Rundschau: Die Reichsflugscheiben sind gelandet

    Ansichtssache21. November 2015, 10:00
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    Science Fiction mit Retro-Touch von Stephen Baxter, Terry Pratchett, Frank Hebben und Zachary Jernigan

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    coverfoto: manhattan

    Stephen Baxter & Terry Pratchett: "Der Lange Mars"

    Klappenbroschur, 445 Seiten, € 18,50, Manhattan 2015 (Original: "The Long Mars", 2014)

    Joshua Valienté, der Silvester 2045 mit nichts Stärkerem als einem kleinen Teil seines wertvollen Kaffeevorrats begangen hatte, erwachte mit Kopfschmerzen. Dann brüllte er in den leeren Himmel hinauf: "Und was jetzt?"

    Die Ausgangslage

    In der Tat, was jetzt? Was wird nun aus der "Long Earth"-Reihe, nachdem sie durch den Tod von Terry Pratchett zur Halbwaise geworden ist? Und selbst ohne diese Tragödie hätte sich die Frage gestellt, wie es weitergehen soll, nachdem in den ersten beiden Teilen "Die Lange Erde" und "Der Lange Krieg" schon ziemlich viel Pulver verschossen worden ist. Um eine Antwort drückt sich "Der Lange Mars" vorerst noch herum.

    Der Vorgängerband endete wie schon Band 1 wortwörtlich mit einem Knalleffekt. Heißt in diesem Fall: mit dem Ausbruch des Supervulkans von Yellowstone auf unserer Version der Erde, der Datumerde. Seitdem sind fünf Jahre vergangen, allerdings gibt es zu Beginn des Romans noch einige Rückblenden auf Rettungseinsätze während der Eruption. Wäre ja auch eine dramaturgische Vergeudung gewesen, die größte globale Katastrophe der Menschheitsgeschichte zur Gänze im Off zu belassen. Aber wie gesagt: Nun ist sie vorbei, die Menschheit ist zum größten Teil auf Nachbarerden in der unendlichen(?) Weltenreihe gewechselt und so langsam beginnt sich ein neuer Alltag zu etablieren.

    Drei Expeditionen

    Weiter geht's mit dem bereits bekannten Personal aus den Vorgängerbänden. Zum Beispiel mit Kapitänin Maggie Kauffman, die mit zwei Luftschiffen – jedes davon größer als die "Hindenburg" – 200 Millionen Welten weit westwärts reisen soll. Ein Prestigeprojekt, weil es eine chinesische Expedition, die Richtung Osten zog, deutlich in den Schatten stellen wird – einen anderen Sinn hat die Mission eigentlich nicht. Man hofft allerdings, so nebenbei auf Spuren einer früheren Expedition zu stoßen, die verloren ging.

    Zur zweiten und titelgebenden Mission ruft der längst totgeglaubte Willis Linsay auf, der einst den Bauplan des Geräts veröffentlicht hatte, mit dem jeder Mensch nach Belieben zwischen den Parallelwelten der Langen Erde herumspringen kann. Linsay will erforschen, ob auch der Mars Teil einer Weltenkette ist, und meldet sich bei seiner Tochter Sally, einer der Hauptfiguren der Reihe. Engagiert wird auch der pensionierte Astronaut Frank Wood, der nie ins All fliegen konnte, weil sämtliche Weltraumprogramme nach dem Wechseltag eingestellt wurden. Aber nun gibt es ja neue Möglichkeiten: Über zwei Millionen Welten weit westwärts klafft eine Lücke, weil die Erde in dieser Version der Geschichte zerstört wurde. Hier kann man also "zu Fuß" ins Vakuum wechseln. Von einer flugs in der Lücke angelegten Weltraumstation (von der ich gern Näheres gelesen hätte) brechen die drei nun also zum Mars auf.

    Und dann ist da noch die zweite Hauptfigur der Serie, Joshua Valienté. Er begibt sich auf Bitte der Künstlichen Intelligenz Lobsang hin auf die Spur der Next, also der hyperintelligenten Kinder, die in den vergangenen Jahrzehnten geboren wurden, die sich inzwischen als neue Homo-superior-Spezies begreifen und die im besten Fall wie unsympathische Klugscheißer rüberkommen – im schlimmsten wie kleine Hitlers. Dieser Plot wird sich allerdings erst im letzten Drittel des Romans stärker entfalten, bis dahin wird in erster Linie gereist.

    Im Schnellvorlauf durch die Lange Erde

    Dann verschwammen die Welten ineinander. Sie erreichten einen bestimmten kritischen Punkt, an dem die Wechselrate so schnell war, dass das Auge nicht mehr folgen konnte, als wären die Welten – jede von ihnen eine komplette Erde! – nicht mehr als kurze Wiederholungen eines digitalen Bildes. Gemäß dem Sequel-Gesetz gibt es hier mehr vom Selben, aber in gesteigerter Form. Je weiter außen die Erden liegen, desto exotischer werden sie. Die Luftschiffexpedition stößt auf landlebende Quallen, Krebstiere, die Ackerbau betreiben, Schwefelsäure-Ökosysteme, eine Welt mit zwei verschiedenen Lebensstammbäumen und eine, in der die Erde nur der Mond eines Riesenplaneten ist.

    Ähnlich sieht es bei der Marsexpedition aus. Der Rote Planet verhält sich allerdings gewissermaßen komplementär zur Erde. Belebte Versionen findet man hier nur vereinzelt – stets dann, wenn sich in einer Version etwas sehr Ungewöhnliches ereignet hat, das den jeweiligen Mars für einige Zeit mit flüssigem Wasser und Atmosphäre ausgestattet hat. Verstreut zwischen sehr vielen toten Versionen finden die Linsays hier immer wieder Marse, auf denen krustentierartige Intelligenzformen und "Dune"-mäßige Sandriesen leben. Jede Menge versteckte Anspielungen auf 100 Jahre marsianische SF-Literatur gibt's als Zugabe oben drauf.

    Ein Platz für Menschen?

    Als Motto könnte über "Der Lange Mars" in dicken Lettern das Wort MÖGLICHKEITEN stehen: geologische, evolutionäre, technologische und gesellschaftliche. Mehrfach philosophieren die ProtagonistInnen beispielsweise, ob Kriege eine unvermeidliche Begleiterscheinung intelligenten Lebens sind. All die verschiedenen Möglichkeiten, die uns hier in Form einer Bildungsreise präsentiert werden ... das ist ein typisches Baxter-Thema. Und in der Tat fühlt sich "Der Lange Mars" für mich viel eher wie ein Baxter- als wie ein Baxter&Pratchett-Roman an.

    Und wo ist Pratchetts Einfluss geblieben? Da hätten wir ein Kurzkapitel, in dem sich ein launiger Akademiker im Radio über seinen Interviewpartner lustig macht: "Sie sehen mich an wie ein Affe, dem man eine Banane mit Reißverschluss in die Hand gedrückt hat." In dem Satz allein steckt mehr Lebendigkeit als in so manchem ganzen Kapitel. Leider sind solche Anfälle von Pratchett'schem Humor, von denen es in den ersten Bänden noch viele gab, kaum noch zu finden. Bezeichnend, dass besagtes Kapitel mit der restlichen Handlung praktisch nichts zu tun hat und eher so wirkt, als wäre hier ein hübsches Fundstück aus Pratchetts Vermächtnis eingebaut worden.

    Dass die "Long Earth"-Reihe notgedrungen immer stärker in die Hände Stephen Baxters übergeben werden musste, blieb natürlich nicht ohne Folgen. Zum Guten – wenn Baxter seine Hard-SF-Stärken ausspielen kann – wie zum Schlechten. "Menscheln" war noch nie Baxters Stärke; siehe beispielsweise das recht flach beschriebene Wiedersehen Sallys mit ihrem verschollenen Vater: eigentlich ein hochemotionales Ereignis, das aber dramaturgisch leider versemmelt wurde.

    Immer weiter! Immer weiter!

    "Der Lange Mars" funkelt etwas weniger als seine Vorgänger. Man kann sich den Roman ungefähr wie die dritte Woche InterRail vorstellen: Immer noch unterwegs, nur das Gefühl für die Richtung geht allmählich verloren und erste Abnutzungserscheinungen werden spürbar. Nüchtern betrachtet hat man es hier mit drei Missionen zu tun, von denen eine keinen wirklichen Sinn hat (Erde), der der zweiten lange offen bleibt (Mars), während der dritten nur wenig Erzählraum gewidmet wird (Homo superior).

    Soll nicht heißen, dass man unterwegs nicht weiterhin reichlich Attraktionen sichten würde, der Seitenverschlingfaktor bei der Lektüre ist immer noch hoch. Ich tu mich nur ein wenig schwer damit, "Der Lange Mars" als Roman zu betrachten. Eher wirkt er wie ein Abschnitt aus einer Mega-Erzählung. Deren Fortbestand ist allerdings gesichert: Teil 4, "The Long Utopia", ist im Original bereits erschienen. Und 2016 wird Baxter die seinerzeit auf fünf Bände konzipierte Reihe mit "The Long Cosmos" tatsächlich abschließen.

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