Rundschau: Die Reichsflugscheiben sind gelandet

    Ansichtssache21. November 2015, 10:00
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    Science Fiction mit Retro-Touch von Stephen Baxter, Terry Pratchett, Frank Hebben und Zachary Jernigan

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    coverfoto: heyne

    Michael J. Sullivan: "Zeitfuge"

    Broschiert, 446 Seiten, € 10,30, Heyne 2015 (Original: "Hollow World", 2014)

    Leicht skurril, wenn jemand einen Zeitreiseroman schreibt und sich im Vorwort bemüßigt fühlt, ausdrücklich festzustellen, dass Zeitreisen nicht möglich sind. Fast als wollte er sich bei seinem Publikum entschuldigen. Das Nachwort weist ähnlich defensive Tendenzen auf, und wenn ich dann noch den Roman an sich betrachte, komme ich insgesamt zum Schluss: So richtig wohl fühlt sich Michael J. Sullivan, der als Fantasy-Autor ("Riyria") bekannt geworden ist und mit "Zeitfuge" seinen ersten SF-Roman vorlegt, im neuen Genre noch nicht.

    Der Plot

    Die bereits leicht angegraute Hauptfigur des Romans ist Ellis Rogers aus Detroit, der die Midlife-Crisis hinter sich gelassen hat und schnurstracks in eine Sackgasse eingefahren ist. Sein Leben stagniert, das Verhältnis zu seiner Frau ist abgekühlt, seit der gemeinsame Sohn Selbstmord begangen hat. Und dann wird Ellis zu allem Überfluss auch noch eröffnet, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet und ihm nur noch wenige Monate bleiben. Allerdings hat Ellis dank seiner MIT-Ausbildung noch einen Trumpf in der Hinterhand bzw. in der Garage: Er hat die Thesen eines fiktiven deutschen Physikers aus den 30er Jahren aufgegriffen, korrigiert, praktisch umgesetzt und sich eine Zeitmaschine gebaut. In Giger-Optik offenbar, aber ansonsten doch ganz genauso wie weiland bei H. G. Wells.

    Und so flieht Ellis aus seinem privaten Unglück in die Zukunft. 200 Jahre hat er eingestellt. Als er ankommt, findet er sich aber nicht zwischen kühnen Wolkenkratzern und geodätischen Kuppeln wieder, sondern inmitten rauschender Wälder. "Ich bin Luke Skywalker, abgestürzt auf Dagobah", ist sein erster Gedanke. Könnte auch Fangorn sein. – An dieser Stelle (es ist erst ein Neuntel des Romans verstrichen) ziehe ich eine Art extrafrühe Spoilergrenze, denn hier lag für mich der Höhepunkt von "Die Zeitfuge": Beim völlig offenen Rätselraten, wo bzw. wann Ellis denn da gelandet sein mag (der Klappentext verrät nämlich auch nicht mehr). Wer keine Details wissen will, breche die Rezension an dieser Stelle ab und begnüge sich mit der Info, dass ihn ein okayer, wenn auch leicht anachronistisch wirkender und insgesamt eher harmloser Zeitreiseroman erwarten wird.

    Jenseits der Spoilergrenze

    Bald muss Ellis feststellen, dass ihn seine Maschine nicht 200, sondern über 2.000 Jahre in die Zukunft getragen hat. Was nebenbei bemerkt völlig seiner kurz zuvor getroffenen Aussage widerspricht, er habe vor seiner Reise ganz genau die Erdbahn miteinkalkulieren müssen, um nicht versehentlich im Weltraum zu landen – ging dann ja offenbar irgendwie doch von selbst. Aber immerhin: Die erhoffte Superzivilisation gibt es tatsächlich, sie hat sich bloß weit unter die Erdoberfläche zurückgezogen (darum der wesentlich treffendere Originaltitel "Hollow World") und den vormaligen Lebensraum der Renaturierung überlassen.

    Die Menschen der Zukunft präsentieren sich Ellis als haarlose, geschlechtslose und zumeist auch bekleidungslose Wesen, die wie Klone aussehen und sich ganz dem Vergnügen und der Selbstverwirklichung hingeben. Von Wells' Eloi unterscheidet sie allerdings, dass sie ihre Intelligenz behalten haben, obwohl sie in ihrem vernunftgeprägten Utopia keine Sorgen mehr kennen. Das Institut zur Bewahrung der Spezies hat längst sämtliche Krankheiten ebenso abgeschafft wie das Altern ... und das Y-Chromosom.

    Friede, Freude, Eierkuchen, möchte man meinen. Und doch wird Ellis gleich zu Beginn Zeuge eines Mordes: ein unerhörtes Ereignis. Rasch ist daher die "Expertise" des Besuchers aus der barbarischen Vergangenheit gefragt – und Schreibtischhengst Ellis findet sich unverhofft in der gleichen Rolle wie Sylvester Stallone in "Demolition Man" wieder: Ellis war zwar ebenfalls alles andere als ein Held – dafür hatte er eine Pistole und das Y-Chromosom, sie auch zu benutzen. Vorhang auf für einen Kriminalfall vor dem Hintergrund der Frage, welchen Weg die Menschheit in weiterer Folge einschlagen soll.

    Zeitreise durchs Genre

    Was seine Berufsausübung anbelangt, ist US-Autor Michael J. Sullivan ein Kind seiner Zeit: Er hat "Hollow World" mit Kickstarter-Unterstützung via Selfpublishing veröffentlicht und war geschickt genug, mit einem herkömmlichen Verlag einen Print-Only-Deal auszuhandeln. Der sichert ihm ein funktionierendes Vertriebssystem für die gedruckte Version (plus Hörbuch- und Auslandsrechte obendrauf), während er die Renditen der E-Version allein einsacken kann: das Beste aus beiden Welten also.

    Ironischerweise ist diese Strategie weit moderner als Sullivans Zukunftsentwurf. Fast alles hier kennt man schon, ob von Wells oder aus anderen Quellen. Die Drei Wunder etwa, die der Hohlen Welt ihren Wohlstand sichern: Unbegrenzte Energie, eine Art Beam-Technologie via Portale und Replikatoren-artige Maschinen, die aus beliebigem Grundmaterial alles herstellen können, was gewünscht wird – das hatte "Star Trek" auch schon. Und Sullivans Zukunftsszenario einer Menschheit, die dank Vernunft und der Möglichkeiten einer wohlmeinenden Technokratie alle gesellschaftlichen Probleme gelöst hat, das ist im Kern mit ganz alten Utopien à la Edward Bellamys "Rückblick aus dem Jahre 2000" identisch. Die finden auch in der Struktur der "Zeitfuge" ihr Echo: Dankenswerterweise hat Sullivan zwar auf einen Konflikt als Plotdriver nicht vergessen – nichtsdestotrotz strömt hier ganz wie bei den klassischen Vorbildern jede Menge Info über die Segnungen der neuen Welt in Form von belehrenden Gesprächen und Diskussionen auf den staunenden Besucher aus der Vergangenheit ein.

    Resümee

    In vielen kleinen Details blitzt auf, dass Sullivan als Autor unbestreitbar Witz hat. Etwa wenn sein Protagonist die blitzsaubere pseudonatürliche Umgebung der Hohlen Welt bestaunt und sich vorkommt wie in einem Bildschirmschoner. Oder wenn ein Zukunftsmensch von den literarischen Giganten der Vergangenheit schwärmt: "Einmal hatte ein Sammler ein Buch dabei – ein echtes Buch, einen Klassiker. (...) Es war umwerfend. Wirklich unglaublich." "Wissen Sie auch noch den Titel des Buchs?" "Den werde ich nie vergessen: 'Neues Glück' von Danielle Steel. Das Sprachgefühl damals war einfach unerreicht, so meisterhaft! Ich stelle mir Ihre Zeit außerordentlich romantisch und abenteuerlich vor."

    Schreiben kann er – aber ich bleibe bei meiner Meinung, dass Sullivan in der Science Fiction (noch zumindest) etwas fremdelt – ähnlich wie ein Krimiautor, der zur Abwechslung mal ein historisches Setting ausprobiert. Man kann sich alles mögliche Wissen ergoogeln und sich bei Vorbildern aus dem Genre bedienen – aber das Ergebnis wird selten denselben Ansprüchen genügen wie ein von vorne bis hinten durchkonzipierter Entwurf eines Autors, der wirklich aus dem betreffenden Genre stammt.

    Im Nachwort schreibt Sullivan, vielleicht wieder mit Blick auf das eher eskapistisch ausgerichtete Publikum seiner Fantasywerke: Es gibt eine Menge ideologischen Zündstoff in diesem Buch. Naja. – Stimmt schon, es werden Themen wie Religion, Sexualität, Klimawandel und Ökonomie angesprochen. Aber man hat auch schon Radikaleres gelesen. Dass Religion Konflikte auslöst, Umweltzerstörung die Umwelt zerstört und ein Mann Gefühle für eine Person entwickeln kann, die nicht eindeutig weiblichen Geschlechts ist ... ich glaube nicht, dass "Die Zeitfuge" mit solch radikalen Aussagen Straßenschlachten auslösen wird. Netter Zeitreiseroman, aber schon auch ein bisschen kamillenteeig, das Ganze.

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