Meeresgrund eine Zivilisation auf in etwa bronzezeitlichem Niveau errichtet haben, inklusive Viehzucht, Arbeitsteilung und Geldwirtschaft – und sogar einer Akademie voller Gelehrter. In der übrigens der verhasste Henri Kerlerec ein rasches Ende im Rahmen einer Alien-Vivisektion finden wird. Als Alien. Die entsprechende Passage, aus dem Munde des Untersuchenden, ist zum Piepen: "My first incision is along the underside. Cutting the hide releases a great many bubbles. The creature reacts very vigorously – make sure the ropes are secure."

    Kerlerecs Tod setzt allerdings Ereignisse in Gang, die nicht mehr so lustig sind – denn eigentlich hätte jeder Kontakt zu den Einheimischen strengstens vermieden werden sollen. Die Sholen reagieren alarmiert und schicken ein Raumschiff ins Ilmatar-System. Das Forscherduo Tizhos und Gishora wird zur Hitode-Station hinuntergebracht und kommt nach einer Untersuchung zum Schluss, dass die Station unverzüglich aufzulassen sei. Ohnehin schwankt der große Consensus der Sholen zwischen einer isolationistischen Politik und Bestrebungen, die interstellaren Ambitionen der Menschheit einzudämmen, ehe es zu spät ist.

    Die Dinge kommen ins Rollen

    Natürlich will sich die Crew der Station das nicht gefallen lassen. Man setzt auf passiven Widerstand – früher oder später wird aber auf beiden Seiten Blut fließen. Obwohl sämtliche Hauptfiguren des Romans von Forscherdrang motivierte WissenschafterInnen sind, ist die Eskalation unvermeidlich. Gewalt hat hier übrigens keine heroische Komponente, jeder Tod wirkt armselig und traurig. Dass in diesen Konflikt letztlich auch die Einheimischen hineingezogen werden, weckt Erinnerungen an das Kolonialzeitalter auf der Erde.

    Ein paralleler Handlungsstrang schildert die Erlebnisse des jungen Ilmatarans Broadtail 38 Sandyslope. Und der kommt ganz schön herum: Vom Besuch der Akademie über einen ungewollten Totschlag, der Broadtails Verbannung nach sich zieht, einen Banditenüberfall und einen Zwischenaufenthalt bei einem verschrobenen Eremiten bis zur unverhofften Entwicklung, dass er Lehrmeister einer Schülerin wird. Broadtails größtes Abenteuer ist aber fraglos die Begegnung mit den seltsamen Wesen von außerhalb – woraus trotz aller Kommunikationsschwierigkeiten sogar eine Freundschaft wird.

    Fremde und nicht so fremde Arten zu denken

    Ich rätsle immer ein wenig, warum ein Autor innerhalb eines Romans zwischen den Erzählzeiten Präsens und Imperfekt wechselt. Auch hier, wo nur die Kapitel um die Ilmatarans im Präsens erzählt werden, ist für mich kein Sinn erkennbar: Die Handlungsstränge laufen zeitlich parallel, und es ist auch nicht so, dass die Ilmatarans eine sonderlich fremdartige Psyche aufweisen würden, sodass man ein "anderes Zeitempfinden" unterstellen könnte. Im Gegenteil, sie wirken für mich fast schon zu menschlich. Sieht man einmal davon ab, dass die Ilmatarans ein rigoroseres Territorialitätsverständnis hegen als Texaner und dass sie ihren Nachwuchs in der Wildnis aussetzen und bei Bedarf wieder einfangen ... oder fressen. Immerhin: Die Vergleichbarkeit mit Menschen führte zur lustigen Vivisektionspassage (sorry, Henri!).

    Die Sholen, obwohl den Menschen biologisch viel ähnlicher, wirken da schon fremdartiger. All ihr Denken und Handeln muss auf einer vorherigen Konsensfindung basieren – und die umfasst nach Bonobo-Art gerne auch eine körperliche Komponente (was sich auf Menschen leider nicht übertragen lässt, wie Tizho und Gishora feststellen müssen, als sie versuchen, den Stationsleiter zu sich ins Bett zu holen). So stößt die Verständigung zwischen Menschen und Sholen paradoxerweise auf viel größere Hürden als die zwischen Menschen und den Ilmatarans, obwohl diese nicht einmal über die gleichen Sinneswahrnehmungen verfügen.

    Kann man empfehlen

    "A Darkling Sea", das unverkennbare Anklänge an Hal Clements "Schwerkraft"-Trilogie hat, ist eine gelungene First-Contact-Geschichte, die davon handelt, wie sich Hindernisse überwinden lassen und wie aus den besten Absichten aller Beteiligten doch noch etwas Schlimmes entstehen kann. Und am Ende, da stellt eine vollkommen unerwartete Entdeckung auch noch eine mögliche Fortsetzung in Aussicht.

    P.S.: Im Mai erscheint der Roman bei Cross Cult auf Deutsch!

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