Rundschau: Die Reichsflugscheiben sind gelandet

    Ansichtssache21. November 2015, 10:00
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    Science Fiction mit Retro-Touch von Stephen Baxter, Terry Pratchett, Frank Hebben und Zachary Jernigan

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    coverfoto: manhattan

    Terry Pratchett: "Mrs Bradshaws höchst nützliches Handbuch für alle Strecken der Hygienischen Eisenbahn Ankh-Morpork und Sto-Ebene"

    Gebundene Ausgabe, 144 Seiten, € 13,40, Manhattan 2015 (Original: "Mrs Bradshaw's Handbook", 2014)

    Seien wir ehrlich: "Toller Dampf voraus", Terry Pratchetts letzter Scheibenweltroman "für Erwachsene" (ein Buch mit Tiffany Weh folgte ja noch – wird in der nächsten Rundschau kommen), war nicht das Gelbe vom Ei. Eigentlich nicht einmal das Weiße. Umso schöner, dass er einen so – man kann es nicht anders nennen – zauberhaften Ableger wie diesen geboren hat.

    In "Toller Dampf voraus" begegneten wir kurz einer reizenden älteren Dame, der frisch verwitweten Georgina Bradshaw, die gerade ihr Faible für Reisen mit der neuerfundenen Eisenbahn entdeckt hatte ("schließlich kann man nicht bis in alle Ewigkeit trauern"). Aber sie wollte nicht einfach nur herumfahren, sondern auch ihre Eindrücke in einem Buch festhalten. Reiseliteratur hat in England eine lange, ehrwürdige Tradition, und wir wollen nicht vergessen, dass auch Terry Pratchett selbst dieser Sparte einige höchst vergnügliche Texte beigesteuert hat. Mrs Bradshaws Werk liegt nun vor – erneut hat sich damit nach Miss Felicity Beedles "The World of Poo" ein Objekt der Scheibenwelt auf der unseren materialisiert.

    Mit offenen Augen und offenem Herzen gereist

    Zum Glück haben wir es nicht mit jener Art von Reiseliteratur zu tun, die mit ach so intelligent-ironischen Bemerkungen über die Eigenarten der bereisten Länder und Leute in erster Linie die eigene Borniertheit zum Ausdruck bringt. Nein, Mrs Bradshaw erweist sich als offen, stets positiv (außer wenn die sanitären Standards einer Unterkunft wirklich zu wünschen übrig lassen) und sehr auf Vermittlung von hilfreichen Fakten bedacht. Das beginnt mit einem einleitenden Kapitel, wie man sich auf eine Zugreise vorbereitet, und reicht bis zur akribischen Auflistung von Hotellerie, Gastronomie und sonstiger Infrastruktur an sämtlichen im Buch genannten Reisezielen; Angaben von Markt- und Feiertagen inklusive.

    Die von Mrs Bradshaw bereisten und beschriebenen Strecken führen ins Paris-ähnliche Quirm, über die riesigen Kohlanbaugebiete der Sto-Ebene ("Die endlosen Kohlfelder erstrecken sich in alle Richtungen mit einer Gleichförmigkeit, die beruhigend wirken könnte – wäre da nicht dieser überwältigende Kohlgeruch."), nach Zemphis, durchs Kreideland und bis nach Lancre; weiter ist das Schienennetz der Hygienischen Eisenbahn noch nicht vorgedrungen. All das sehen wir durch die wohlwollenden Augen einer Dame, die Pole-Dancing in bezaubernd unschuldiger Weise interpretiert, sich dafür aber an Details der Eisenbahnausstattung erfreuen kann: "Vermutlich ist Frau Königs guter Geschmack für die hübschen Vorhänge verantwortlich. Sie passen zum Stoff der Sitzbezüge, der ein apartes Kohlkopfmuster variiert."

    Aber nicht nur Schlösser, Trollbrücken und die 1.000 Dinge, die man mit Kohl machen kann (und die Kohl mit einem macht), zählen zu den Sehenswürdigkeiten. Unter anderem begegnen wir hier auch einer Scheibenweltversion von Tracey Emins berühmter Installation "My Bed" oder dem hier: "In der Bahnhofshalle erinnert eine Plakette auf einem zerbeulten Amboss an Jobst und Schmelztiegel Wessling, die einheimische Pioniere der Dampfkraft waren – wenn auch nur für einen kurzen, abrupt endenden Tag." Es wimmelt in "Mrs Bradshaws Handbuch" nur so vor Sickerwitzen und versteckten Pointen, und der schmale Band hat mich viel, viel öfter zum Lachen gebracht als der vergleichsweise leblose Roman, dem er entsprungen ist.

    Liebe zum Detail

    Dass das Buch streng die Form eines Reiseführers wahrt und nicht auf Biegen oder Brechen in jeder Herbergsbewertung eine Pointe unterbringen will, hat ihm gutgetan. Humoristisches Potenzial ergibt sich ohnehin von selbst – etwa aus dem Umstand, dass auf der Scheibenwelt jede Infrastruktur die Benutzung durch verschiedene Spezies berücksichtigen muss ("Allen Reisenden der ersten Klasse stehen exklusive Luxustoiletten zur Verfügung. Erkundigen Sie sich nach dem Mahagonisitz mit Trittleiter und kleinerer Brille für Zwerge."). Oder schlicht und einfach daraus, dass Züge noch eine brandneue Erfindung sind und im Eisenbahngesetz daher auch vermeintliche Selbstverständlichkeiten ausdrücklich festgehalten werden mussten – zum Beispiel, dass in Tunnels weder Pilze gezüchtet noch Bergbau betrieben werden darf.

    Und das ist erst die rein textliche Seite des Handbuchs. Der liebevoll gemachte Band enthält auch jede Menge Illustrationen aus dem neuerblühenden Wirtschaftsleben von Ankh-Morporks näherer und weiterer Nachbarschaft. Dazu kommen Bilddokumente wie Fahrkarten, Werbeannoncen ("Ratte-to-go aus der Feinkostbude"), Merkblätter und Karten. Man beachte, dass es auf der Karte der Sto-Ebene ein eigenes Symbol für Kohlanbauregionen gibt – schon wieder so ein unaufdringlicher und darum umso gelungenerer Gag.

    Kurz: Hier steckt viel, viel Liebe drin. Das ist, obwohl es ja keine Handlung im eigentlichen Sinne gibt, so mitreißend, dass man am liebsten selbst in die nächste Hygienische Eisenbahn steigen möchte, um in Oberfilzwiesen beim großen jährlichen Schweinerollen dabeizusein oder in Kohlfurt ein ausgelassenes Wochenende voller Kurzweil und geselligem Häkeln zu verbringen. Ein kleines Buch mit großem Charme.

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