Rundschau: Die Reichsflugscheiben sind gelandet

    Ansichtssache21. November 2015, 10:00
    95 Postings

    Science Fiction mit Retro-Touch von Stephen Baxter, Terry Pratchett, Frank Hebben und Zachary Jernigan

    Bild 2 von 11
    coverfoto: begedia

    Frank Hebben: "Der Algorithmus des Meeres"

    Gebundene Ausgabe, 128 Seiten, € 12,50, Begedia 2015

    In die Hand genommen, angefangen zu lesen und nach 20 Seiten gleich wieder zugeschlagen. Mag ein wenig verschroben klingen, aber hier bin ich genauso vorgegangen, wie ich es mit einer CD mache, bei der ich schon nach zwei Liedern merke, dass sie mir so richtig gefallen wird. Einteilen, länger davon zehren können.

    Da bauen sich doch gleich mehrere Nominierungsmöglichkeiten für den nächsten Kurd-Laßwitz-Preis auf! Nachdem 2014 in Sachen deutschsprachige SF eher mau war, sind mir heuer schon ein paar Titel untergekommen, die Kandidaten wären – mit Frank Hebben als klarer Nummer 1. Allerdings werde ich mich wohl erst erkundigen müssen, ob "Der Algorithmus des Meeres" unter Lang- oder Kurzformat fiele: Es ist zwar als eigener Band erschienen, allerdings hat es von der Seitenzahl her kaum Novellenlänge und zudem ein Layout, das einem Gedichtband entspricht. Und apropos Optik: Die retro-surrealistischen Cover von Thomas Franke, der den Laßwitz-Preis 2012 gewonnen hat, sind mir immer wieder ein Fest.

    Im Herbst der Zivilisation

    Schauplatz des Geschehens ist ein kleines Hotel an der Küste – was an und für sich schon ein Sinnbild der Melancholie wäre. Hier jedoch umso mehr, da die Einrichtung angejahrt und salzzerfressen ist und die verbliebene Infrastruktur nur noch mit Mühe zusammengehalten wird.

    Meerwassergewächshaus – mit geodätischer Kuppel: Kristall, Salz an den Scheiben, vom Rondell eingefasst, dessen Rundgang verrostet; löchrige Bodenbleche. Die Pflanzen hinter Glas, Schnörkel aus Blättern und Stängeln. Luvwärts liegt der Eingang, dort steckt Karton in den Fenstern, fingerdicke, poröse Waben, die faulen, weil sie von Sole durchtränkt sind; an Tagen, wenn heiße Luft nach innen bläst und die Nässe verdunstet, das Klima abkühlt, sich Tropfen an den Scheiben bilden, nachts und in Sammelbecken fallen: Trinkwasser!

    Eine kleine Gemeinschaft namentlich Genannter (nebst einer Reihe von StatistInnen) führt in diesem Hotel ein Leben zwischen Recyceln, Reparieren und Improvisieren. Auf den Zimmern wird in erdegefüllten Wäschekörben Gemüse gezüchtet, auf dem ehemaligen Tennisplatz Getreide angebaut (ein ähnlich schönes Bild des Niedergangs wie die Keller abgetragener Häuser, die im Dschungel von Paolo Bacigalupis "Versunkene Städte" zu Fischteichen geworden sind). Die Gebäude in der Umgebung stehen leer, vor der Küste ist ein Öltanker havariert, Fässer und tote Quallen werden an den Strand gespült: Es reiht sich ein endzeitliches Bild ans nächste – und doch ist die Stimmung insgesamt keineswegs depressiv, sondern in eigentümlicher Weise ... heimelig.

    Zur Handlung

    Was den offenkundigen Niedergang ausgelöst hat, wird nicht gesagt – soferne es den ProtagonistInnen überhaupt bekannt ist, denn das Hotel scheint vom Rest der Welt abgeschnitten. Die alte Lina erzählt von den Zeiten, als alles noch funktionierte. Maro und Kassandra, die beiden jungen Hauptfiguren, kennen es gar nicht mehr anders.

    Das postapokalyptische Idyll wird gestört, als im Hotel wie aus dem Nichts ein neuer Gast auftaucht: Sal, der sich selbst mysteriös als "das Salz" bezeichnen wird. Und als würde er dies wörtlich interpretieren, würzt er das Geschehen. Er löst nicht nur Spannungen in der zaghaften Beziehung zwischen Maro und Kassandra aus, sondern bringt durch sein eigentümliches Verhalten auch sonst die Dinge ins Rollen.

    Dies führt letztlich dazu, dass Maro mit einem zusammengeflickten Fahrrad auf den alten Weg geschickt wird, die einzige Verbindung zum Hinterland. Das wird zu einer ziemlichen Überraschung führen – mehr darf dazu an dieser Stelle allerdings nicht gesagt werden, wenn nicht gespoilert werden soll. Aus demselben Grund kann ich hier leider auch nicht aus dem reflektierten (und im Verhältnis zur Länge der Erzählung sehr ausführlichen) Nachwort der Autorin Karla Schmidt zitieren. Bloß nicht vorab lesen!

    Kann man gar nicht genug empfehlen

    Frank Hebben ist ein Meister der Sprache. Bereits in den poetischen Miniaturen von "Das Lied der Grammophonbäume" hatte er gezeigt, wie er mit wenigen Worten dichte atmosphärische Wirkung erzielen kann. Das ist hier noch einmal gesteigert und die Reduktion auf ein noch höheres Maß als in Cormac McCarthys "Die Straße" gebracht. – So unterschiedlich können sprachliche Herangehensweisen sein: Dietmar Dath erzeugt Präzision, indem er Sätze wie wissenschaftliche Theoreme schreibt, die jede Unschärfe durch die Komplexität der Konstruktion unbarmherzig ausmerzen. Hebben erreicht dieselbe Präzision durch Reduktion auf das absolut notwendige Minimum. Hier ist auch wirklich nicht ein einziges Wort zuviel! Und so ganz nebenbei wäre "Der Algorithmus des Meeres" auch ganz wunderbar verfilmbar.

    Kurz gesagt: Ich bin – wieder einmal – schwer beeindruckt.

    weiter ›
    Share if you care.